Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s3.t2: 2. Der Jainismus in Bihâr
Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s3.t2
- Language
- German
2. Der Jainismus in Bihâr
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Mahâvîra stand zu den bedeutendsten Fürsten seines Heimatlandes in naher Beziehung. Auf seinen Wanderzügen besuchte er die wichtigsten Städte der Reiche Bihârs: Campâ, die Hauptstadt von Anga, Mithilâ in Videha, Râjagriha, die Kapitale Magadhas u. a. und wurde überall aufs ehrenvollste aufgenommen. König Bimbisâra (von den Jainas auch Shrenika genannt) von Magadha, derselbe, der auch Buddha patronisierte, gilt den Jainas als ein besonderer Verehrer ihres Meisters, weshalb sie annehmen, daß er in einer späteren Existenz als ein Tîrthankara zur Welt kommen werde. Auch Ajâtashatru (Kûnika), Bimbisâras grausamer Sohn, der seinen Vater dem Hungertode preisgab, war den Jainas wohlgesinnt *), vor allem aber war dessen Nachfolger Udâyî¹⁴ ein Schutzpatron ihrer Lehre. Auch unter den Dynastie der ,,neun Nandas“, welche (zur Zeit, als Alexander der Große nach Indien zog) den Thron der Shaishunâga-Könige usurpiert hatten, blühte die Religion, und hierin trat auch kein Wandel ein, als der letzte unpopuläre Nanda-König durch den großen Maurya-Fürsten Candragupta, den Sandrakottos der Griechen (ca. 322--298) seines Thrones entsetzt worden war. Die Jainas rechnen diesen ersten historischen Kaiser Indiens sowie seinen großen Kanzler Cânakya zu den ihrigen. Cânakya soll der Sohn eines Jaina-Laien Canì und ein eifriger Vorkämpfer des Glaubens gewesen sein. Den Candragupta soll er auf folgende Weise von seinem Wohlwollen für die Ketzer abgebracht haben: Er ließ ihn die Lehrer aller Sekten zu sich rufen und diese in der Nähe des königlichen Harems warten, nachdem er vorher um das Serail ganz feinen Sand hatte streuen lassen. Bevor der König zu ihnen kam, betrachteten die geilen Priester durch die Fenster des Harems die Frauen Candraguptas; als er aber erschienen war, redeten sie zu ihm von der Größe der Weltentsagung. Sobald sie fort waren, zeigte Cânakya dem Fürsten die Spuren ihrer Schritte in der Nähe des Frauenhauses und überzeugte ihn dadurch davon, daß diese Ketzer scheinheilige Heuchler waren. Am nächsten Tage ließ Cânakya Jainamönche kommen; diese kümmerten sich nicht um den Harem, sondern setzten sich sofort auf den für sie bestimmten Sitzen nieder und harrten der Ankunft des Königs. Da erkannte Candragupta, daß sie allein die Hüter rechter Sitte seien und wandte fortan seine Gunst ihnen allein zu. Er soll selbst ein so eifriger Jaina geworden sein, daß er, der Digambara-Tradition zufolge, schließlich sogar dem Thron entsagte, Asket wurde und mit dem Heiligen Bhadrabâhu nach Maisûr zog, woselbst er in Shravana Belgola in einer Höhle gelebt haben und gestorben sein soll¹⁵.
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*) Im Nirayâvali-Sûtra wird versucht, Kûnika von der Schuld des Vatermordes reinzuwaschen, indem erzählt wird, er habe zwar seinen Vater fesseln und ins Gefängnis werfen lassen, habe dann aber mit einem Beil die Fesseln des Vaters wieder zerschneiden wollen. Der Vater glaubte, der Sohn trachte ihm nach dem Leben und beging Selbstmord, um die Schande des Vatermordes von der Familie fernzuhalten.
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Bei Candraguptas Nachfolger Bindusâra (298–273 v. Chr.) soll Cânakya von seinem neidischen Kollegen Subandhu angeschwärzt worden sein, so daß er entlassen wurde. Er verteilte deshalb sein Vermögen unter die Armen und ließ sich auf einem Düngerhaufen vor der Stadt nieder, um den Hungertod des Weisen zu finden. Bindusâra suchte ihn vergeblich zu beschwichtigen und hieß Subandhu zu ihm gehen und sich bei ihm entschuldigen. Dieser aber warf, während er dem Kanzler huldigte, heimlich eine Weihrauchkohle in den Düngerhaufen, so daß derselbe verbrannte. Cânakya kam in den Flammen um und wurde als eine Göttin wiedergeboren. An seinem Widersacher aber nahm der tote Minister noch teuflische Rache. Bevor er die Welt verließ, hatte er einen Korb mit köstlichen Wohlgerüchen gefüllt, mit hundert Schlössern verschlossen und in seinem Hause zurückgelassen. Auf der Suche nach Cânakyas Schätzen stieß Subandhu auf den Korb, öffnete ihn und fand inmitten der wohlriechenden Substanzen ein Blatt mit der Aufschrift: „Wer diese Düfte gerochen hat und danach nicht das Leben eines Mönches führt, den wird sogleich der Tod zu Gaste laden.“ Aus Todesfurcht entsagte Subandhu daraufhin allen irdischen Genüssen und wanderte ruhelos auf der Erde umher 16.
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Während wir über das Verhältnis der Könige von Magadha zu den Jaina-Lehrern bisher nur durch die legendenhaft ausgeschmückten Erzählungen später Schriftsteller Einzelheiten wissen, die noch dazu mitunter mit den Nachrichten aus anderen Quellen nicht harmonieren, besitzen wir über die Beziehungen von Bindusâras Nachfolger Ashokavardhana (273–232 v. Chr.) zur Jaina-Kirche Material von unanfechtbarer Glaubwürdigkeit. Ashoka war ein großer und weitblickender Herrscher, der es sich besonders angelegen sein ließ, das religiöse und sittliche Leben in seinem großen Reiche zu fördern. Er unterstützte deshalb alle Glaubensgenossenschaften seines Landes in der liberalsten Weise. Für seine Person schloß er sich in seinen späteren Jahren dem Buddhismus an, als dessen „Konstantin“ er vielfach bezeichnet wird; die Jainas meinen aber, daß er vorher ihrer Religion zugehört habe 17. Ungeachtet seiner Vorliebe für die Buddhalehre hörte er nicht auf, für das Wohl der verschiedensten Sekten gleicherweise besorgt zu sein und setzte besondere Beamte ein, welche über die einzelnen Orden zu wachen hatten. In seinem 7. Säulenedikt, das sich mit den Aufgaben der „Dhammamahâmâtas“ (Gesetzesoberen) befaßt, spricht Ashoka auch von den Jainas — es ist dies die erste inschriftliche Erwähnung derselben, soweit wir wissen. Es heißt in der Inschrift:
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„Piyadasi, der Göttergeliebte, spricht also: Meine Gesetzesoberen beschäftigen sich auch mit mancherlei Gnadensachen, sowohl denen, welche die Asketen angehen, als auch denen, welche die Hausväter angehen, und sie beschäftigen sich auch mit allen Glaubensgenossenschaften. Ich habe es so eingerichtet, daß sie mit den Angelegenheiten des Sangha (der buddhistischen Gemeinde) beschäftigt sein werden; gleichfalls habe ich es so eingerichtet, daß sie mit den Brahmanen und auch mit den Âjivikas beschäftigt sein werden; ich habe es so eingerichtet, daß sie mit den Niganthas (Jainas) beschäftigt sein werden; ich habe es so eingerichtet, daß sie mit (allen) den verschiedenen Glaubensgenossenschaften beschäftigt sein werden.“
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Im weiteren Verlaufe des Ediktes schärft dann der fromme Kaiser seinen Untertanen Gehorsam gegen Eltern und Ehrwürdige, geziemendes Betragen gegen Brahmanen und Asketen, Arme und Elende ein, fordert sie auf, Barmherzigkeit, Freigebigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Sanftmut und Heiligkeit zu üben und erinnert sie an das Verbot, lebende Wesen zu verletzen. Er schließt mit den Worten:
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„Diese Befehle sind zu dem Zwecke gegeben, daß sie gelten mögen, solange meine Söhne und Urgroßsöhne regieren, solange Sonne und Mond bestehen und daß die Menschen danach handeln mögen. Wenn man so danach handelt, so ist das Heil in dieser und in jener Welt gewonnen.“¹⁸
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Ashokas Nachfolger auf dem Thron von Magadha waren — da sein Sohn Kunâla blind war — seine Enkel Dasharatha und Samprati. Der erstere scheint den östlichen, der letztere den westlichen Teil seines Reiches regiert zu haben. Die Tradition der Jainas nennt nur Samprati, der in Ujjain residiert haben soll, und bezeichnet ihn als einen Patron ihres Glaubens. Er soll von dem berühmten Mönch Suhasti bekehrt worden sein und zahlreiche Heiligtümer errichtet haben. Der späteren Zeit galt er in so hohem Maße als der Tempelgründer schlechthin, daß ihm viele Bauten, deren Ursprung man vergessen hatte, zugeschrieben wurden. Samprati soll auch eine rege Missionstätigkeit entfaltet und sogar Jaina-Klöster in nicht-arischen Gebieten errichtet haben.
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Über die Schicksale des Jaina-Glaubens unter den letzten Maurya-Herrschern und den Dynastien, welche diese in der Herrschaft über Magadha ablösten, ist wenig bekannt. Der chinesische Reisende Hiuen-Tsiang fand um 629 n. Chr. noch zahlreiche „Nirgranthas“ in Vaishâli, bei Râjagriha, Nâlanda, Pundravardhana¹⁹. Der Jainismus scheint dann allmählich in immer steigendem Maße den Schwerpunkt seiner Tätigkeit aus seinem Heimatlande in andere Gebiete verlegt zu haben.
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¹⁹ [^19]: