Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.123
Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.123
- Language
- German
v3.c23.123
Upaniṣadtexte wurden im Vaterhause Rabindranaths beim Gottesdienst verwendet, und in seinen Grundanschauungen steht der Dichter ganz auf dem Boden der Upaniṣads und ihrer Lehre von der Einheit alles Seins und alles Weltgeschehens. Auch er versichert uns immer wieder, daß wir unser eigentliches Sein in Gott und im Weltall haben und daß Gott, Seele und Welt ihrem innersten Wesen nach eins sind. Und das höchste Streben der Seele ist es, zum Bewußtsein ihrer Einheit mit dem Brahman zu gelangen. Aber nicht durch die gewöhnlichen Mittel der Erkenntnis ist dieses Ziel zu erreichen. Nicht der Verstand ist es, der uns zum Bewußtsein unserer Einheit mit Gott führen kann. Die menschliche Seele kann Gott nicht begreifen, sie kann sich ihm nur mit Freude hingeben, ihn mit Liebe umfassen und so ganz zu Gott werden. Und wie bei Kabīr und den anderen Dichtern der mystischen Gottesliebe vereinigt sich auch bei Tagore die Alleinslehre der Upaniṣads mit dem Theismus und der Bhakti der Bhagavadgītā¹). In seinen Gedichten vergleicht der Dichter seine Seele mit einem Gefäß, das Gott immer wieder mit neuem Leben füllt, oder mit einer Flöte, in die Gott immer wieder neue Melodien haucht. Oder er singt davon, wie »derselbe Strom des Lebens, der Tag und Nacht durch meine Adern rinnt«, in rhythmischen Takten durch die ganze Welt dahinfließt; und wie dieses selbe Leben auch durch den Staub der Erde in tausend Grashalmen und Blättern und Blüten freudig emporschießt²). Ihren rührendsten Ausdruck findet dieses Sicheinsfühlen mit dem ganzen Weltall in manchen der wunderbaren Kinderlieder. Tief und zart ist die Antwort der Mutter auf des Kindleins Frage: »Wo bin ich hergekommen? Wo hast du mich aufgelesen?«
Cites (3)
- Bhagavadgītā — Vyāsa, Sanskrit
- Upaniṣad — Sanskrit
- Upanishads — Sanskrit