Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.8
Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.8
- Language
- German
v3.c23.8
Insbesondere nimmt man jetzt an, daß die Blüte der Tamil-Litteratur in das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. falle²). Das berühmteste Werk in Tamil, das in diese alte Zeit zurückreichen soll, ist der Kurraḷ des Webers Tiruvaḷḷuvar³), eine Sammlung von 1330 kurzen Sprüchen über die drei Lebensziele (dharma, artha, kāma). Tiruvaḷḷuvar ist kein Name, sondern ein Titel der religiösen Lehrer der Pariahs von Südindien, und Kurraḷ bedeutet nur »Kurzstrophe«, — so daß wir eigentlich weder den Namen des Verfassers noch den Titel dieser berühmten Spruchsammlung kennen. Die Sprüche bewegen sich durchaus in der Richtung der allgemein indischen Spruchweisheit und gehören keiner bestimmten Sekte an. In der Tat erheben Buddhisten und Jainas, Vaiṣṇavas und Śaivas, die nacheinander in Südindien vorherrschten, gleichermaßen Anspruch auf Tiruvaḷḷuvar als einen der Ihren. Der Dichter steht aber über allen Rassen, Kasten und Sekten und lehrt eine allgemein menschliche Moral und Lebensweisheit. Die Sprüche des Kurraḷ haben auch in Europa längst viele Bewunderer gefunden. Nicht nur ihr ethischer Gehalt wird geschätzt, sondern auch die Kunst, mit der Tiruvaḷḷuvar das schwierige Versmaß gehandhabt und den Sprüchen eine künstlerische Form gegeben hat. Einige Beispiele seien hier in der Übersetzung von K. Graul mitgeteilt.