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Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.110

Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.110

Language
German

v3.c23.110

An der Entwicklung der bengalischen Prosa hatte insbesondere der als sozialer und religiöser Reformator wie als Gelehrter und Schriftsteller gleich berühmte Rāmmohun Roy (1774—1833) den größten Anteil¹. In einer vornehmen Brahmanenfamilie geboren und aufgezogen, war Rāmmohun Roy mit der brahmanischen Religion und deren heiligen Büchern von Jugend auf vertraut. Nachdem er in jungen Jahren auch Persisch und Arabisch gelernt hatte, verwendete er seine Sprachkenntnisse zum Studium des Koran und lernte nicht nur den Monotheismus des Islam, sondern auch die mystischen Lehren der persischen Sufis kennen. Später wurde er in Tibet mit dem Buddhismus bekannt und lernte durch christliche Missionare auch das Christentum kennen. Um das Alte und das Neue Testament im Urtext lesen zu können, bemühte er sich sogar, Hebräisch und Griechisch zu lernen. Unbefriedigt von dem indischen Polytheismus, hatte er nichts Geringeres vor, als alle Religionen der Welt zu studieren, um das Beste aus ihnen herauszunehmen und zu einem geläuterten Gottesglauben zu vereinigen. Schließlich aber glaubte er, im Monismus der Upaniṣads die Summe aller Weisheit zu finden. Auf Grund des Studiums einerseits der heiligen Bücher der fremden Religionen und andererseits der altehrwürdigen heimischen Upaniṣads, von denen er einige herausgab und übersetzte, wollte er die alte brahmanische Religion reformieren und wurde so der Begründer des Brāhma-Samāj, der »Gesellschaft der Gottesgläubigen«. Er glaubte damit nicht eine neue Sekte oder Kirche zu gründen, sondern nur die alte indische Nationalreligion von allem Falschen zu reinigen. Zu diesem Falschen rechnete er auch das Kastenwesen und die Sitte der Witwenverbrennung, gegen die er als sozialer Reformator in Wort und Schrift zu Felde zog. Als er 1830 nach Europa kam, wurde er von Jeremy Bentham als »bewunderter und geliebter Mitarbeiter im Dienste der Menschheit« begrüßt. Rāmmohun Roy war aber auch als Schriftsteller nicht unbedeutend. Seine im Jahr 1790 veröffentlichte Schrift über die Verehrung von Götzenbildern bei den Indern war das erste Werk in bengalischer Prosa. 1815 schrieb er eine Darstellung der Vedānta-Philosophie. Er ist auch der Verfasser von Abhandlungen über Witwenverbrennung und andere soziale Reformen sowohl in englischer als in bengalischer Sprache. Und er war nicht nur ein hervorragender Prosaiker, sondern auch ein Dichter von Liedern, die noch in Bengalen gesungen werden.

Cites (1)