Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.43
Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.43
- Language
- German
v3.c23.43
Welch ein Reichtum an volkstümlichen Dichtungen noch heute im Pandschab herrscht, hat uns R. C. Temple¹ gezeigt. Wir sehen, wie in diesen volkstümlichen Balladen uralte Dichtungen wie das Nalalied oder die Sage vom Kampf des Śiśupāla mit Kṛṣṇa noch fortleben und ebenso gerne gesungen und gehört werden wie Lieder, die sich auf Ereignisse des 19. Jahrhunderts beziehen. Lehrreich ist, was uns Temple² über die Sänger dieser Lieder sagt. Es gibt im heutigen Pandschab Sänger, die an den Höfen der eingeborenen Fürsten von den kriegerischen Taten der Helden der Vorzeit singen und zugleich die Genealogien und Familiengeschichten der betreffenden Fürsten bewahren und oft auch willkürlich zurecht machen. Dann gibt es geistliche Sänger, die eine Art Dramen, Swāngs genannt, aufführen³, und wandernde Geistliche, die bei Heiligenschreinen Lieder singen und dafür Almosen einsammeln. Ferner gibt es berufsmäßige Balladensänger, die bei Hochzeiten und anderen freudigen Ereignissen die Tanzmädchen begleiten und Lieder singen. Auch die niedrigsten Kasten haben ihre eigenen Sänger und Rezitatoren, die ein erstaunliches Gedächtnis haben und Hunderte von Versen hersagen können. Und schließlich gibt es unter den Leuten im Dorf manchen, der eine poetische Ader in sich entdeckt und im Kreise der Freunde und Nachbarn seine Gedichte zum besten gibt. Wie im Pandschab, so ist es auch in anderen Teilen Indiens und war es gewiß auch im alten Indien. Denn die Inder waren stets ein sangesfrohes Volk. Auch Arbeitslieder¹ sind in Indien ebenso beliebt und unentbehrlich wie in anderen Ländern.