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Geschichte der indischen Litteratur v3.c23: Anhang. Ein Blick auf die neuindische Litteratur

Geschichte der indischen Litteratur v3.c23

Language
German

Anhang. Ein Blick auf die neuindische Litteratur

v3.c23.2

Die Litteratur, über die in diesem Buch berichtet wurde, ist die Sanskrit-, Pāli- und Prākrit-Litteratur hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, des alten Indien. Wir haben ja gesehen, daß diese Litteratur bis in die neueste Zeit hinein fortgesetzt und gepflegt wurde. Aber eine Geschichte der indischen Litteratur wäre unvollständig, wenn nicht wenigstens in aller Kürze daran erinnert würde, daß es auch eine große Litteratur in den neuindischen Volkssprachen gibt. Eine vollständige Geschichte dieser Litteratur zu geben, verbietet allerdings nicht nur die Rücksicht auf den Umfang dieses Werkes, sondern auch die Kompetenz des Verfassers. Aber wenigstens auf die Haupterscheinungen dieser Litteratur soll hier kurz hingewiesen werden.

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Es zeugt von der Größe und der unverwüstlichen Kraft des indischen Geistes, daß weder Alexander der Große und das Griechentum, noch die Gewaltherrschaft der Großmogulen und der Islam, noch auch der tiefgehende Einfluß der britischen Herrschaft und der christlich-abendländischen Weltanschauung je vermochten, die Eigenart indischen Denkens und Fühlens zu unterdrücken oder zu verdrängen, sondern daß nur bedeutsame gegenseitige Beeinflussungen stattfanden. Griechen, Mohammedaner und Engländer haben nur dazu beigetragen, den Ruhm des indischen Denkens und Dichtens in der Welt zu verbreiten.

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Nur die unter mohammedanischem Einfluß entstandene Hindustānī-Litteratur folgt ganz persischen Mustern¹. Die Litteratur aller anderen neuindischen Sprachen ist zwar auch von der arabisch-persischen und in neuerer Zeit von der englischen Litteratur mannigfach beeinflußt worden. Aber viel stärker und bedeutender war doch immer die Einwirkung der alten Sanskritlitteratur auf die Entwicklung des Schrifttums in allen neuindischen Sprachen. Die großen Epen, Mahābhārata und Rāmāyaṇa, sind durch Übersetzungen in die neuindischen Volkssprachen zum Gemeingut aller Inder geworden. Ebenso leben das Pañcatantra und andere indische Erzählungswerke durch Übertragungen und Bearbeitungen in allen Volkssprachen fort. Sowie aber in der Sanskritlitteratur das Religiöse und Ethische weitaus überwiegt, so nimmt auch in den Litteraturen der neuindischen Sprachen die religiöse und ethische Dichtung, gleichmäßig befruchtet vom Brahmanismus und Hinduismus wie vom Buddhismus und Jinismus, einen breiten Raum ein.

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¹ Auch die Sindhī-Litteratur ist mehr mohammedanisch und persisch als indisch.

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Die volkssprachlichen Litteraturen zerfallen, wie die neuindischen Sprachen, in zwei große Gruppen, die der indoarischen im Norden und die der dravidischen Sprachen im Süden¹). In eine ältere Zeit reichen die letzteren zurück. Zwar sind auch die dravidischen Sprachen und ihre Litteraturen von Elementen des Sanskrit und der Sanskritlitteratur durchdrungen. Aber bei der Grundverschiedenheit dieser Sprachen vom Sanskrit konnte sich hier doch früher eine selbständige Litteratur entwickeln als im Norden, wo die Sanskritlitteratur das geistige Leben länger so sehr beherrschte, daß für eine Litteratur in den Volkssprachen kein Raum war.

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¹ S. oben I, S. 45 f., und Grierson, BSOS 1918, 47 ff.

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Insbesondere nimmt man jetzt an, daß die Blüte der Tamil-Litteratur in das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. falle²). Das berühmteste Werk in Tamil, das in diese alte Zeit zurückreichen soll, ist der Kurraḷ des Webers Tiruvaḷḷuvar³), eine Sammlung von 1330 kurzen Sprüchen über die drei Lebensziele (dharma, artha, kāma). Tiruvaḷḷuvar ist kein Name, sondern ein Titel der religiösen Lehrer der Pariahs von Südindien, und Kurraḷ bedeutet nur »Kurzstrophe«, — so daß wir eigentlich weder den Namen des Verfassers noch den Titel dieser berühmten Spruchsammlung kennen. Die Sprüche bewegen sich durchaus in der Richtung der allgemein indischen Spruchweisheit und gehören keiner bestimmten Sekte an. In der Tat erheben Buddhisten und Jainas, Vaiṣṇavas und Śaivas, die nacheinander in Südindien vorherrschten, gleichermaßen Anspruch auf Tiruvaḷḷuvar als einen der Ihren. Der Dichter steht aber über allen Rassen, Kasten und Sekten und lehrt eine allgemein menschliche Moral und Lebensweisheit. Die Sprüche des Kurraḷ haben auch in Europa längst viele Bewunderer gefunden. Nicht nur ihr ethischer Gehalt wird geschätzt, sondern auch die Kunst, mit der Tiruvaḷḷuvar das schwierige Versmaß gehandhabt und den Sprüchen eine künstlerische Form gegeben hat. Einige Beispiele seien hier in der Übersetzung von K. Graul mitgeteilt.

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² So S. Krishnaswami Aiyangar, Ancient India, London u. Madras 1911, S. 336 ff., dem V. A. Smith in der diesem Werk vorausgeschickten Einleitung p. XIII beistimmt, und jetzt auch R. W. Frazer, JRAS 1915, 172 ff. und ERE VIII, 1915, 91 f., der früher (Literary History of India, p. 325) das 8. Jahrhundert für die Zeit des Kurraḷ hielt. Über die Litteraturen der dravidischen Sprachen s. auch A. Baumgartner, Geschichte der Weltliteratur II, 337 ff.

v3.c23.10

³ Vgl. E. Ariel, JA 1848, s. 4, t. XII, 416 ff.; G. U. Pope, Ind. Ant. 7, 1878, 220 ff.; 8, 305 ff.; 9, 196 ff.; 10, 352 ff.; M. J. Walhouse, Ind. Ant. 9, 71 ff.; R. C. Temple, Ind. Ant. 15, 242 f.; R. W. Frazer, Literary History of India 315 ff. Deutsche Übersetzung des Kurraḷ von

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»Süß die Flöte, süß die Laute‘, sagst du —
Dies nur, da kein Söhnlein dir gelallt.«

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»Hohen Herzens spenden — schön ist’s; schöner —
Frohen Auges reden lieb und lind.«

v3.c23.13

»Sag, wann Süßes vorliegt, niemals Bittres!
Mag man saure Frucht, wo’s reife gibt?«

v3.c23.14

»Süß für Sauer, daß er sehr sich schäme!
Das heißt recht betrüben deinen Feind.«

v3.c23.15

»Schickt man vormittags dem Nächsten Leid zu,
Rückt es nachmittags vors eigne Haus.«

v3.c23.16

»Merke! Alle werden gleich geboren;
Werke bringen Rangverschiedenheit.«

v3.c23.17

A. F. Cämmerer, Nürnberg 1803, und von Karl Graul, Bibliotheca Tamulica, t. III, Leipzig 1856; derselbe hat den hochtamulischen Text mit einer Übersetzung in das gewöhnliche Tamil und ins Lateinische herausgegeben (Bibliotheca Tamulica, t. IV, 1865) und eine Auswahl in deutschen Versen wiedergegeben (Indische Sinnpflanzen und Blumen, Erlangen 1865). Einige Sprüche hat Fr Rückert im Jahre 1847 übertragen (s. Rückert-Nachlese II, 346 f.). Dem tamulischen Dichter am feinsten nachgefühlt ist wohl die Übersetzung von G. U. Pope, The Sacred Kurral of Tiruvalluva-Nāyanar, London 1886.

v3.c23.18

Eine andere berühmte Spruchsammlung in Tamil ist das Nālaḍiyar¹). Auch diese aus vierhundert Versen bestehende Sammlung enthält Lehren über Wiedergeburt, Karman und Erlösung, über dharma, artha und kāma, wie sie in der indischen Spruchdichtung allgemein sind. Der Verfasser dürfte aber ein Jaina gewesen sein. Denn die Sage erzählt: Während einer Hungersnot kamen 8000 Jainas zu einem König des Pāṇḍyareiches. Als die Hungersnot vorüber war, wünschte der König, daß sie noch weiter in seinem Reiche bleiben sollten. Sie aber machten sich heimlich davon, nachdem jeder von ihnen einen von ihm gedichteten Vers zurückgelassen. Der erzürnte König warf aber alle diese Verse ins Wasser. Da bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß 400 Verse gegen den Strom schwammen. Wegen dieses Wunders wurden sie aufbewahrt, und sie bilden die jetzige Sammlung. Die Verse sind aber nicht jinistisch, überhaupt nicht religiös.

v3.c23.19

¹ The Nālaḍiyár, or the Four Hundred Quatrains in Tamil with Introd., Transl. and Notes by G. U. Pope, Oxford 1893. Vgl. Frazer a. a. O. 312 ff.

v3.c23.20

Religiöse Lyrik enthält das dritte klassische Tamilwerk, das Tiruvāśakam oder »das heilige Wort«²) des Māṇikka-Vāśagar. Dieser war ein begeisterter Verehrer des Śiva und ein heftiger Gegner der Jainas und Buddhisten. Sein Vater war ein Brahmane am Hofe des Pāṇḍyafürsten Arimarttana, und er selbst wurde Minister des Königs, der wahrscheinlich im 8. oder 9. Jahrhundert in Madura regierte³). Im ganzen Tamillande werden Lieder aus dem Tiruvāśakam in jedem Śivatempel gesungen⁴). Die Tamulen sagen: »Wessen Herz nicht durch das Tiruvāśakam schmilzt, der muß ein Herz von Stein haben.« Und der christliche Missionar G. U. Pope bewundert die tiefe Religiosität dieser Lieder und vergleicht den Dichter mit dem Apostel Paulus und Franz von Assisi. Śiva ist für Māṇikka-Vāśagar ein persönlicher Gott; aber mit der in Indien so häufigen Mischung theistischer und pantheistischer Ideen singt er von ihm: »Du bist der Erste, du bist der Letzte. Du bist dieses ganze All.« Ein anderer berühmter šivaitischer Dichter, dessen Bild in südindischen Tempeln noch heute täglich verehrt wird, ist Tiru-Nāna-Sambandha¹).

v3.c23.21

² The Tiruvāçagam or ‘Sacred Utterances’ of the Tamil Poet, Saint and Sage Māṇikka-Vāçagar. The Tamil Text of the 51 Poems with English Translation by G. U. Pope, Oxford 1900. Vgl. Frazer a. a. O. 318 ff. und Carpenter, Theism in Medieval India 356 ff.

v3.c23.22

³ Vgl. R. Sewell, JRAS 1901, 346 ff.

v3.c23.23

⁴ Ein Morgenlied, mit dem indische Tempelmädchen bei Sonnenaufgang den Gott Śiva begrüßen, hat H. W. Schomerus übersetzt (Der neue Orient V, 1919, 198 ff.).

v3.c23.24

¹ Vgl. P. S. Pillai, Ind. Ant. 25, 113 ff., 149 ff.; Frazer a. a. O., 323 ff.

v3.c23.25

In dieselbe Zeit wie die religiöse Dichtung der Šaivas fällt auch die der Vaiṣṇavas von Südindien. Es gibt ein Vaiṣṇava-Prabandha, ein heiliges Buch der Viṣṇuverehrer im Tamillande, mit 4000 Versen der zwölf Āḻvars oder Heiligen, die zugleich Sänger der Gottesliebe waren²). Der Verfasser der größten Zahl dieser Verse war Tirumaṅgai, der in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts gelebt haben soll³). Unter diesen Āḻvars erscheint auch eine Frau, die Heilige Aṇḍāḷ, der 107 dieser Lieder zugeschrieben werden. Sie sang von Kṛṣṇa und träumte von ihrer Heirat mit Gott nach Art der weiblichen Heiligen des christlichen Mittelalters.

v3.c23.26

² Über diese vgl. Bhandarkar, Vaiṣṇavism etc. 49 ff., und Carpenter a. a. O., 377 ff.

v3.c23.27

³ So nach S. K. Aiyangar, Ind. Ant. 35, 1906, 228 ff.

v3.c23.28

Unter den Nachfolgern des Rāmānuja ragt Piḷḷai Lokācārya (geb. 1213 n. Chr.) hervor, der in einem volkstümlichen, stark mit Sanskrit gemischten Tamil 18 sogenannte Rahasyas, »Geheimtexte«, verfaßte, die auch ins Sanskrit übertragen wurden⁴).

v3.c23.29

⁴ Eines dieser religionsphilosophischen Gedichte ist das Arthapañcaka, das Nārāyaṇa Yati ins Sanskrit übersetzt hat. Die Sanskritübersetzung ist herausgegeben von Grierson, JRAS 1910, 565 ff. und ins Deutsche übersetzt von R. Otto, Visnu Nārāyana, S. 102 ff.

v3.c23.30

Von den Jainas haben wir Epen in Tamil, insbesondere den Sindāmaṇi (Cintāmaṇi) und dessen Nachahmung, den Sūḷāmaṇi (Cūḍāmaṇi), in denen jinistische Legenden dichterisch verarbeitet wurden⁵).

v3.c23.31

⁵ Vgl. J. Vinson, Revue de linguistique, t. 22, 1889, 1 ff., 107 ff.; t. 34, 1901, 305 ff.

v3.c23.32

Es ist selbstverständlich, daß die alten Epen ins Tamil übersetzt sind. Berühmt ist die Bearbeitung des Rāmāyaṇa von dem Dichter Kampan, der im 11. Jahrhundert gelebt haben soll¹). Tamulische Bearbeitungen des Mahābhārata stammen aus späterer Zeit. Es gibt auch historische Gedichte²) im Tamil und eine reiche wissenschaftliche Litteratur, namentlich über Vedānta-Philosophie. Ein vedāntistisches Gedicht ist das Kaivalyanavanīta³).

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¹ Ein Stück daraus übersetzt von Hugo Schanz, ZDMG 27, 703 ff.

v3.c23.34

² Vgl. V. K. Pillai, Ind. Ant. 18, 1889, 258 ff.; 19, 329 ff.; 413 ff. und M. K. Narayanasami Ayyar, Ind. Ant. 37, 1908, 170 ff., 193 ff.

v3.c23.35

³ Graul, Bibliotheca Tamulica I, II, Leipzig u. London 1854 f.

v3.c23.36

Weniger bedeutend als die Tamil-Litteratur ist die in Telugu⁴), Malayalam⁵) und Kanaresisch⁶).

v3.c23.37

⁴ Vgl. G. R. Subramiah Pantulu, Ind. Ant. 27, 1898, 244 ff., 275 ff.; 31, 1902, 401 ff. Wahrscheinlich um 1150 n. Chr. übersetzte Nannayabhaṭṭa das Mahābhārata ins Telugu; s. Hultzsch, Ep. Ind. 5, p. 31.

v3.c23.38

⁵ Vgl. T. K. Krishna Menon, JRAS 1900, 763 ff.

v3.c23.39

⁶ Vgl. F. Kittel, Ind. Ant. 4, 15 ff.; B. L. Rice, JRAS 1890, 245 ff. Über ein kanaresisches Jaimini-Bhārata s. H. F. Mögling, ZDMG 24, 309 ff.; 25, 22 ff.; 27, 364 ff. Über den kanaresischen Dichter Ṣaḍakṣari Dēvar s. Barnett, ESOS 1918, p. 4 ff. Über ein zwischen 814 und 877 verfaßtes Lehrbuch der Poetik, Kavirājamārga von Kavīśvara, s. Fleet, Ind. Ant. 33, 1904, 258 ff.

v3.c23.40

In allen neuindischen Sprachen, sowohl den dravidischen wie den indoarischen, gibt es auch eine reiche volkstümliche Litteratur von Liedern und Erzählungen. Die Grenze zwischen Volksdichtung und Kunstdichtung ist aber nicht immer leicht zu ziehen. So finden wir unter den schönen dravidischen Volksliedern, deren Kenntnis wir E. Ch. Gover⁷) verdanken, gar manches, was durchaus nicht volkstümlich genannt werden kann. Ebenso finden wir in den verschiedenen Sammlungen volkstümlicher Märchen und Erzählungen⁸) viele alte Bekannte aus der Sanskritlitteratur.

v3.c23.41

⁷ The Folk-Songs of Southern India, Madras 1871. Einige dieser Lieder hat W. Gallenkamp (Globus 82, 1902, 62 ff., 79 ff.) aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Volkstümliche Balladen aus dem Telugu hat J. A. Boyle, Ind. Ant. 3, 1874, 1 ff. mitgeteilt; eine Auswahl kanaresischer Balladen hat Fleet, Ind. Ant. 14, 1885, 293 ff.; 16, 356 ff.; 18, 353 ff., einige südindische Liebeslieder Natesa Sastri, Ind. Ant. 17, 1888, 253 ff., bekannt gemacht. Lieder aus der Kurgsprache hat A. Graeter übersetzt, ZDMG 32, 1878, 665 ff.

v3.c23.42

⁸ Ich nenne nur einige dieser Sammlungen: M. Frere, Old Deccan Days, or Fairy Legends, current in Southern India, London 1868. G. R. S. Pantulu, Folklore of the Telugus, Madras (aus dem Ind. Ant. wieder abgedruckt). S. M. Natesa Sastri, Tales of Tennalirama, Madras 1900. Derselbe Gelehrte hat in den Bänden des Ind. Ant. viele südindische Erzählungen mitgeteilt. (Ein Wiederabdruck ist Folklore of Southern India, Bombay 1884.) H. Kingscote and N. Sastri, Tales of the Sun, or Folklore of Southern India, London 1890. Manche auch in Europa wohlbekannte Narrengeschichten enthält das tamulische Volksbuch von dem Guru Paramārtan, s. H. Oesterley in Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte 1, 1887, S. 48 ff. Aus dem westlichen Indien und Hindustan haben P. D. H. Wadia und W. Crooke (in Ind. Ant. 21 und anderen Bänden) Erzählungen mitgeteilt. Für Bengal s. Lal Behari Day, Folk-Tales of Bengal, London 1883; für Kaschmir J. H. Knowles, Folk-Tales of Kashmir, London 1888.

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Welch ein Reichtum an volkstümlichen Dichtungen noch heute im Pandschab herrscht, hat uns R. C. Temple¹ gezeigt. Wir sehen, wie in diesen volkstümlichen Balladen uralte Dichtungen wie das Nalalied oder die Sage vom Kampf des Śiśupāla mit Kṛṣṇa noch fortleben und ebenso gerne gesungen und gehört werden wie Lieder, die sich auf Ereignisse des 19. Jahrhunderts beziehen. Lehrreich ist, was uns Temple² über die Sänger dieser Lieder sagt. Es gibt im heutigen Pandschab Sänger, die an den Höfen der eingeborenen Fürsten von den kriegerischen Taten der Helden der Vorzeit singen und zugleich die Genealogien und Familiengeschichten der betreffenden Fürsten bewahren und oft auch willkürlich zurecht machen. Dann gibt es geistliche Sänger, die eine Art Dramen, Swāngs genannt, aufführen³, und wandernde Geistliche, die bei Heiligenschreinen Lieder singen und dafür Almosen einsammeln. Ferner gibt es berufsmäßige Balladensänger, die bei Hochzeiten und anderen freudigen Ereignissen die Tanzmädchen begleiten und Lieder singen. Auch die niedrigsten Kasten haben ihre eigenen Sänger und Rezitatoren, die ein erstaunliches Gedächtnis haben und Hunderte von Versen hersagen können. Und schließlich gibt es unter den Leuten im Dorf manchen, der eine poetische Ader in sich entdeckt und im Kreise der Freunde und Nachbarn seine Gedichte zum besten gibt. Wie im Pandschab, so ist es auch in anderen Teilen Indiens und war es gewiß auch im alten Indien. Denn die Inder waren stets ein sangesfrohes Volk. Auch Arbeitslieder¹ sind in Indien ebenso beliebt und unentbehrlich wie in anderen Ländern.

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¹ The Legends of the Panjâb, 3 vols., Bombay-London 1893—1901. S. auch C. F. Usborne, Panjabi Lyrics and Proverbs, Translations in Verse and Prose, Lahore 1905.

v3.c23.45

² Legends of the Panjâb I, p. VIII f.

v3.c23.46

³ S. oben S. 164, A. 2.

v3.c23.47

¹ Eine Anzahl Mühlenlieder, wie sie die Frauen beim Weizenmahlen singen, hat Grierson in Bihār aufgezeichnet (JRAS 1884 und 1886). Derselbe Forscher hat auch andere Lieder in Bihār aufgenommen und übersetzt (ZDMG 39, 1885, 617 ff.; Ind. Ant. 14, 1885, 182 ff.). Vgl. auch K. Bücher, Arbeit und Rhythmus, 5. Aufl., Leipzig 1919, S. 75 ff., 194 ff., 202 ff.

v3.c23.48

Die früheste Litteratur in den indoarischen Volkssprachen Nordindiens² sind die poetischen Chroniken von Radschputana, in denen die heldenhaften Kämpfe der indischen Radschputen gegen die mohammedanischen Eroberer von zeitgenössischen Barden besungen werden. Die ältesten dieser Chroniken stammen aus dem 12. Jahrhundert. Aber sie haben ältere Quellen benutzt, von denen manche bis ins 9. Jahrhundert zurückgehen, und sie sind ein schlagender Beweis gegen die schon oben (S. 80 ff.) als unrichtig erwiesene Behauptung, daß den Indern der Sinn für Geschichte ganz abgehe. Von dem hohen dichterischen Wert dieser Chroniken, die zuweilen an die Heldendichtung des Mahābhārata erinnern, geben die Proben, die uns James Tod in den »Annals and Antiquities of Rājastban« (neue Ausgabe Oxford 1920) gegeben, eine Vorstellung. Die berühmteste dieser poetischen Chroniken ist das Epos Prithī Rāj Rāso³ von Cand Bardāī. Hier werden die Heldenkämpfe des Prithī Rāj von seinem Freund, dem Hofbarden Cand Bardāī, besungen. König und Barde wurden beide im Jahre 1193 im Kampfe gegen die Mohammedaner getötet. Diese Bardendichtung ist in Radschputana bis in die neueste Zeit hinein gepflegt worden.

v3.c23.49

² Über diese s. Garcin de Tassy, Histoire de la littérature Hindouie et Hindoustanie (1847), 2. Aufl.. Paris 1870—71; G. A. Grierson, The Modern Vernacular Literature of Hindustan, Calcutta 1889; The Popular Literature of Northern India, im Bulletin of the School of Oriental Studies, London Institution, Vol. I, Part III, 1920, 87 ff.; Djam Sunde Dai, The Hindi Literature in OC XI, Paris 1897, I, 45 ff.; F. E. Keay, A History of Hindī Literature, London 1920; A. Baumgartner, Geschichte der Weltliteratur II, 257 ff.

v3.c23.50

³ Einige Übersetzungen daraus von J. Beames, A. F. R. Hoernle und F. S. Growse in Ind. Ant. 1, 1872, 269 ff.; 3, 1874, 17 ff.; 174 ff.

v3.c23.51

Weit umfangreicher ist aber die religiöse Litteratur in Hindī, die mit dem 14. Jahrhundert einsetzt. Wie die Propheten Israels nicht nur religiöse Führer, sondern auch begeisterte Dichter waren, so sind die großen indischen Sektengründer zumeist auch Dichter und Sänger gewesen. Aber die Bhakti, die mystische Gottesliebe, ist es, die alle diese Dichter begeistert hat.

v3.c23.52

Am Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts¹) gründete Rāmānanda, ein Anhänger des Rāmānuja, eine neue Sekte, die den Weg zur Erlösung durch Gottesliebe (bhaktimārga) lehrte. Er hat zuerst mit aller Entschiedenheit erklärt, daß es für die Verehrer des Gottes Viṣṇu keine Kastenverschiedenheit gebe. Ein Jünger des Rāmānanda war der berühmte Weber Kabīr²) aus Benares, der nicht nur die Schranken zwischen den Kasten, sondern auch zwischen den Religionen und Sekten niederriß. Ihm war es gleich, ob er Gott als Allah oder als Rāma besang. Er nennt sich selbst »das Kind von Allah und von Rāma«. Von Geburt ein Mohammedaner, wurde er doch ein begeisterter Gottesverehrer im Sinne der Rāma-Bhakti. Äußerlichkeiten und Zeremonien der Hindus und der Mohammedaner waren ihm aber gleich verhaßt. Er war auch kein Fakir, kein Yogin und kein Asket, sondern ein schlichter Handwerker und Familienvater, der Gott in seinem Heime suchte. So singt er denn:

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¹ So nach Bhandarkar, Vaiṣṇavism, Śaivism etc. 66 f. J. N. Farquhar (JRAS 1920, 185 ff.) will 1430—1470 als seine Zeit erweisen.

v3.c23.54

² Vgl Frazer, Literary History of India 345 f.; Bhandarkar a. a. O. 67 ff.; N. Macnicol, Indian Theism, Oxford 1915, 135 ff.; Carpenter; Theism in Medieval India 456 ff. Die Lebenszeit Kabīrs ist nicht ganz sicher; als sein Todesjahr wird 1518 angegeben. Nach Farquhar a. a. O. fällt seine Tätigkeit in die Zeit von 1470—1518. Der dem Dichter geistesverwandte Rabindranath Tagore hat hundert Gedichte Kabīrs ins Englische übersetzt (London 1915).

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»Es gibt nichts als Wasser an den heiligen Badeorten, und ich weiß, daß sie nutzlos sind, denn ich habe in ihnen gebadet.
Leblos sind die Götterbilder alle, sie können nicht sprechen; ich weiß es, denn ich habe laut zu ihnen gerufen.
Die Purāṇas und der Koran sind leere Worte; ich habe den Vorhang gehoben und gesehen.
Kabīr spricht diese Worte aus Erfahrung, und er weiß, daß alles andere unwahr ist.«
»Nicht Kasteiungen, die das Fleisch töten, gefallen dem Herrn.
Wenn du deine Kleider ablegst und deine Sinne abtötest, erfreust du den Herrn nicht.

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Der Mensch, der gütig ist und rechtschaffen handelt, der gleichgiltig ist gegen die Dinge dieser Welt, der alle Geschöpfe auf Erden als sein eigenes Selbst ansieht,
Der erlangt das Unsterbliche Wesen, der wahre Gott ist stets in ihm ¹).«

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¹ Nach Rabindranath Tagore, One Hundred Poems of Kabīr, pp. 49 f., 69.

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Nach der Legende stritten beim Tode Kabīrs Hindus und Mohammedaner um die Ehre, ihn als einen der Ihren zu bestatten. Da erschien Kabīr selbst in der Mitte der Streitenden und hieß sie das Tuch von seiner Leiche wegnehmen. Als sie es taten, fanden sie darunter nichts als ein Häufchen Blumen. In Benares wurde die eine Hälfte der Blumen verbrannt und die Asche als Reliquie aufbewahrt; die andere Hälfte begruben die Mohammedaner unter einem Grabhügel. Kabīrs Anhänger zählen heute nur 8000—9000 in Nord- und Zentralindien. Aber sein Einfluß läßt sich in manchen anderen Sekten verfolgen, insbesondere in der Religion der Sikhs, die von Nānak, dem berühmtesten Jünger des Kabīr, gegründet wurde.

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Noch mehr als sein Meister Kabīr suchte Nānak²) (1469 bis 1538) indische und mohammedanische Gotteslehren zu einer Einheit zu verschmelzen. Seine Gedichte und die seiner Nachfolger, der späteren Heiligen und Gurus, wurden in der Zeit des Guru Arjuna (1581—1606) in dem Ādi Granth³), der heiligen Schrift der Sikhs, gesammelt. Auch Lieder von Kabīr sind in dieses Buch aufgenommen worden, das für die Sikhs ein Hymnenbuch, Gebetbuch und ein Lehrbuch der Theologie zugleich ist. Die Hymnen sind meist in Alt-Hindī mit einer Mischung von Panjābī gedichtet. Der zehnte Guru Govind Singh (1675—1708) machte aus den Sikhs eine große militärische Organisation. Seine Hymnen wurden erst 1734 (nach seinem Tode) zum Ādi Granth hinzugefügt.

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² Vgl. Frazer a. a. O. 374 ff.; Macnicol a. a. O. 146 ff.; Carpenter a. a. O. 470 ff.

v3.c23.61

³ Ādi Granth ist übersetzt von E. Trumpp (London 1877) und in dem großen Werk von M. A. Macauliffe, The Sikh Religion, Oxford 1909, 6 vols.

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Durch Kabīr wurde auch der mohammedanische Fakir Malik Muhammad beeinflußt, der um 1540 ein berühmtes romantisches und halbhistorisches Epos Padumavatī gedichtet hat. Zum Schlusse gibt der Dichter selbst eine allegorische, religionsphilosophische Deutung des Gedichtes.

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Berühmte Sänger der Gottesliebe sind dem Marāṭhalande entstammt¹). Hier gab es in Paṇḍharpūr ein Heiligtum des Viṣṇu unter dem Namen Viṭhobā oder Viṭṭhal, und das Singen von kurzen Liedern, Abhaṅg genannt, spielte beim Kult dieses Gottes eine große Rolle. Der älteste der Marāṭha-Sänger ist Jñāneśvar, dessen Hauptwerk Jñāneśvarī im Jahre 1290 vollendet wurde. Dies ist eine freie Paraphrase der Bhagavadgītā in Marāṭhī-Versen. Während Jñāneśvar ein Brahmane war, soll sein Freund Nāmdev (1270—1350) ein Schneider gewesen sein. Doch widmete sich dieser ganz dem Dienste des Viṭhobā als Sänger von Abhaṅgs. Von dem Charakter seiner Lieder mag folgendes eine Vorstellung geben:

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¹ Vgl. N. Macnicol, Psalms of Marāṭhā Saints, One Hundred and Eight Hymns translated from the Marathi, London 1919; Indian Theism 121 ff. und Bhandarkar, Vaiṣṇavism etc. 87 ff.

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»Jedes Ding durchdringt der Eine, wohin auch die Blicke schweifen,
Durch der Māyā Bild bezaubert, kann kaum jemand ihn begreifen.
Alles ist Govinda, ohne ihn ist nichts, er ist der Eine,
Gleich der Schnur, darin gewirkt sind hunderttausend Edelsteine.
Meer und Welle, Schaum und Blase, andres nicht als Wasser ist es,
Und das Weltall ist nichts andres als das Spiel des Brahma, wißt es²)!«

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² Übersetzt von H. v. Glasenapp, Der neue Orient VII, 35 f.

v3.c23.67

Merkwürdig ist, daß diese Marāṭhī-Sänger, um ihrer Gottesliebe noch innigeren Ausdruck zu verleihen, ihren Gott manchmal auch weiblich auffassen. So ruft Nāmdev Gott als »Mutter Pāṇḍuraṅg« an, indem er singt:

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»Meine Mutter du, dein säugend Kind bin ich:
Speise mich mit Liebe, meine Pāṇḍuraṅg, ich rufe zu dir³).«

v3.c23.69

Echte mystische Gottesliebe, das Erlebnis völligen Einsseins mit Gott, spricht aus folgendem Lied der Śūdra-Sklavin Janabāī, einer Verehrerin und Dienerin des Nāmdev und des Gottes Viṭhobā:

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»Aus Gott mach' meine Speise ich und mein Getränk,
Gott ist das Bett, auf dem ich liege.
Und was ich geb' und nehme, ist alles Gott.
Gott ist mein ständiger Begleiter.
Denn Gott ist hier und Gott ist dort,
Von ihm erfüllt ist jeder Ort.
Ja, Herrin Viṭhā, ich, ich selbst,
Ich fülle bis zum Rand die ganze Welt³).«

v3.c23.71

³ Nach der englischen Übersetzung von Macnicol.

v3.c23.72

Weitaus der berühmteste unter allen Marāṭha-Sängern ist aber Tukārām¹). Er ist (wahrscheinlich im Jahre 1608) in einem Dorf in der Nähe von Poona geboren und wurde im Jahre 1649, wie die Legende erzählt, in den Himmel des Viṣṇu entrückt. Er hatte früh die Verse des Nāmdev auswendig gelernt und fühlte sich berufen, dessen Werk fortzusetzen. Nicht weniger als 4621 Abhaṅgs werden ihm in der überlieferten Sammlung zugeschrieben²). So sehr hatte er sich gewöhnt, seinen Gott in Versen zu besingen, daß er beinahe in Versen sprach. Seine Lieder sind in aller Mund. Gebildete und Ungebildete erbauen sich an ihnen. Die Bauern im Dekkan, Menschen aller Kasten und aller Glaubensbekenntnisse, singen seine Verse bei Tag auf den Feldern und am Abend, wenn sie beim Lampenschein beisammen sitzen.

v3.c23.73

¹ A Complete Collection of the Poems of Tukaráma ed. by V. P. Shástrí Pandit, under the supervision of Śaṅkar P. Pandit, Vol. I to which is prefixed a Life of the Poet in English by J. Sukhárám Gádgil, Bombay 1869. Vgl. J. Murray Mitchell, Ind. Ant. 11, 1882, 57 ff.; Bhandarkar, Vaiṣṇavism etc. 94 ff.; F. E. Edwards in ERE XII, 1921, 466 ff. und Macnicol a. a. O.

v3.c23.74

² Eine unkritische Ausgabe enthält sogar 8441 Lieder.

v3.c23.75

Auch Tukārām verschmäht äußerliche Formen des Kultes und des religiösen Lebens, denn ohne Bhakti ist alles andere nutzlos. Weder durch Yoga, noch durch Opfer, noch durch Askese ist Gott zu erreichen, sondern nur durch innige Liebe. Nur im Anblick Gottes ist Seligkeit zu finden. Und heißes Sehnen nach der Gegenwart Gottes spricht aus seinen Liedern. »Wie die Braut nach dem Hause der Mutter zurückblickt und nur zögernden Schrittes davongeht, so blickt meine Seele auf zu dir und sehnt sich danach, dir zu begegnen. Wie dem Kind, das in Angst und Schmerz aufschreit, wenn es die Mutter nicht sehen kann, wie dem Fisch, der aus dem Wasser genommen wird, so ist es, sagt Tukā, mir zu Mute.« Wie ein Bettler steht er an der Türe Gottes und bettelt um ein Almosen: Liebe aus seiner liebenden Hand. Auch er besingt zuweilen Gott als »Mutter Pāṇḍuraṅg«:

v3.c23.76

»Ach Pāṇḍuraṅg, wenn du
Ein Meer der Liebe bist,
Was säumest du so lang?
O schließe mich an deine Brust!
Ich ruf' nach dir, wie nach der Hindin
Das junge Rehlein schreit und klagt,
Wenn es die Mutter nirgends findet,
Erschöpft von Hunger und von Durst.

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O laß der Liebe Milch mich trinken
An deiner übervollen Brust,
O Mutter, eile! Bei dir, bei dir
Nur findet Ruh' mein traurig Herz¹.«

v3.c23.78

¹ Nach Macnicol, p. 62.

v3.c23.79

Daß die Gottesliebe auch unter den Kṛṣṇaverehrern begeisterte Sänger gefunden hat, ist selbstverständlich. In Bihār sang um 1400 n. Chr. Vidyāpati Ṭhākur² im Maithilī-Dialekt von der Sehnsucht der Seele nach Gott in der Allegorie von der Liebe zwischen Rādhā und Kṛṣṇa. Ihren zartesten Ausdruck fand diese mystische Liebesdichtung in den Liedern der Mīrā Bāī (um 1420), der Sängerin von Mēwār im Westen von Hindustan. Sie schrieb einen Kommentar zum Gītagovinda und Lieder, die weit und breit in ihrem Heimatsland gesungen werden. Sie war eine Königstochter und heiratete einen König. Aber sie war ganz dem Dienst des Kṛṣṇa ergeben, und als sie — so erzählt die Legende — eines Tages vor dem Bild des Gottes Kṛṣṇa sang und mit Inbrunst nach seiner Liebe begehrte, da öffnete sich das Bild und schloß sich über sie, so daß sie von der Erde verschwand. Am Hofe des Kaisers Akbar lebte der blinde Sänger von Agra Sūr Dās (geboren 1483 n. Chr.), der das Bhāgavata-Purāṇa in die Volkssprache übertrug und dessen Sammlung von Hymnen, Sūr sāgar, 60 000 Verse umfassen soll. Über diese und viele andere Dichter und Heiligen des Kṛṣṇakultes erhalten wir reichen Aufschluß in der Bhakt Mālā, einer Sammlung von Heiligenlegenden, von Nābhādās³), der am Anfang des 17. Jahrhunderts lebte. Der Hauptsitz der Kṛṣṇaverehrung ist die Gegend um Mathurā, das Braj-Land, wo die Abenteuer des Kṛṣṇa sich abgespielt haben sollen, und der Dialekt dieser Gegend ist die Braj Bhāṣā, ein Dialekt des westlichen Hindī. In diesem Dialekt, in dem auch Mīrā Bāī gesungen hatte, schrieb Bihārī Lāl (um 1603—1663) die Sat'saī⁴), eine Sammlung von 700 Strophen, von denen die meisten die Liebe zwischen Rādhā und Kṛṣṇa besingen und die zugleich als Beispiele für die Figuren der Poetik dienen. Die Braj Bhāṣā-Übersetzung des X. Kapitels des Bhāgavata-Purāṇa hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts Lallū Jī Lāl im Prem Sāgar¹), dem »Meer der Liebe«, in Hindī-Prosa übertragen und damit eine neue Litteratursprache geschaffen. Das Werk wurde im Jahre 1806 unter der Leitung von John Gilchrist begonnen und 1809 gedruckt.

v3.c23.80

² Vgl. Grierson, Ind. Ant. 14, 1885, 182 ff. Viele seiner Lieder wurden später in bengalischer Bearbeitung durch Caitanya berühmt gemacht. Über Vidyāpati als Sanskritdichter s. oben S. 351.

v3.c23.81

³ Vgl. Grierson, JRAS 1909, 607 ff.

v3.c23.82

⁴ S. oben S. 120.

v3.c23.83

¹ Ins Englische übersetzt von F. Pincott, Westminster 1897.

v3.c23.84

Der größte Meisterdichter Nordindiens ist aber ohne Zweifel Tulsī Dās (1532—1624), der Dichter des Rām-carit-mānas (»See der Taten Rāmas«) oder des Hindī-Rāmāyaṇa²). Das im Jahre 1574 begonnene Werk ist keine Übersetzung von Vālmīkis Rāmāyaṇa, sondern ein selbständiges Werk, für das Vālmīkis Gedicht nur eine von mehreren Quellen war³). Tulsī Dās war kein Sektengründer, sondern lehrte nur, daß Rāma als ein gütiger Vater im Himmel wohne und daß alle Menschen Brüder seien. Aber sein Einfluß in religiöser und ethischer Beziehung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der östliche Hindī-Dialekt, in dem das Epos geschrieben ist, wird in großen Teilen Indiens verstanden. Daher ist das Werk eine Art Bibel für die 90 Millionen Hindus, die zwischen Bengalen und dem Pandschab und zwischen dem Himālaya- und dem Vindhya-Gebirge leben. »Pandits«, sagt Grierson⁴), mögen von den Vedas und von den Upaniṣads reden, und einige wenige mögen sie sogar studieren; andere mögen sagen, daß sie ihren Glauben an die Purāṇas hängen; aber für die große Mehrheit der Menschen von Hindustan, Gelehrter wie Ungelehrter, ist das sogenannte Tulsī-kṛt-Rāmāyaṇa die einzige Norm des sittlichen Handelns.« Aber nicht nur wegen seines hohen sittlichen Gehaltes wird das Werk geschätzt, es ist auch ein vollendetes Kāvya, das sich vor anderen Werken der indischen Kunstdichtung nur dadurch vorteilhaft unterscheidet, daß die prächtigen Naturschilderungen, die es enthält, nicht auf dem Lehrbuch der Poetik, sondern auf eigener Beobachtung beruhen.

v3.c23.85

² Translated by F. S. Growse, Allahabad 1877 ff. Translation of the Second Book by Adalut Khan, Calcutta 1871. Vgl. Grierson, Ind. Ant. 22, 1893; JRAS 1903, 447 ff.; ERE XII, 1921, 469 ff.; Frazer a. a. O. 365 ff. Über die religiösen Lehren des Tulsī Dās s. Bhandarkar, Vaiṣṇavism etc. 74 ff., und Farquhar, JRAS 1922, 373 ff.

v3.c23.86

³ Andere Quellen sind Adhyātmarāmāyaṇa, Yogavāsiṣṭha und Prasannarāghava. Über das Verhältnis des Rām-carit-mānas zu Vālmīkis Rāmāyaṇa s. L. P. Tessitori, GSAI vol. 24, 1911 (Englisch in Ind. Ant. 41 und 42); Grierson, JRAS 1912, 794 ff.; 1913, 133 ff.; Sītā Rām, JRAS 1914, 416 ff.; Baumgartner, Das Rāmāyaṇa, S. 134 ff.

v3.c23.87

⁴ The Modern Vernacular Literature of Hindustan, p. 43. Tulsī Dās hat auch zahlreiche andere Werke geschrieben; in der Gītāvalī hat er die Geschichte von Rāmas Kindheit in Form von Liedern behandelt. Religiöse Lieder von Sūr Dās, Tulsī Dās, Kabīr, Mīrā Bāī und anderen unbekannten Dichtern, wie sie noch heute bei Andachten vom Volke gesungen werden, hat W. Crooke aufgezeichnet und übersetzt, Ind. Ant. 39, 1910, 268 ff., 321 ff.

v3.c23.88

Auch der kaschmirische Śivaismus hatte seine Dichter. Bekannt geworden sind die Lallā-Vakyāni, »die Aussprüche der Lallā«, einer śivaitischen Asketin, die im 14. Jahrhundert im ältesten Kašmīrī-Dialekt religiöse Lieder sang, die sich lange großer Beliebtheit erfreuten. Denn das Andenken der Lal Dĕd (»Großmütterchen Lal«), wie sie genannt wird, als Prophetin des Śivaismus lebt noch heute in Kaschmir fort¹).

v3.c23.89

¹ Lallā-Vakyāni or the Sayings of Lal Dĕd. By Sir G. Grierson and L. D. Barnett, London 1920, s. JRAS 1920, 662 ff.; R. C. Temple, Ind. Ant. 49, 1920, 194 ff., und Anand Koul, ebenda 50, 1921, 302 ff., 309 ff.

v3.c23.90

Wenig ist noch bekannt von der reichen Litteratur der Jainas in der Gujarātī-Sprache. Doch hat Hertel kürzlich das zur Pañcatantra-Litteratur gehörige Pañcākhyānavārttika in Altgujarātī veröffentlicht, nachdem er schon früher eine Analyse des Werkes gegeben hatte²). Gujarātī ist heute auch die Sprache der Parsen, der Anhänger des Zoroaster, die namentlich auf die Entwicklung der Journalistik in Indien Einfluß geübt haben. Die erste Monatsschrift in Gujarātī wurde von einem Parsen gegründet³). Als Dichter und Schriftsteller in Gujarātī und in englischer Sprache, noch mehr aber als ein tapferer Vorkämpfer für soziale Reformen, hat sich der Parse Behramji M. Malabari (geb. 1853) einen guten Namen gemacht.

v3.c23.91

² Das Pañcatantra, S. 122 ff. Der Text bildet Nr. 3 der von Hertel veröffentlichten Schriften der indischen Abteilung des Forschungs institutes für Indogermanistik, Leipzig 1922.

v3.c23.92

³ Vgl. Dosabai Framji Karaka, History of the Parsis, London 1884, I, 330 ff. Auch gelehrte Abhandlungen über ihre Religion schreiben die Parsen in Gujarātī.

v3.c23.93

In Bengalen⁴) wurden im 11. Jahrhundert Balladen zur Verherrlichung der Könige der Pāla-Dynastie viel gesungen.

v3.c23.94

⁴ Über die bengalische Litteratur s. Romesh Chunder Dutt, Literature of Bengal, Calcutta 1895; Dinesh Chandra Sen, History of Bengal Language and Literature, Calcutta 1911. Vgl. auch Nisikānta Chattopâdhyâya, Indische Essays, S. 19 ff., und Haraprasād Sāstrī, Notices of Sanskrit MSS., vol. 11, 1895, p. 17 ff.

v3.c23.95

Seit Jahrhunderten sind epische und puranische Erzählungen durch bengalische Bearbeitungen — Übersetzungen kann man sie kaum nennen — zum Gemeingut des Volkes von Bengalen geworden. Die übertragenen Werke — insbesondere Rāmāyaṇa, Mahābhārata, Bhāgavata-Purāṇa, die Caṇḍī aus dem Mārkaṇḍeya-Purāṇa und die rührende Legende von Hariścandra und dem Ṛṣi Viśvāmitra aus demselben Purāṇa — wurden teils vorgelesen, teils aber, was noch mehr zu ihrer Verbreitung beitrug, von Berufssängern, den Mangal Gāyaks, in halbdramatischen Rezitationen zum Vortrag gebracht. Solche »Aufführungen«, wie man sie nennen kann, finden noch heute in den Dörfern Bengalens statt. Elf oder zwölf solcher Mangal Gāyaks bilden eine Truppe, an deren Spitze der Gāyan als Leiter oder Solist steht. Die Rezitation findet in einem offenen Hof oder im Freien statt. Der Gāyan steht in der Mitte, oft mit einer Krone auf dem Haupt und Schellen an den Füßen, während die übrigen im Halbkreis um ihn herumsitzen und einen Chor bilden. Er beginnt die Geschichte zu erzählen, indem er die Verse mit schauspielerischen Bewegungen singt, während die Schellen dazu erklingen. Hier und da wird der Vortrag durch eine moralische oder religiöse Auseinandersetzung unterbrochen. Den Abschluß bildet ein Gesang, in den der Chor mit einstimmt. Einem solchen »Schauspiel« folgen Hunderte und Tausende allabendlich oft mehrere Monate lang¹). Auch die Kathaks erzählen die Epen und Purāṇas in der Volkssprache. Dabei haben sie gewisse Klischees, poetische Beschreibungen der Götter (Śiva, Lakṣmī, Kṛṣṇa usw.), einer Stadt, eines Schlachtfelds, des Morgens, der Nacht usw., die oft sehr poetisch sind, und die sie auswendig gelernt haben, um sie in ihren Vortrag einzuflechten. Diese Klischees sind zwar in kunstvoller Prosa abgefaßt, werden aber dennoch von den Kathaks gesungen²). Seit dem 14. Jahrhundert gehört die bengalische Übersetzung des Rāmāyaṇa von Kṛttivāsa (geb. 1346 n. Chr.) zu den volkstümlichsten Büchern Bengalens. Die älteste bengalische Bearbeitung des Mahābhārata von Sañjaya soll aus derselben Zeit stammen. Aber die bekannteste bengalische Übersetzung des Mahābhārata ist die von Kāśīrām (um 1645). Zwischen 1473 und 1480 wurde das Bhāgavata-Purāṇa von Mālādhar Vasu ins Bengalische übertragen.

v3.c23.96

¹ D. Ch. Sen a. a. O. 162 f. Vgl. oben S. 162 f., 243.

v3.c23.97

² D. Ch. Sen a. a. O. 585 ff. Vgl. die Varṇakas in jinistischen und buddhistischen Texten, oben II, 304 f.

v3.c23.98

Aber auch in Bengalen ist seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts namentlich die religiöse Dichtung gepflegt worden. Ein Zeitgenosse des Vidyāpati Ṭhākur war der Bengale Caṇḍī Dās, der nahezu tausend Liebeslieder dichtete, in denen in der Verehrung des göttlichen Liebespaares Rādhā und Kṛṣṇa himmlische und irdische Liebe zusammenflossen¹). Als einer der größten Dichter Bengalens gilt Mukundarām Kavikaṅkan, der in seinem 1589 beendeten Gedicht Caṇḍīmaṅgal²) die Göttin Caṇḍī (Durgā) besang. Trotzdem der Schauplatz dieser Dichtung zum großen Teil der Himmel des Śiva ist, schildert der Dichter doch bengalisches Leben treu nach der Wirklichkeit.

v3.c23.99

¹ Vgl. J. Beames, Ind. Ant. 1, 1872, 323 ff.

v3.c23.100

² Cowell hat den größeren Teil des Gedichts ins Englische übersetzt im JASB 71, 1902, Extra Number.

v3.c23.101

Ein Visionär, ein Ekstatiker und ein glühender Verehrer des Kṛṣṇa war Caitanya, der zwar mehr der Religionsgeschichte als der Litteraturgeschichte angehört, aber einen tiefgehenden Einfluß auf das geistige Leben in Bengalen ausübte³). Er ist im Jahre 1486 in Navadvīpa geboren. Sein eigentlicher Name war Bisambhar (Viśvambhara) Miśra. Im Jahre 1509 wurde er Sannyāsin, als welcher er den Namen Caitanya Deva erhielt. Er machte große Wanderungen und gewann zahlreiche Anhänger. Schon bei Lebzeiten wurde er vom Volk als eine Inkarnation des Gottes Kṛṣṇa angesehen, und sein Bild wird noch jetzt von Vaiṣṇavas in Bengalen und Orissa verehrt. Er selbst hat jede göttliche Verehrung seiner Person zurückgewiesen. Nur im Zustand der Verzückung sagte er bisweilen: »Ich bin Er.« Er starb 1534. Biographien des Caitanya bilden einen wesentlichen Bestandteil der bengalischen Litteratur. Die ersten Aufzeichnungen machte der Schmied Govinda, der den Meister auf seinen Wanderungen begleitete. Er schildert den Caitanya als einen ekstatischen Gottesliebhaber, der Tränenströme vergoß, wenn jemand »Kṛṣṇa, Kṛṣṇa« rief. Teils Dichtungen, teils wirkliche Lebensbeschreibungen sind das Caitanyabhāgavata des Vṛndāvan Dās (1507—1589), das Caitanyacaritāmṛta von Kṛṣṇa Dās (geb. 1517) u. a.¹).

v3.c23.102

³ Vgl. J. Beames, Ind. Ant. 2, 1873, p. 1 ff.; Bhandarkar, Vaiṣṇavism etc., 82 ff.; Carpenter, Theism in Medieval India 437 ff.; Macnicol, Indian Theism 129 ff.

v3.c23.103

¹ Vgl. Otto Stursberg, Das Caitanyacaritāmṛta des Kṛṣṇadāsa Kavirāja, Diss. Leipzig 1907; Chaitanya's Pilgrimage and Teachings, translated into English by Judnath Sarkar, Calcutta 1913.

v3.c23.104

Große Verehrung genießt in Bengalen auch der Heilige und Dichter Rām Prasād (1718—1775), der Hymnen an Durgā und andere religiöse Lieder dichtete. Es gibt in Bengalen, sagt D. Ch. Sen, keinen Bauern, keinen alten Mann und keine Frau die nicht in den Liedern von Rām Prasād Trost und Erbauung gefunden hätten.

v3.c23.105

Im 19. Jahrhundert übte die englische Litteratur einen großen Einfluß auf die Entwicklung der bengalischen Litteratur²), insbesondere der Prosa, aus. Aber auch die dramatische Dichtung, die in den neuindischen Volkssprachen nur ein kümmerliches Dasein fristete³), lebte mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts in Bengalen wieder auf. Einzelne Dichter, wie Kṛṣṇa Kamala (1810—1888) im Svapnavilāsa, bemühten sich, die alten volkstümlichen Yātrās zu verfeinern, während andere Dichter Dramen mit politischer Tendenz verfaßten. Das erste bengalische Drama, das im Jahre 1856 aufgeführt wurde, ist das Kulīnakulasarvasva⁴) des Rāma Nārāyaṇa Tarkaratna, das gegen die Kulin-Brahmanen, die aus dem Heiraten ein Geschäft machen, gerichtet ist. Im Jahre 1860 schrieb Dina Bandhu Mitra das Nīl Darpan, in dem die Ausbeutuug der Indigo-Industrie durch die Engländer gegeißelt wird⁵).

v3.c23.106

² Über die indische Litteratur unter dem Einfluß der Engländer vgl. Frazer, Literary History of India, p. 391 ff.

v3.c23.107

³ Vgl. S. Lévi, Théâtre Indien, 393 ff.; Grierson, Vernacular Literature, 154 ff.; Schuyler, Bibliography of the Sanskrit Drama, 98 ff.; H. H. Dhruva in OC IX, London, I, 297 ff.; J. C. Oman, Cults, Customs and Superstitions of India, London 1908, 190 ff. Das Spiel Indarsabhā (siehe oben S. 131 A.) von dem mohammedanischen Dichter Amānat in Urdu ist nur eine halbindische Dichtung nach persischem Muster. Über das nepalesische Singspiel Hariścandranṛtyam siehe oben S. 250 A.

v3.c23.108

⁴ Irrtümlich oben S. 259 A. 2 als Sanskritdrama erwähnt.

v3.c23.109

⁵ Vgl. Nisikânta Chattopâdhyâya, Indische Essays, S. 3 ff.; Dutt, Lit. of Bengal 183 ff.; D. Ch. Sen a. a. O. 724 ff.; Frazer a. a. O. 414 ff.; W. W. Hunter, The Imperial Gazetteer of India, 2nd Ed., London 1886, VI, 127. Im Jahre 1877 wurden in Indien 102, im Jahre 1882 schon 245 Dramen in Volkssprachen veröffentlicht.

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An der Entwicklung der bengalischen Prosa hatte insbesondere der als sozialer und religiöser Reformator wie als Gelehrter und Schriftsteller gleich berühmte Rāmmohun Roy (1774—1833) den größten Anteil¹. In einer vornehmen Brahmanenfamilie geboren und aufgezogen, war Rāmmohun Roy mit der brahmanischen Religion und deren heiligen Büchern von Jugend auf vertraut. Nachdem er in jungen Jahren auch Persisch und Arabisch gelernt hatte, verwendete er seine Sprachkenntnisse zum Studium des Koran und lernte nicht nur den Monotheismus des Islam, sondern auch die mystischen Lehren der persischen Sufis kennen. Später wurde er in Tibet mit dem Buddhismus bekannt und lernte durch christliche Missionare auch das Christentum kennen. Um das Alte und das Neue Testament im Urtext lesen zu können, bemühte er sich sogar, Hebräisch und Griechisch zu lernen. Unbefriedigt von dem indischen Polytheismus, hatte er nichts Geringeres vor, als alle Religionen der Welt zu studieren, um das Beste aus ihnen herauszunehmen und zu einem geläuterten Gottesglauben zu vereinigen. Schließlich aber glaubte er, im Monismus der Upaniṣads die Summe aller Weisheit zu finden. Auf Grund des Studiums einerseits der heiligen Bücher der fremden Religionen und andererseits der altehrwürdigen heimischen Upaniṣads, von denen er einige herausgab und übersetzte, wollte er die alte brahmanische Religion reformieren und wurde so der Begründer des Brāhma-Samāj, der »Gesellschaft der Gottesgläubigen«. Er glaubte damit nicht eine neue Sekte oder Kirche zu gründen, sondern nur die alte indische Nationalreligion von allem Falschen zu reinigen. Zu diesem Falschen rechnete er auch das Kastenwesen und die Sitte der Witwenverbrennung, gegen die er als sozialer Reformator in Wort und Schrift zu Felde zog. Als er 1830 nach Europa kam, wurde er von Jeremy Bentham als »bewunderter und geliebter Mitarbeiter im Dienste der Menschheit« begrüßt. Rāmmohun Roy war aber auch als Schriftsteller nicht unbedeutend. Seine im Jahr 1790 veröffentlichte Schrift über die Verehrung von Götzenbildern bei den Indern war das erste Werk in bengalischer Prosa. 1815 schrieb er eine Darstellung der Vedānta-Philosophie. Er ist auch der Verfasser von Abhandlungen über Witwenverbrennung und andere soziale Reformen sowohl in englischer als in bengalischer Sprache. Und er war nicht nur ein hervorragender Prosaiker, sondern auch ein Dichter von Liedern, die noch in Bengalen gesungen werden.

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¹ Siehe oben I, S. 18 f.

v3.c23.112

Ihm folgten als Prosaschriftsteller und Essayisten über Gegenstände der Sozialreform Akkhay Kumār Datta (1820—1886) und Īswar Chandra Vidyāsāgar (1820—1891). Der erste bedeutende Romanschriftsteller in Bengalen war Bankim Chandra Chatterji (1838—1894)¹), der an Walter Scott geschult war und den man wohl auch den »indischen Walter Scott« genannt hat.

v3.c23.113

¹ Sein Roman Kopal-Kundala ist von Curt Klemm, Leipzig 1886, ins Deutsche übersetzt.

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Auch der als gelehrter Schriftsteller und Politiker bekannte Romesh Chunder Dutt²) hat eine Anzahl Romane geschrieben. Einer der geschätztesten Dichter des 19. Jahrhunderts — manche behaupten, der größte bengalische Dichter der Neuzeit — ist der zum Christentum bekehrte Michael Madhu Sūdan.

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² Er schrieb auch »A History of Civilization in Ancient India« und andere wissenschaftliche Werke. Auch Frauen haben, stark von der englischen Romanlitteratur beeinflußt, Romane geschrieben, so Svarna Kumari Devi Ghosal, die Schwester Rabindranath Tagores. Einer ihrer Romane (»An Unfinished Song«, London, Werner Laurie) ist auch englisch erschienen.

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Ein warmer Freund und Anhänger des edlen Rāmmohun Roy und Förderer seines Werkes war Dwārkanāth Tagore³). Dessen Sohn Devendranāth Tagore (1818—1905) schloß sich dem Brāhma-Samāj an und wurde dessen erster Organisator. Er stellte im Jahre 1848 eine Sammlung von Texten aus den Upaniṣads, Manus Gesetzbuch, dem Mahābhārata und einigen anderen Büchern zusammen, die als Grundlage für das Glaubensbekenntnis des Brāhma-Samāj dienen konnten. Dieses Glaubensbekenntnis besteht in dem Glauben an das Brahman als einzigen, ewigen und vollkommenen Gott und Schöpfer der Welt, durch dessen Verehrung allein das Heil in dieser und in jener Welt erreicht werden könne, einer Verehrung, die in der Liebe zu Gott und in der Ausführung der Werke, die Gott liebt, bestehe. Dieser Glaube wurzelt also in der echt indischen Verbindung zwischen dem Monismus der Upaniṣads und dem Theismus der Bhagavadgītā und ist daher — im Gegensatz zu der unter der Führung von Keshub Chunder Sen entstandenen, mehr radikalen Abzweigung des Brāhma-Samāj — konservativ und national. Wenn auch Devendranāth Tagore die Upaniṣads nicht für offenbart hielt, wie die orthodoxen Brahmanen, so erklärte er sie doch für ehrwürdige heilige Bücher, in denen aller Weisheit Grund zu suchen sei.

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³ »Tagore« ist die von ihm durchgeführte Anglisierung des bengalischen Namens »Ṭhākur«.

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Ein Sohn dieses Devendranāth Tagore ist der im Jahre 1861 geborene Rabindranath Tagore¹. Im Jahre 1895 schrieb Romesh Chunder Dutt²: »Und endlich hat Rabindra Nath Tagore, der jüngste Sohn des ehrwürdigen Debendra Nath Tagore, sich in Gedichten, Dramen und Romanen ausgezeichnet, und seine unvergleichlichen Lieder werden in jedem gebildeten Heim in Bengalen gesungen.« In Indien war der Dichter längst bekannt und berühmt, als das im Jahre 1912 in englischer Übersetzung erschienene Bändchen seiner Gedichte, Gitanjali³), die Aufmerksamkeit auch in Europa auf ihn lenkte und ihm ein Jahr später, im Herbst 1913, der Nobelpreis für Litteratur zuerkannt wurde. In englischen und deutschen Übersetzungen sind seine Gedichte, Dramen, Erzählungen, Romane und Prosaschriften über die ganze Welt verbreitet.

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¹ Aus der reichen Litteratur über den Dichter hebe ich nur hervor: P. Cremer, Rabindranath Tagore (Sonntagsbeilage der »Vossischen Zeitung« vom 18. Januar 1914); E. Engelhardt, Rabindranath Tagore als Mensch, Dichter und Philosoph, Berlin 1921; H. Meyer-Benfey, Rabindranath Tagore, Berlin (Die Literatur, Sammlung Brandus, Bd. 39). Der Dichter selbst hat über sich manches in seinen Lebenserinnerungen (My Reminiscences, 1917) und in den Aufsätzen Personality, 1917 (deutsch: Persönlichkeit, 1921) erzählt.

v3.c23.120

² Literature of Bengal p. 218.

v3.c23.121

³ Ebenso wie die Gedichtsammlung »The Crescent Moon« und »The Gardener« vom Dichter selbst ins Englische übersetzt. Alle ins Englische übersetzten Werke sind bei Macmillan & Co. in London erschienen. Die meisten dieser Werke sind auch in deutscher Übersetzung (aus dem Englischen) bei Kurt Wolff in München erschienen.

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Und heute gehört Rabindranath Tagore zu jenen größten Dichtern der Weltlitteratur, in deren Werken das rein Menschliche so stark zu uns spricht, daß uns das scheinbar Fremdeste in ihnen zum eigenen Erlebnis wird. Doch ist er weit entfernt davon, ein farbloser kosmopolitischer Dichter zu sein. Er ist Inder durch und durch, seine Gestalten sind indisch, der Geist Indiens weht durch alle seine Dichtungen, echt indisches Leben schildern seine Erzählungen, und uralte indische Weisheit finden wir wieder in seinen religiös-mystischen Gedichten und seinen religionsphilosophischen Vorträgen. Die Weltanschauung und die Lebensauffassung seines Vaters und der Geist des Brāhma-Samāj sind es im großen und ganzen, die uns in diesen Vorträgen entgegentreten und die in seinen Dichtungen vollendeten Ausdruck gefunden haben.

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Upaniṣadtexte wurden im Vaterhause Rabindranaths beim Gottesdienst verwendet, und in seinen Grundanschauungen steht der Dichter ganz auf dem Boden der Upaniṣads und ihrer Lehre von der Einheit alles Seins und alles Weltgeschehens. Auch er versichert uns immer wieder, daß wir unser eigentliches Sein in Gott und im Weltall haben und daß Gott, Seele und Welt ihrem innersten Wesen nach eins sind. Und das höchste Streben der Seele ist es, zum Bewußtsein ihrer Einheit mit dem Brahman zu gelangen. Aber nicht durch die gewöhnlichen Mittel der Erkenntnis ist dieses Ziel zu erreichen. Nicht der Verstand ist es, der uns zum Bewußtsein unserer Einheit mit Gott führen kann. Die menschliche Seele kann Gott nicht begreifen, sie kann sich ihm nur mit Freude hingeben, ihn mit Liebe umfassen und so ganz zu Gott werden. Und wie bei Kabīr und den anderen Dichtern der mystischen Gottesliebe vereinigt sich auch bei Tagore die Alleinslehre der Upaniṣads mit dem Theismus und der Bhakti der Bhagavadgītā¹). In seinen Gedichten vergleicht der Dichter seine Seele mit einem Gefäß, das Gott immer wieder mit neuem Leben füllt, oder mit einer Flöte, in die Gott immer wieder neue Melodien haucht. Oder er singt davon, wie »derselbe Strom des Lebens, der Tag und Nacht durch meine Adern rinnt«, in rhythmischen Takten durch die ganze Welt dahinfließt; und wie dieses selbe Leben auch durch den Staub der Erde in tausend Grashalmen und Blättern und Blüten freudig emporschießt²). Ihren rührendsten Ausdruck findet dieses Sicheinsfühlen mit dem ganzen Weltall in manchen der wunderbaren Kinderlieder. Tief und zart ist die Antwort der Mutter auf des Kindleins Frage: »Wo bin ich hergekommen? Wo hast du mich aufgelesen?«

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