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Der Jainismus: Eine indische Erlosungsreligion c9.s3.t2.75

Der Jainismus: Eine indische Erlösungsreligion c9.s3.t2.75

Language
German

c9.s3.t2.75

Jedes Karma kommt einmal zur Realisation, d. h. es gelangt in den Zustand der „Reife“ (Vipâka), so wie aus einem Samenkorn einmal eine Frucht wird. Wenn das Karma seine Wirkung gezeitigt hat, schwindet es, es ist nicht mehr vorhanden, wie eine Frucht, die genossen worden ist. Bei einem Menschen, der das Zuströmen neuen Karmas in die Seele vollkommen unmöglich macht, müßte also im natürlichen Verlauf der Dinge schließlich der Zustand einmal eintreten, in dem alles von ihm früher aufgestapelte Karma verbraucht und seine Seele dadurch karma-frei geworden ist. Dieser Zustand kann aber in der Wirklichkeit nicht eintreten, weil ein Mensch aus seinen zahllosen Existenzen so viel Karma in seiner Seele birgt, daß dieses sich erst in sehr langer Zeit erschöpfen würde, zumal da ja manche Karmas ihre Kraft sehr lange Zeit hindurch bewahren. Es ist deshalb erforderlich, daß die Tilgung des Karma auf künstlichem Wege beschleunigt wird. So wie Mangos oder Früchte des Brotfruchtbaumes durch Anwendung künstlicher Mittel vorzeitig zur Reife gebracht werden können, so kann auch beim Karma auf bestimmtem Wege bewirkt werden, daß es sich in kurzer Zeit entfaltet und verzehrt. Das Mittel, das eine schnelle Tilgung des Karma herbeiführt, ist — neben der Befolgung der Vorschriften, die der Abwehr des Karma dienen — die Askese. Die Askese (Tapas) verbrennt nach allgemein indischer Anschauung die Samen der Werke; die Vornahme derselben, d. h. das Ausführen von Kasteiungen und Meditationen, hat deshalb jedenfalls eine Tilgung von Karma zur Folge. Damit diese Tilgung aber wirklich zur Erlösung führt, ist notwendig, daß sie in der richtigen Weise geschieht. Denn es gibt auch „törichte Askese“, wie sie die Ketzer oder schlecht beratene Leute üben. Dieses sog. „Bâla-tapas“, das auch in einem in falscher Weise (durch Herabstürzen von einem Abhang, durch Ertränken) vorgenommenen religiösen Selbstmord bestehen kann, führt natürlich ebensowenig die Erlösung herbei, wie die falschgerichtete Meditation, von welcher unten S. 210 noch gesprochen werden wird, wohl aber hat sie bestimmte segensreiche Wirkungen, indem sie die Wiedergeburt in einem Götterhimmel veranlaßt²⁶.

Cites (1)