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Die Religion des Veda c10.6

Die Religion des Veda c10.6

Language
German

c10.6

Und noch andere Massen mythischer und kultischer Gebilde, die im begrenzten Gesichtsfeld des ältesten Veda nur an nebensächlicher Stelle, nur in Spuren sichtbar werden, stellen sich, das Bild des alten vedischen Glaubens vervollständigend, neben die Götter und Opfer, von denen die Hymnen des Rgveda reden. Die großen Götter umgibt das Gewimmel einer niederen Plebs des Geisterreichs, tückische, mißgestaltete und tiergestaltete Spukgeister, Blutsauger, Krankheitsbringer, die sich in den Häusern einnisten, an den Kreuzwegen hausen, durch die Luft herumstreichen. Dazu die Seelen der Verstorbenen, die „Väter“ der Familie, die von ihren Nachkommen gespeist werden, an deren Geschicken Anteil nehmen, ihnen Glück und Nachkommen verleihen, aber auch feindliche Seelen, vor deren Tücke man sich zu hüten hat. Und weiter schwirren, schweben, fließen umher oder liegen hier und dort verborgen zahllose glück- und unglückbringende Substanzen, mit deren heilsamer Kraft man sich zu sättigen sucht, von deren Kontagium berührt zu werden man sich fürchtet. Hier treibt der niedere Kultus sein Werk, der Kultus der Bannungen und Beschwörungen, des Glückszaubers und alles sonstigen mannigfachen Zaubers, und weiter die superstitiöse Sorgfalt auf Schritt und Tritt, das Nichthinsehen, Sichnichtumsehen, Nichtberühren, Nichtessen, die Scheu vor Tabus aller Art. Solche Riten und Observanzen begleiten das tägliche Leben und alle Vorgänge des Familienlebens; die sie beherrschende Technik spielt in der Kunst, gesund und glücklich seine Tage hinzubringen, keine geringere, ja vielleicht eine bedeutendere Rolle als die großen Opfer: vollends für kleine Leute, die Indra und den Götterscharen das Gelage des Rauschtranks darzubringen nicht imstande sind. Hier tut sich hinter den vergleichsweise jungen Sphären des Glaubens an Indra und Varuṇa, des Somaopfers, der Rgvedapoesie — hinter diesen vom Strom geschichtlicher Entwicklung durchströmten Regionen die Welt der ewig stabilen, aus vorgeschichtlichen Fernen stammenden, selbst geschichtslosen Grundgestaltungen religiösen Wesens auf, unendlich älter als jene Gebilde und mit unerschöpflich scheinender Zähigkeit sie zu überleben bestimmt. Und nicht allein in getrenntem Nebeneinander, sondern tief verwachsen mit dem jüngeren Glauben und Kultus erkennen wir jene dem religiösen Wesen fernster Vorzeit angehörenden Typen auf Schritt und Tritt wieder; die Umhüllung, welche die späteren Zeitalter über sie gebreitet, kann ihre von allen moderneren Schöpfungen in uralter Fremdartigkeit sich abhebende, von den Tendenzen der jüngeren Zeiten aus unverständliche Bildungsform nicht verbergen. Hinter den menschengleichen Göttern des Veda glauben wir die rohe Unförmlichkeit alter tiergestaltiger oder zwischen menschlicher und tierischer Wesenheit hin und her schwankender Gottheiten zu entdecken. Wir treffen auf fetischhafte Verkörperungen der Götter. Aus der Gestalt des vedischen Opferpriesters blicken Züge hervor, die dem Medizinmann, dem Regenzauberer der Wilden angehören, aus dem vedischen Opferfeuer das Bild des vorgeschichtlichen Zauberfeuers, aus der Aufnahmezeremonie des Brahmanenschülers die Umgürtung und zauberhafte Wiedergeburt des Jünglings bei der Pubertätsweihe der Wilden. So öffnet sich uns von der fernen Vergangenheit des vedischen Glaubens der Blick in noch entlegenere unabsehbare Fernen jenseits der Ausprägung indischen, ja indoeuropäischen Wesens: Fernen, an deren Beschreitung zu verzweifeln als an einem Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende wir heute kein Recht mehr haben.