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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c7.s4: III. Ausbreitung und Blüte

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c7.s4

Language
German

Contents

III. Ausbreitung und Blüte

1. Der Jainismus in Nordindien

c7.s4.t1.1

Die ältesten authentischen Urkunden für die Ausbreitung, welche der Jainaglaube von Bihâr aus in westlicher Richtung genommen hat, stellen die Monumente dar, welche in Mathurâ, der heute als Mittelpunkt des Krishnakultes berühmten heiligen Stadt an der Yamunâ, gefunden wurden. Sie stammen aus der Zeit vom 2. vorchristlichen bis zum 5. nachchristlichen Jahrhundert und zeigen, daß Mathurâ während dieser langen Zeit ein bedeutendes Jaina-Zentrum war. Für die Geschichte der Jaina-Kirche sind sie in der verschiedensten Hinsicht aufschlußreich. Aus mehreren der in das 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. zu setzenden Inschriften geht hervor, daß damals schon die Spaltung der Gemeinde in Shvetâmbaras und Digambares stattgefunden hatte und daß die Shvetâmbaras, denen die Inschriften angehören, in eine Reihe von Sekten und Schulen zerfielen; die Angaben über die einzelnen Ganas und ihre Unterabteilungen, die Kulas und Shâkhâs, die Lehrerstammbäume usw. stimmen mit den Mitteilungen in Bhadrabâhus Kalpasûtra überein und stellen dadurch der Überlieferung im Kanon der Shvetâmbaras ein günstiges Zeugnis aus. Der Umstand, daß in den Inschriften von „Vâcakas“, d. h. Vorlesern oder Rezitatoren die Rede ist, stellt es sicher, daß es damals schon im Wortlaut feststehende heilige Texte gab. Die aufgefundenen Denkmäler lehren des weiteren, daß im 1. Jahrhundert nach Chr. die Vorstellung von der Aufeinanderfolge einer Reihe von Tîrthankaras allgemein war und daß die Zeichen der Tîrthankaras bereits feststanden. Den Propheten wurden Standbilder errichtet; außer den Jainas erfreuten sich auch bestimmte göttliche Wesen, wie Sarasvatî, die Göttin der Gelehrsamkeit, einer Verehrung. Unter den Kultstätten nahmen damals die Stûpas eine bedeutende Stellung ein. Die Laien, welche den Mönchen und Nonnen der hierarchisch organisierten Orden ihren Unterhalt gewährten, gehörten damals wie heute vorzugsweise dem Kaufmannsstande an. Diese und andere Tatsachen, die G. Bühler²² ans Licht gestellt hat, belegen dokumentarisch das hohe Alter der grundlegenden Anschauungen und Einrichtungen des Jainatums und bestätigen die Jaina-Überlieferung in der mannigfaltigsten Weise.

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Ein Hauptsitz des Jainismus war weiterhin die Landschaft Mâlvâ mit ihrer Hauptstadt Ujjain. Hier soll, wie wir S. 36 sahen, der Kaiser Samprati geherrscht haben, der ein großer Patron des Jainismus war, und auch in der Folgezeit verknüpfen die Berichte der Jainas diese berühmte Stadt aufs engste mit der sagenhaften Geschichte ihres Glaubens.

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Nach einer in mehreren Fassungen vorliegenden Legende²³ herrschte in Ujjain im ersten vorchristlichen Jahrhundert ein König Gardabhilla. Dieser raubte eine schöne Jaina-Nonne, die Schwester des Mönches Kâlaka. Als es dem Bruder nicht gelang, den Herrscher zur Herausgabe seiner Beute zu bewegen, begab er sich zu Shâhan Shâhi, dem Oberherrn der Shakas (Skythen), und veranlaßte ihn, mit Heeresmacht gegen Gardabhilla zu ziehen. Gardabhilla wurde besiegt, entthront und des Landes verwiesen, der Shakakönig und seine Mannen aber ließen sich in Ujjain nieder, woselbst sie die Freuden des Königtums genossen, die Jaina-Lehre verherrlichten und „wie Bienen den Fußlotus des weisen Kâlaka umspielten“. Die Shaka-Herrschaft wurde nach kurzer Dauer wieder beseitigt durch den König Vikramâditya, der nach einer Überlieferung ein Sohn Gardabhillas gewesen sein soll. Vikrama hat in der indischen Sage etwa dieselbe Stellung wie König Artus in der englischen; die Jainas betrachten ihn als einen Anhänger ihrer Religion und machen ihn zu einem Schüler des großen Weisen Siddhasena. Vikramâditya soll die sog. „Vikrama-Ära“ begründet haben, welche im Jahre 57 oder 58 vor Chr. beginnt und heutzutage in Nordindien, namentlich auch von Jainas, viel verwendet wird. Was von den Berichten über Gardabhilla, die Shakas und Vikramâditya als historisch anzusehen ist, bleibt zweifelhaft. Manches von dem, was über Vikramâditya erzählt wird, beruht augenscheinlich auf einer Verwechslung dieses Königs mit dem gleichnamigen Gupta-Herrscher Candragupta II Vikramâditya, der um 390 n. Chr. Ujjain eroberte und der Patron des großen Dichters Kâlidâsa war.

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Der Überlieferung zufolge soll Vikramâditya später von Shâlivâhana gestürzt worden sein, nach welchem eine im Jahre 78 nach Christ beginnende Ära genannt wird. Dieser Shâlivâhana, der Stammvater eines berühmten Fürstenhauses in Dekhan, soll der Sohn einer vierjährigen Brahmanenwitwe gewesen sein, die bei einem Bade in der Godâvarî von dem Schlangenkönig Shesha geschwängert worden war. Er wuchs in Paithan im Hause eines Töpfers auf und war Vikrama von seinem Schutzgeist als der Mann bezeichnet worden, der ihn vom Throne stürzen würde. Vikrama zog gegen ihn zu Felde; der Jüngling formte darauf Elefanten, Rosse und Soldaten aus Ton, belebte diese durch einen Zauberspruch, besiegte mit ihnen Vikrama und machte sich selbst zum König 24. Gleich Vikrama soll auch Shâlivâhana ein frommer Verehrer der Tîrthankaras gewesen sein.

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Es ist schwer, aus den Nachrichten der Jainas über das Verhältnis der nordindischen Könige zur Jaina-Kirche den historischen Kern herauszuschälen. So bleibt denn vorläufig die Geschichte des nordindischen Jainismus um die Wende unserer Zeitrechnung in Dunkel gehüllt. Nicht besser steht es mit der nachfolgenden Periode. Wir wissen wohl, daß die Religion der Tîrthankaras sich weiter ausbreitete und von einer Reihe von Herrschern in verschiedenen nordindischen Reichen begünstigt wurde, doch bedürfen die Einzelheiten noch einer genaueren Erforschung. Von Zeit zu Zeit traten Rückschläge ein. So gilt Mihirakula, der Fürst der Hunnen, welcher der glänzenden Herrschaft der Gupta-Kaiser um 480 n. Chr. ein Ende bereitet hatte, bei den Jainas als ein Hauptwidersacher ihrer Lehre. Er soll einst seine Minister gefragt haben, wer ihm nicht untertan sei. Als ihm gesagt wurde, die Nirgrantha-Mönche seien ihm nicht unterworfen, gebot er, daß die erste Mahlzeit, der diesen von fremden Leuten gereicht würde, als Abgabe erhoben werden sollte. Da nun strenge Asketen nach ihren Vorschriften nur einmal am Tage, zu Mittag, Nahrung zu sich nehmen dürfen und, wenn sie durch irgend etwas hieran gehindert werden, bis zum nächsten Tage mit dem Essen warten müssen, so waren sie durch das Edikt des Tyrannen geradezu dem Hungertode preisgegeben. Glücklicherweise gelang es dem Bösewicht nicht, seinen Plan durchzuführen: er wurde schließlich besiegt und getötet und versank in die Hölle, wo er für seine Untaten büßen muß 25.

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König Harshavardhana von Thânesar (606–647 n. Chr.), der ein großes, fast ganz Nordindien umfassendes Reich errichtete und von Kanauj aus regierte, ahmte dem großen Ashoka nach, indem er den Priestern und Mönchen aller Sekten seinen Schutz lieh. Er folgte hierin der Überlieferung seines Hauses, in welchem von jeher die größte Toleranz geherrscht hatte; seine Vorfahren waren Shiva-verehrer gewesen, sein Vater hatte die Sonne angebetet und seine Geschwister waren dem Hînayâna-Buddhismus zugetan. Er selbst übte alle diese Kulte zu gleicher Zeit nebeneinander aus, wenn er auch in seiner späteren Zeit dem von dem chinesischen Pilger Hiuen-Tsiang propagierten Mahâyâna-Buddhismus den Vorzug gab. Alle fünf Jahre veranstaltete er in Prayâga, dem heutigen Allahâbâd, eine große Religionsversammlung, bei welcher die heiligen Männer aller Glaubensformen von ihm reich beschenkt wurden, darunter auch Jaina-Mönche.

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Ein späterer König von Kanauj, Âma, der in Gopagiri (Gwalior) residierte (8. Jh.), soll von dem berühmten Bappabhatti, einem Schüler Siddhasenas, zum Jainatum bekehrt worden sein. Dieser Heilige hatte dem jungen Âma, als er mit seiner Mutter infolge von Hofintriguen von seinem Vater Yashovarmâ verstoßen worden war, vorausgesagt, daß er König werden würde, und war von ihm deshalb, als er zur Regierung kam, an den Hof gezogen worden, wo er in hohen Ehren gehalten wurde. Âmas Gegner war König Dharma von Lakshanâvatî. Dieser schlug Âma vor, den Zwist in unblutiger Weise durch eine Gelehrtendisputation beizulegen, derart, daß der Fürst, dessen Pandit im Redestreit unterläge, dem anderen sein Reich übergeben müsse. Dharmas Vertreter war der Buddhist Vardhanakunjara, für Âma trat Bappabhatti in die Schranken. Die Disputation der beiden Männer dauerte sechs Monate und kam zu keinem Ende. Da verehrte Bappa die Göttin Sarasvatî und erfuhr durch diese, der Buddhist sei unbesiegbar, solange er in seinem Munde die „Pille der unaufhörlichen Rede“ trage, welche sie selbst ihm als Belohnung für seine Kasteiungen während sieben vergangener Existenzen gegeben habe. Bappa veranlaßte daraufhin seinen Freund, den Dichter Vâkpati, der am Hofe Dharmas lebte und sich in Begleitung Vardhanakunjaras befand, anzuordnen, daß sich vor der nächsten Diskussion alle Teilnehmer den Mund auszuspülen hätten. Vâkpati tat, wie ihm geheißen, und die Folge war die beabsichtigte: der Buddhist verlor beim Gurgeln seine Pille und wurde im Redekampf besiegt. Dharma übergab Âma darauf sein Königreich, der es ihm jedoch auf Bappas Veranlassung großmütig zurückschenkte.

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Bappa übte in der Folgezeit auf die Herrschertätigkeit Âmas großen Einfluß aus. Er soll auch seinen Freund Vâkpati, der inzwischen sein berühmtes Prâkrit-Epos Gaüdavaha verfaßt hatte, zum Jaina-Glauben bekehrt und ihn dazu bewogen haben, den freiwilligen Hungertod auf sich zu nehmen. Später veranlaßte Bappa Âma zu einer großen Wallfahrt, auf welcher die bedeutendsten Heiligtümer der Jainas besucht wurden. Am Ende derselben starb der König (834 n. Chr.), und Bappa folgte seinem Herrn fünf Jahre später in die Ewigkeit nach 26.

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Die echt-indische Duldsamkeit gegen die verschiedenartigsten religiösen Anschauungen, welche Harsha eigen war, finden wir auch bei manchen späteren Fürsten wieder, z. B. bei den von den Jainas hoch verehrten Königen Munja (974 995) und Bhoja. Von dem letzteren, der ca. 1018 1060 in Dhârâ regierte, wird erzählt, er habe sich von den Lehrern aller Sekten ihre Meinungen vortragen lassen, und sie hätten dann, um die Wahrheit aus all diesen einander widersprechenden Anschauungen herauszufinden, sechs Monate lang Sarasvatî, die Göttin der Gelehrsamkeit, verehrt. Sarasvatî sei ihnen dann erschienen und habe den folgenden Rat für das rechte Verhalten in religiösen Dingen gegeben:

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„Höret auf des Buddha Weisheitsreden,
Das Gesetz der Jainas treu beachtet;
Regelt euer Leben nach den Veden,
Nach dem Höchsten in Versenkung trachtet.“

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Die Lehrer hätten dann noch die folgenden Verse hinzugedichtet:

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„Schadet keinem, wie es tun die Bösen;
Die Sarasvatî sollt ihr verehren,
Durch Vertiefung könnt ihr euch erlösen —
Solches ist der Urgrund aller Lehren.“

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So hätten sie dem König eine praktische Anweisung für sein Tun geben können²⁷.

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Unter dem Regime toleranter Monarchen, die, wenn sie auch selbst nicht dem Jainaglauben angehörten, ihm doch keine Schwierigkeiten in den Weg legten, konnte sich die Religion der Tîrthankaras ausbreiten und zu hoher Blüte entfalten. Spuren von Jaina-Niederlassungen begegnen uns daher in fast allen Teilen Nord- und Mittelindiens, im heutigen Gebiet der Vereinigten Provinzen von Âgrâ und Audh, in Kashmîr und im Panjâb, vor allem aber in Râjputânâ, in der Central India Agency und den Zentral-Provinzen. Nur selten waren die Staaten, die in diesen weiten Landschaften bestanden, Jaina-Reiche in dem Sinne, daß ihre Fürsten Jainas waren oder daß die Mehrzahl der Bevölkerung der Jainalehre anhing; die Jainas nahmen aber fast überall eine bedeutende Stellung ein und haben namentlich in Râjputânâ und Mittel-Indien einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf das kulturelle Leben ausgeübt. Dank ihrer Bildung und dem Reichtum, den sie als Kaufleute erwarben, spielten sie eine große Rolle in den Städten und an den Königshöfen und schenkten dem Staat vortreffliche Beamte.

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Zeugen der Macht und des Glanzes, dessen sich das Jainatum in der Vergangenheit erfreute, sind die großartigen Tempelanlagen, welche durch die Freigebigkeit frommer Laien an den verschiedensten Orten entstanden, so in Kampil, Kosam, Lalitpur (11. Jh.) in den Vereinigten Provinzen, in Gohna und Katâs im Panjâb, bei Virâva in Sindh, in Ahâr, Jaisalmer, Kâlinjara, Reni (942), und namentlich auf dem Berg Âbû in Râjputânâ; in Ajaigarh (12.—14. Jh.), Baro, Bhojpur (12. 13. Jh.), Kundalpur, Khandvâ, Osia (783), Un in Zentral-Indien; in dieser Landschaft sind namentlich auch die Heiligtümer von Khajrâho (10.—11. Jh.) und Gwalior bedeutsame Wahrzeichen des Reichtums und Kunstsinns ihrer Schöpfer.

2. Der Jainismus in Gujarât

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In keiner Landschaft Indiens hat der Jainaglaube seit jeher eine so hohe Bedeutung gewonnen wie in Gujarât. Hier soll schon der zweiundzwanzigste Tirthankara, Arishtanemi, gewirkt haben, hier ging er in die Seligkeit ein, hier erlangten viele Fromme auf den geweihten Bergen von Girnâr und Shatrunjaya das Heil. Die hohe Stellung, deren sich Gujarât schon frühzeitig bei den Shvetâmbaras erfreute, tritt aufs deutlichste darin hervor, daß dort im Orte Valabhî im Jahre 980 (993) nach Mahâvîras Nirvâna das Konzil stattfand, auf welchem die weißgekleidete Konfession ihren heiligen Schriften die endgültige Fassung gab.

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Herrscher und Machthaber aus den verschiedensten edlen Häusern traten in Gujarât als Schirmherren der Jainalehre auf. Der König Vanarâja (ca. 720 780 n. Chr.) aus der Dynastie der Câvadâs soll von dem Jainamönche Shîlaguna Sûri im Walde aufgezogen worden sein, bevor er das Königtum erlangte, und der Religion der Tirthankaras darum auch später seine Anhänglichkeit bewahrt haben. Als er die Stadt Anahilvâda Pattana gründete, ließ er sie mit Jaina-Mantras weihen und schmückte sie mit einem Tempel, in welchem er selbst als Verehrer des Pârshvanâtha dargestellt war 28.

c7.s4.t2.3

Große Gönner besaß der Jainismus vor allem in einigen Königen aus der Dynastie der Caulukya (Solanki). Der Begründer derselben, Mûlarâja (961 996), wenn auch selbst ein Shivait, erbaute Jainatempel. Unter dem König Bhîma I. (1022—1064) errichtete der fromme Laie Vimala im Jahre 1032 auf dem herrlichen Gipfel des Berges Âbû die berühmten Jaina-Tempel, die unter dem Namen Vimala-vasahi (Vimalas Residenz) noch heute den Ruhm des Âbû bilden ²⁹.

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Einen großen Aufschwung nahm der Jainaglaube in Gujarât in der Folge vor allem dank der Tätigkeit des berühmten Hemacandra, des bedeutendsten Schriftstellers, den die Shvetâmbaras hervorgebracht haben. Hemacandra oder Cangadeva, wie er mit seinem ursprünglichen, weltlichen Namen hieß, wurde im Jahre 1088 oder 1089 in Dhandhûka in Gujarât als Sohn eines Jaina-Kaufmanns geboren ³⁰. Der Mönch Devacandra, der auf den intelligenten Knaben aufmerksam geworden war, ließ sich von den Eltern die Erziehung desselben übertragen und erteilte ihm mit acht (neun) Jahren die Weihe, bei welcher Gelegenheit er ihm den Namen Somacandra beilegte. In allen Zweigen der Jaina-Lehre unterwiesen, erwarb sich der Jüngling kraft seiner außergewöhnlichen Begabung bedeutende Kenntnisse; auch die brahmanische Gelehrsamkeit machte er sich vollkommen zu eigen. Mit einundzwanzig Jahren wurde er unter dem Namen Hemacandra zum Âcârya (Meister) und Nachfolger seines Lehrers geweiht. Sein Wissen und seine Schlagfertigkeit in der Unterhaltung erwarben ihm die Freundschaft des Königs Jayasinha Siddhârâja (1094–1143) aus der Caulukya-Dynastie *). Dieser hervorragende Herrscher, der sich durch seine Feldzüge und Bauten großen Ruhm erwarb, war ein begeisterter Freund der Literatur und Philosophie. Obwohl selbst ein gläubiger Shiva-Verehrer, zog er den Jaina-Mönch an seinen Hof in Anahilvâda-Pattana. Im Auftrage seines fürstlichen Gönners verfaßte Hemacandra seine berühmte Grammatik, das sog. Siddhahemacandra (d. h. das für Siddhârâja von Hemacandra geschriebene Werk) und eine Reihe von anderen Büchern. Seine Beziehungen zum Könige wußte der Mönch für seine Religion geschickt auszuwerten; wenn Jayasinha auch nicht den Jainaglauben annahm, so veranlaßte Hemacandra ihn doch dazu, dem Mahâvîra in Siddhapura einen Tempel zu bauen und bei einer Wallfahrt, die er mit ihm unternahm, auf dem

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*) Der Name „Siddharâja“ bedeutet „König der Zauberer“; er wurde dem Jayasinha gegeben, weil er über magische Kräfte verfügt haben soll, die er dadurch erhielt, daß er den Dämon Barbaraka besiegte und sich untertänig machte.

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Berge Girnâr den Neminâtha zu verehren. Für das Interesse, das der Monarch am Jainismus nahm, ist auch die Tatsache bezeichnend, daß an seinem Hofe einmal ein großer Redekampf zwischen dem aus dem Karnâtak zugereisten Digambara Kumudacandra und dem Shvetâmbara Devacandra stattfand; die Disputation endete mit dem Siege des Shvetâmbara, wobei höfische Intriguen mitgespielt haben sollen. Daß Jayasinha den Jainas jedoch nicht immer wohl gesinnt war, lehrt der glaubwürdig berichtete Umstand, daß er zeitweilig das Hissen von Bannern auf Jaina-Tempeln verbot.

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Als Jayasinha 1143 kinderlos gestorben war, folgte ihm sein Großneffe Kumârapâla auf dem Thron von Gujarât. Auch bei diesem schuf sich Hemacandra eine einflußreiche Stellung. Er verstand es, den König allmählich für den Jainismus zu gewinnen und ihn schließlich ganz zu diesem zu bekehren. Kumârapâla entsagte darauf dem Fleischgenuß und der Jagd und verbot in seinem Reiche das Schlachten von Tieren, das Essen von Fleisch, das Genießen geistiger Getränke und das Glückspiel. Diese Maßnahmen, die Gujarât in einen Jaina-Musterstaat verwandelten, wurden aufs strengste durchgeführt: die Schlächter mußten ihr Gewerbe aufgeben, wofür sie durch einen Betrag in der Höhe eines Dreijahres-Einkommens entschädigt wurden, und die Brahmanen die Tieropfer durch Getreidespenden ersetzen. Hemacandra scheint es in äußerst geschickter Weise verstanden zu haben, den Herrscher seinem Gelübde treu zu erhalten, auch dann, wenn dieses mit den ererbten Königspflichten kollidierte. Râjashekhara erzählt hierüber in seinem Prabandhakosha die folgende Anekdote: „Kurze Zeit, nachdem Kumârapâla die Schonung der lebenden Wesen geboten hatte, kam die lichte Hälfte des Monats Âshvina herbei. Da ließen die Priester der Kanteshvarî und der übrigen Göttinnen den König wissen: „Herr, am siebenten Tage muß der König nach dem Brauche der Vorfahren den Göttinnen 700 Ziegen und 7 Büffel geben, am achten 800 Ziegen und 8 Büffel, am neunten aber 900 Ziegen und 9 Büffel.“ Als der König das gehört hatte, ging er zu Hemacandra und teilte ihm die Sache mit. Der große Lehrer flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf der König sich erhob und den Priestern das Gebührende zu geben versprach. Nachts wurden die Tiere in den Tempel der Göttin geführt, die Schlösser desselben fest zugemacht und verläßliche Râjputen als Wachen aufgestellt. Am nächsten Morgen kam der König und ließ die Türen des Tempels öffnen. In der Mitte sah man die Tiere wiederkäuend liegen, erquickt durch das vor dem Winde geschützte Lager. Da sagte der Fürst: „Priester, diese Tiere habe ich den Göttinnen gegeben. Wenn die an ihnen Gefallen gefunden hätten, so würden sie dieselben verzehrt haben. Sie sind aber nicht verzehrt. Deshalb finden die Göttinnen keinen Gefallen an Fleisch. Ihr aber liebt es. Darum seid ganz still; ich werde nicht erlauben, daß lebende Wesen getötet werden.“ Die Priester ließen die Köpfe hängen. Die Ziegen wurden freigelassen. Der König ließ aber den Göttinnen Speiseopfer geben, die ebensoviel wert waren als die Ziegen.“³¹

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Kumârapâla besuchte zahlreiche heilige Stätten der Jainas und schmückte sie mit Bauten; namentlich soll er zweiunddreißig Tempel haben errichten lassen als Sühne für den Fleischgenuß, dem seine zweiunddreißig Zähne vor seiner Bekehrung gefrönt hatten.

c7.s4.t2.9

Unter dem Schutze seines königlichen Herrn entfaltete Hemacandra eine ausgedehnte literarische Tätigkeit. Er schrieb eine Darstellung der Heilslehre der Jainas, das berühmte „Yogashâstra“, ferner eine außerordentlich umfangreiche Universalhistorie, die „Geschichte der dreiundsechzig großen Männer“ (Trishashtishalâkâpurushacarita), ein umfangreiches historisches Epos „Kumârapâlacarita“, das die Geschichte der Caulukya-Dynastie von Gujarât, vornehmlich aber das Leben Kumârapâlas selbst behandelt, ein „kurzes Lehrbuch der Regierungskunst vom Jainastandpunkt“ (Laghvarhannîtishâstra) und andere Schriften. Auch in der Staatsverwaltung und der äußeren Politik scheint der Mönch seinen Einfluß geltend gemacht zu haben; viele Legenden berichten von den wunderbaren Taten, die er durch seine übernatürlichen Zauberkräfte vollbrachte, und von seinen Prophezeiungen, die stets in Erfüllung gingen. Als einst ein feindlicher König gegen Kumârapâla zu Felde zog, um sein Land zu erobern, weissagte Hemacandra seinem bestürzten Herren, die Schutzgöttinnen des Jainaglaubens würden sein Land retten. In der Tat soll der gegnerische Herrscher, als er bei einem nächtlichen Marsche auf seinem Reitelephanten eingeschlafen war, mit seiner Halskette an einem Baume hängengeblieben und so erdrosselt worden sein.

c7.s4.t2.10

Hemacandra endete, 84 Jahre alt, 1172 sein erfolgreiches Leben, indem er sich freiwillig zu Tode fastete. Kumârapâla starb bald darauf ebenfalls den Hungertod des Weisen. Sein Neffe Ajayapâla, der ihm in der Regierung folgte, war ein fanatischer Anhänger des Shivaismus. Unter ihm waren die Jainas Verfolgungen ausgesetzt, so soll der Gelehrte Râmacandra, der an Kumârapâlas Hofe eine bedeutende Rolle gespielt hatte, auf seinen Befehl gezwungen worden sein, auf einer glühenden Kupferplatte zu sitzen.

c7.s4.t2.11

Unter den Vâghelâs, die seit Beginn des 13. Jahrhunderts an Stelle der Caulukyas in Gujarât die Macht in Händen hatten, gelangte der Jainaglaube zu hoher Blüte dank des Einflusses der Brüder Vastupâla und Tejahpâla, welche beide Ministerstellungen innehatten und sich in hervorragender Weise auszeichneten 32. Auf Rat Anupamâs, der Gattin Tejahpâlas, legten sie ihren großen Reichtum in einer Weise an, die es möglich machte, daß ihn jeder sehen, aber niemand rauben konnte — sie erbauten großartige Tempel auf den Bergen Âbû, Shatrunjaya und Girnâr, die noch heute die Erinnerung an sie wachhalten.

3. Der Jainismus im Dekhan

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Zahlreiche, heute zum größten Teil zerfallene Tempel sowie Inschriften und literarische Nachrichten bezeugen, daß der Jainaglaube in Mahârâshtra sowie in dem Sprachgebiet der Kanaresischen, d. h. in den südlichen Distrikten der heutigen Präsidentschaft Bombay, im nördlichen Teil der Präsidentschaft Madrâs, im Kûrg-Lande und in den Fürstentümern Haidarâbâd und Maisûr in der Vergangenheit zahlreiche Anhänger besaß und sich einer großen Blüte erfreute. Eine ganze Reihe von Herrschern aus den verschiedenen Dynastien, welche in diesen Gegenden regierten, waren entweder selbst Jainas oder unterstützten zum wenigsten die Religion einer großen Zahl ihrer Untertanen in tatkräftiger Weise durch Schenkungen und Stiftungen.

c7.s4.t3.2

In Mahârâshtra, dem mächtigen Reiche, das die Andhra-Könige von ihrer Hauptstadt Pratisthâna (am Oberlauf der Godâvarî im heutigen Haidarâbâd) aus in den Jahrhunderten um Christi Geburt regierten, entstand das Mâhârâshtrî-Prâkrit, das von den Shvetâmbaras viel für literarische Zwecke verwendet wurde. Einen König aus diesem von Shâlivâhana (S. 44) begründeten Fürstenhause, Hâla Sâtavâhana (Shâlivâhana) gilt als Verfasser oder Sammler einer berühmten Anthologie von Prâkrit-Strophen, und die Jainas rechnen ihn unter ihre vier gelehrten Könige (Vikramâditya, Shâlivâhana, Manja, Bhoja). Ob die Jainas aber diesen Hâla und andere den Beinamen Shâlivâhana führende Könige aus der Andhra-Dynastie mit Recht für sich in Anspruch nehmen können, ist unsicher, weil die in Dhânyakataka residierenden Herrscher dieses Hauses zweifellos eifrige Buddhisten waren und in dem Stûpa von Amarâvâtî eines der schönsten Baudenkmäler der Religion Gautamas geschaffen haben.

c7.s4.t3.3

Der Einfluß der Jainas reichte über den ganzen Kontinent von der westlichen Küste bis zur östlichen hin. Inschriften und andere Dokumente beweisen, daß er im Sprachgebiet der „Mâhârâshtrî“ ebenso herrschend war, wie in dem des Kanaresischen und des Telugu bis nach Orissa (s. S. 37) hin. Die politische Geschichte der an der Ostküste der heutigen Präsidentschaft Madrâs gelegenen Gebiete bedarf zwar noch in vielem der Aufhellung, doch zeigen die epigraphischen Nachrichten, welche B. Sheshagiri Rao in seinem „Andhra Karnata Jainism“ gesammelt hat, hinreichend, daß in den heutigen Distrikten Vizagapatam, Krishna, Nellore u. a. in der Vergangenheit Jaina-Niederlassungen und Jaina-Tempel bestanden haben.

c7.s4.t3.4

Eine ganz hervorragende Rolle hat der Jainismus aber vor allem in der Geschichte der kanaresischen Gebiete gespielt, die in alter Zeit ein Hauptsitz der Digambaras waren. Der Jainaglaube wurde, der Tradition zufolge, von Bhadrabâhu in diese Gegenden gebracht, als er, wie oben S. 38 erwähnt, während einer Hungersnot in Bihâr mit einem Teil der Mönche nach Maisûr auswanderte. Wie die Digambaras berichten, starb Bhadrabâhu selbst in Shravana Belgola in einer Höhle; in seinen letzten Augenblicken leistete ihm der Kaiser Candragupta Gesellschaft, der selbst Mönch geworden war und den Weisen als Schüler begleitet hatte. Nach zwölf Jahren soll Candragupta selber, dem Beispiel seines Lehrers folgend, ebenfalls den freiwilligen Hungertod gestorben sein. Diese Überlieferungen, die zu denen der Shvetâmbaras im Widerspruch stehen, werden von B. Lewis Rice als historisch betrachtet; andere Forscher halten diese Berichte für apokryph und glauben, daß hier eine Verwechslung des berühmten Bhadrabâhu mit einem anderen Lehrer gleichen Namens vorliege, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte, und daß die Erzählung von Candragupta deshalb auf eine andere Persönlichkeit Bezug habe, falls eine historische Tatsache ihre Grundlage bildet.

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Die Ausbreitung des Jainismus im Dekhan und im Süden förderten in hohem Maße die Meister Samantabhadra (angeblich 1. Jh. n. Chr., wahrscheinlich um 600 n. Chr.), Pûjyapâda und Akalanka (um 700 n. Chr.). Samantabhadra soll sich in früher Jugend so strengen Kasteiungen hingegeben haben, daß er des Lebens überdrüssig wurde und sich durch Nahrungsenthaltung selbst den Tod geben wollte. Sein Lehrer hielt ihn hiervon zurück und rettete dadurch dem Jaina-Glauben einen seiner eifrigsten Missionare. Auf seinen Vortragsreisen soll Samantabhadra ganz Indien besucht haben: in Pâtaliputra (in Bihâr), Thakka (im Panjâb), in der Landschaft Sindh, in Vaidisha (Bhilsâ in Mittelindien), Karahâtaka (Karhâd im Distrikt Satâra in den West-Ghâts), Benares und Kâncî (Conjeeveram), mit großem Erfolg für die Lehre wirkend. Er zeichnete sich auch als Schriftsteller aus, verfaßte die berühmte „Âptamîmânsâ“, eine Darstellung der Jaina-Logik und Metaphysik, und eine Reihe anderer Werke. Pûjyapâda machte ebenfalls im Interesse der Verbreitung des Glaubens ausgedehnte Reisen, die ihn bis nach Bihâr führten; ihm wurde der Besitz außerordentlicher Wunderkräfte zugeschrieben. Vor allem war er aber auf den verschiedensten Gebieten literarisch tätig; er behandelte nicht nur die Jaina-Philosophie mit großer Meisterschaft, sondern war auch eine Autorität auf dem Gebiete der Medizin und vor allem der Grammatik. Ebenso wie auch Samantabhadra gilt er als einer der frühesten Schriftsteller, die sich der kanaresischen Sprache zu literarischen Zwecken bedienten, doch sind weder von ihm noch von seinem Vorgänger kanaresische Werke erhalten. Akalanka schrieb einen berühmten Kommentar zur Âptamîmânsâ und viele andere Werke.

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Der größten Blüte erfreute sich der Jainismus unter den Dynastien der Gangas und Râshtrakûtas ³³.

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Die Gangas herrschten vom 2.–11. Jahrhundert n. Chr. über den größten Teil von Maisûr und der umliegenden Gebiete; ihre Inschriften finden sich von Kûrg im Westen bis nach Nord-Arkot und Tanjor im Osten, vom äußersten Süden Maisûrs bis zum Distrikt Belgaum der Bombay-Präsidentschaft im Norden. Die Macht der Gangas soll durch einen Jaina-Asketen Sinhanandì begründet worden sein. Ein König Padmanâbha aus dem Sonnengeschlecht wurde nämlich von dem König Mahipâla von Ujjain überfallen, der ihm fünf Kleinodien rauben wollte, welche einer seiner Vorfahren von Indra erhalten hatte. Padmanâbha sandte darauf seine beiden Söhne Dadiga und Mâdhava mit dem kostbaren Besitz nach Süden. In Perûr trafen diese den Mönch Sinhanandì; der Asket nahm Anteil an den Knaben und verschaffte ihnen ein Reich als Gabe der Göttin Padmâvatî. Das Geschenk bestätigte Padmâvatî durch die Überreichung eines Schwertes, mit welchem Mâdhava eine steinerne Säule entzwei schlug – ein Wunder, das als gutes Omen aufgefaßt wurde. Im Kampf mit den Bâna-Fürsten eroberte sich Mâdhava ein großes Königreich, dessen Hauptstadt Kolar wurde. Ihm folgte Dadigas Sohn Kiriya Mâdhava und eine lange Reihe anderer Herrscher, die später in Talakâd residierten und sich alle als fromme Jainas erwiesen. Minister der Könige Mârasinha II. und Râcamalla (Râjamalla) IV. war der große Câmundarâya, der den Jainaglauben ganz besonders patronisierte. Er errichtete (um 980 n. Chr.) in Shravana Belgola ein herrliches Heiligtum des Arishtanemi sowie die berühmte Kolossal-Statue des Gommateshvara und betätigte sich auch schriftstellerisch. Sein Seelsorger war der gelehrte Nemicandra, dessen alle Gebiete der Jaina-Philosophie behandelnden Werke bei den Digambaras in so hohem Ansehen stehen, daß sie ihm den Titel eines „Siddhânta-cakravartî“ (Kaiser der Lehre) verliehen. Câmundarâya war auch ein Patron des großen kanaresischen Jainadichters Ranna. Der Glanz der Gangas verblich, als ihre Hauptstadt Talakâd 1004 von dem Cola-König Râjendra erobert wurde; die Dynastie bestand zwar noch weiter, konnte sich aber von diesem Schlage, der auch den Jainaglauben schwer traf, nicht mehr erholen.

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Die Râshtrakûtas oder Rattas, deren Hauptstadt sich zuerst in Morkhand bei Nâsik befand, zu Anfang des 9. Jahrhunderts aber nach Mâlkhed in Haidarâbâd verlegt wurde, waren zeitweise die mächtigsten Fürsten der ganzen Westküste. Einer der berühmtesten Könige dieser Dynastie, Amoghavarsha I. (815–877), war ein Schüler des Jaina-Lehrers Jinasena, der den „Pârshvâbhyudaya“ schrieb, eine poetische Lebensbeschreibung Pârshvas, sowie das „Âdipurâna“ und „Harivansha-purâna“, zwei bei den Digambaras als grundlegend betrachtete Werke über die Welthistorie. Amoghavarsha protegierte auch Jinasenas Schüler Gunabhadra, der das „Âdi-purâna“ seines Lehrers beendete und durch ein „Uttara-purâna“ fortsetzte. Der König war aber auch selbst schriftstellerisch tätig, wenigstens gilt er den Digambaras als der Verfasser der „Prashnottara-ratnamâlikâ“ des „Juwelenkranzes von Fragen und Antworten“, in welchem die Rätsel der Welt vom Standpunkt des Asketen behandelt werden. Das Werk soll von Amoghavarsha geschrieben worden sein, nachdem er dem Thron entsagt hatte, um sich ganz frommer Beschauung zu widmen. Krishna II., Akâlavarsha, der Sohn und Nachfolger dieses Herrschers, förderte Gunabhadras Schüler Lokasena, der dessen „Uttara-purâna“ beendete und im Shaka-Jahre 820 feierlich konsekrierte. Ein späterer König aus demselben Hause, Krishna III. (939–968), war der Schirmherr des Dichters Ponna, der in Sanskrit und Kanaresisch schrieb und deshalb von ihm den Titel „Ubhaya-kavicakravartî“ (Dichterkaiser beider Sprachen) verliehen erhielt. Die Macht der Râshtrakûtas fand ihr Ende im Jahre 973, als sie von den westlichen Câlukyas besiegt wurden. Der letzte Râshtrakûta, Indra, versuchte vergeblich sein Reich wiedergewinnen; als ihm dies nicht gelang, starb er 982 in Shravana Belgola als frommer Jaina den freiwilligen Hungertod.

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Die Câlukyas, von welchen zwei Zweige, ein östlicher in Bâdâmi und ein westlicher in Vengi, unterschieden werden und von welchen die Caulukyas von Gujarât einen Nebenzweig darstellen, deren Verdienste um den Jainaglauben oben S. 49 f. behandelt wurden, begünstigten den Jainismus in mannigfacher Weise, indem sie Tempel bauten und ausbesserten, den Heiligtümern große Stiftungen machten und Dichter und Schriftsteller, wie den großen Kanaresen Âdi-Pampa (geb. 902) an ihren Hof zogen. Ähnlich handelten auch die Kalacuryas von Kalyânî und eine Reihe von Fürsten kleinerer Reiche.

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Eifrige Jainas waren auch die ersten Könige der Hoysala-Dynastie, die ursprünglich Vasallen der Câlukyas waren, nachdem sie aber 1116 die Colas aus Maisûr vertrieben hatten, in Dorasamudra (Halebîd) ein machtvolles Reich errichteten. Ihren Namen sollen sie dem folgenden Ereignis verdanken: Ihr Ahnherr Sala verehrte einst seine Familiengöttin Vâsantikâ im Tempel seines Heimatsortes Sosavûr (Angadi in den West-Ghâts) und empfing dort Belehrung von seinem Seelsorger, dem Jainamönche Sudatta. Plötzlich kam ein gewaltiger Tiger aus dem Walde hervor und stürzte sich auf Sala. Da ergriff der Asket seinen Bambusstab und gab ihn dem Fürsten mit den Worten: „Poy Sala!“ (Schlag zu, Sala). Sala tötete den Tiger und nahm zur Erinnerung an das denkwürdige Ereignis den Namen Poysala an, woraus dann später Hoysala geworden ist. Die Hoysalas waren Jainas bis zum König Bittideva (1104–1141), der von dem vishnuitischen Reformator Râmânuja zum Vishnuismus bekehrt wurde und den Namen Vishnuvardhana annahm³⁴. Seine erste Gattin, Shântale-devî, blieb dem Jainatum treu. Als sie, zugleich mit ihrem Vater, nach kinderloser Ehe starb, war ihre Mutter, Macikabbe, über diese Schicksalsschläge sowie über den Abfall ihres Schwiegersohns von der väterlichen Religion so untröstlich, daß sie nach einmonatlichem Fasten den Hungertod starb³⁵. Einige spätere Hoysala-Könige scheinen zum Jainaglauben zurückgekehrt zu sein, wie der Einfluß desselben überhaupt zu jeder Zeit bei Hofe stark gewesen sein muß, da eine Reihe hervorragender Minister und Generäle Verehrer der Tirthankaras waren. Der Untergang des Hoysala-Reiches zu Beginn des 14. Jahrhunderts beraubte den Jainismus darum eines bedeutenden Rückhalts.

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Die Bedeutung der Jainas für das geistige Leben der Kanaresen und ihrer Nachbarn läßt sich kaum hoch genug einschätzen. In alter Zeit sind sie unbestritten die hauptsächlichsten, ja vielfach die einzigen Förderer aller kultureller Bestrebungen gewesen. Es nimmt daher nicht wunder, daß die gesamte kanaresische Literatur bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ausschließlich jainistisch ist und der Jainismus auch späterhin noch einen hervorragenden Platz im kanaresischen Schrifttum einnimmt. Die ältesten und größten Erzeugnisse des kanaresischen Geistes tragen daher unverkennbar den Stempel des Jainatums. Dasselbe gilt für die bildende Kunst. Auch auf diesem Gebiete haben die Jainas in diesen Gegenden bahnbrechend gewirkt, wie die gewaltigen Tempelanlagen, die Bastîs und Bettâs, die großen Statuen des Gommata und viele andere Denkmäler beweisen.

4. Der Jainismus in Südindien

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Der Mahâvansa, die epische Chronik Ceylons, welche im 5. Jahrh. n. Chr. vom Dichter Mahânâma verfaßt wurde, berichtet, daß sich in Anurâdhapura, der Residenz des Königs Pandukâbhaya (um 437 v. Chr.) Tempel und Wohnstätten der „Nirgrantha“-Mönche befunden hätten. Wenn diese, allerdings wenig glaubhaften Angaben richtig wären, müßte es bereits in sehr früher Zeit Jainas in Ceylon gegeben haben, und es wäre dann anzunehmen, daß der Jainismus auch in dem zwischen seinem Heimatlande und der Löweninsel gelegenen Gebieten frühzeitig Fuß gefaßt hat³⁶. Gewöhnlich wird jedoch angenommen, daß das Jainatum sich erst zur Zeit Bhadrabâhus von Maisûr aus im Süden der Halbinsel verbreitet habe. Die in den Distrikten Madurâ und Ramnad gefundenen Brahmi-Inschriften, welche dem Ende des dritten und Anfang des zweiten Jahrhunderts vor Beginn unserer Zeitrechnung angehören sollen, bisher aber nur teilweise entziffert werden konnten, werden von einigen Forschern als Jaina-Dokumente betrachtet, weil unweit der Orte, an denen man sie entdeckte, Ruinen von Jaina-Tempeln mit Tîrthankara-Statuen gefunden wurden³⁷. Ist diese Deutung richtig, so wäre damit erwiesen, daß der Jainaglaube in Südindien auf ein sehr hohes Alter zurückblicken kann.

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Ebenso unsicher und fragmentarisch sind vorläufig noch auch unsere Kenntnisse über den weiteren Verlauf der Geschichte des Jainismus im Tamil-Lande und den angrenzenden Gebieten. Sicher ist nur, daß die Jainas in jener Gegend eine bedeutende Stellung eingenommen und eine hervorragende kulturelle Wirksamkeit entfaltet haben. Nach Sir Walter Elliot³⁸ empfingen Handwerk, Kunstgewerbe und Industrie des Südens durch Jainas tiefgehende Anregungen. Vor allem aber ist die Einwirkung der Jainas auf das tamilische Schrifttum sehr stark gewesen. Mit Recht schreibt daher Bischof Caldwell: „Die Zeit der Vorherrschaft der Jainas (eine Vorherrschaft durch Bildung und Gelehrsamkeit — selten eine solche durch politische Macht) war das augustäische Zeitalter der Tamil-Literatur³⁹.“ Die klassischen Werke des tamilischen Schrifttums sollen aus dem Kreise der Akademie von Madurâ, einer Dichterschule, welcher hauptsächlich Jainas angehört haben sollen, entstanden bzw. jener hohen Körperschaft vorgelegt und von ihr gebilligt worden sein.

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Die Zeit der Akademie von Madurâ steht nicht fest. Tamil-Schriftsteller unterscheiden drei Perioden derselben und verlegen die letzte, wichtigste in das 2. Jahrh. n. Chr., andere weisen sie einer etwas späteren Zeit zu. Daß gerade die Jainas das Tamil wie das Kanesische und andere Volkssprachen pflegten, mag seinen Grund zum Teil in ihrer Opposition gegen das Brahmanentum gehabt haben, welches vorzugsweise das Sanskrit begünstigte.

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Madurâ scheint überhaupt lange Zeit hindurch der Vorort des Jainismus im Süden gewesen zu sein, weil die Herrscher der Pândya-Dynastie den Jainaglauben unterstützten, zum Teil ihm auch selbst angehörten. Auch die Pallavas, die im 4.—10. Jahrh. n. Chr. ein machtvolles Reich an der Ostküste beherrschten, waren den Jainas wohlgesinnt. Ihre Hauptstadt Kâncî (Conjeeveram) war ein Brennpunkt aller geistigen Bestrebungen. In ihr gediehen alle Religionen nebeneinander. In dem buddhistischen Tamil-Epos „Manimekhalai“ wird die Titelheldin Manimekhalai von ihrem Großvater dazu aufgefordert, als Mönch verkleidet bei den Gelehrten von Kâncî die Lehren der Vaidikas, Shaivas, Vaishnavas, Âjîvikas, Nirgranthas, Sânkhyas, Vaisheshikas und Lokâyatas zu studieren und dasjenige System anzunehmen, das ihr am besten zusage. Der chinesische Reisende Hiuen-Tsiang, der im 7. Jahrh. Kâncî besuchte, sah in der prächtigen Stadt die rivalisierenden Glaubensformen nebeneinander blühen und erwähnt die große Zahl der Jainas, die er dort vorfand. Daß Kâncî in jener Periode ein Stützpunkt der Jainas war, wird uns auch von diesen selbst berichtet. Der große Digambara-Lehrer Samantabhadra (um 600 n. Chr.) soll hier durch Wunder, die er im Tempel vollbrachte, den König Shivakoti vom Shivaismus zum Jainaglauben bekehrt haben¹⁰, und Akalanka (um 700 n. Chr.) hatte hier eine Disputation mit Buddhisten, die mit einer völligen Niederlage der letzteren endete. Der König Hemasîtala soll sich darauf zum Jainatum bekehrt und die Buddhisten nach Ceylon verbannt haben⁴¹. Die Blüte des Jainismus in Kâncî fand ein Ende, als die Pallavas sich dem Shivaismus zuwandten, und vor allem, als die Colas, fanatische Shivaiten und unversöhnliche Feinde der Religion Mahâvîras, im 11. Jahrh. in den Besitz der Stadt kamen und sie zu ihrer Hauptstadt erhoben.

Cites (14)