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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c8.s1.t2.78

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c8.s1.t2.78

Language
German

c8.s1.t2.78

Die kurzen Bemerkungen über den Inhalt der kanonischen Schriften zeigen schon, wie außerordentlich vielseitig derselbe ist. Genauere Angaben würden diesen Eindruck noch verstärken, denn viele dieser Bücher enthalten in der Form von Abschweifungen oder Einschüben Erörterungen über Dinge der verschiedensten Art, die nicht eigentlich zu den in ihnen behandelten Themen gehören und die man deshalb gar nicht in ihnen vermuten würde. Trotz dieser Vielseitigkeit des Gebotenen sind nicht alle Werke interessant zu lesen. Denn viele von ihnen ergehen sich in sehr eintönigen Aufzählungen und in der trockenen Aneinanderreihung von Vorschriften, die nur ab und zu durch ein paar hübsche Sprüche oder ein treffendes Gleichnis unterbrochen werden. Auch die Legenden, welche der Kanon enthält, werden zumeist in sehr unlebendiger, langatmiger Weise erzählt. Eine charakteristische Eigentümlichkeit vieler heiligen Schriften ist es, daß sich in ihnen zahlreiche Wiederholungen und zur Schablone erstarrte Wendungen finden. Dies geht so weit, daß die Urheber oder Abschreiber der uns vorliegenden Texte es nicht einmal mehr für nötig hielten, das von ihnen zu Sagende seinem ganzen Umfange nach wiederzugeeben; sie begnügten sich vielmehr damit, gewissermaßen nur ein paar Stichwörter anzugeben und es dem Leser zu überlassen, bestimmte feststehende Sätze und Wendungen aus einem anderen Werke in sinngemäßer Weise einzuschalten. Für die Beschreibungen von Orten, Personen usw. gibt es gleichsam Klischees, die sich an einer bestimmten Stelle im Kanon finden und auf die dann einfach jedesmal verwiesen wird, wenn der betreffende Ort oder die betreffende Person vorkommt. Diese Beschreibungen heißen „Varnakas“ und sind in einem breiten poetischen Stil geschrieben, der sich durch die Verwendung von zusammengesetzten Worten riesigen Umfangs, durch die Häufung von erläuternden Attributen usw. deutlich von dem Grundton der Texte abhebt. Vom literarischen Standpunkt aus betrachtet können die Schriften des Kanons keinen Anspruch auf hohe Wertschätzung erheben. Nicht nur die belehrenden, sondern auch die erzählenden Partien leiden oft an einer „inkurablen Trockenheit“, und nur selten steigert sich die Sprache zu einem Pathos, das den heutigen Leser mitzureißen vermag.