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Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.84

Geschichte der indischen Litteratur v3.c23.84

Language
German

v3.c23.84

Der größte Meisterdichter Nordindiens ist aber ohne Zweifel Tulsī Dās (1532—1624), der Dichter des Rām-carit-mānas (»See der Taten Rāmas«) oder des Hindī-Rāmāyaṇa²). Das im Jahre 1574 begonnene Werk ist keine Übersetzung von Vālmīkis Rāmāyaṇa, sondern ein selbständiges Werk, für das Vālmīkis Gedicht nur eine von mehreren Quellen war³). Tulsī Dās war kein Sektengründer, sondern lehrte nur, daß Rāma als ein gütiger Vater im Himmel wohne und daß alle Menschen Brüder seien. Aber sein Einfluß in religiöser und ethischer Beziehung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der östliche Hindī-Dialekt, in dem das Epos geschrieben ist, wird in großen Teilen Indiens verstanden. Daher ist das Werk eine Art Bibel für die 90 Millionen Hindus, die zwischen Bengalen und dem Pandschab und zwischen dem Himālaya- und dem Vindhya-Gebirge leben. »Pandits«, sagt Grierson⁴), mögen von den Vedas und von den Upaniṣads reden, und einige wenige mögen sie sogar studieren; andere mögen sagen, daß sie ihren Glauben an die Purāṇas hängen; aber für die große Mehrheit der Menschen von Hindustan, Gelehrter wie Ungelehrter, ist das sogenannte Tulsī-kṛt-Rāmāyaṇa die einzige Norm des sittlichen Handelns.« Aber nicht nur wegen seines hohen sittlichen Gehaltes wird das Werk geschätzt, es ist auch ein vollendetes Kāvya, das sich vor anderen Werken der indischen Kunstdichtung nur dadurch vorteilhaft unterscheidet, daß die prächtigen Naturschilderungen, die es enthält, nicht auf dem Lehrbuch der Poetik, sondern auf eigener Beobachtung beruhen.

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