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Die Religion des Veda c10: Rückblick

Die Religion des Veda c10

Language
German

Rückblick

c10.1

Am Ende unseres Weges angelangt versuchen wir die charakteristischen Grundzüge der Erscheinungen, die wir betrachtet haben, zusammenzufassen.

c10.2

Innerhalb des vergleichsweise engen Abschnitts von dem religiösen Wesen Indiens, den uns die älteste Opferpoesie im Licht ihrer exklusiv priesterlichen Denk- und Ausdrucksweise zeigt, nimmt den Vordergrund eine Anzahl großer Götter ein. Die meisten und größten von ihnen sind Repräsentanten von Naturmächten: Gewitter und Sturm, Sonne und Mond, Morgen- und Abendstern und das Feuer, der freundliche Hausgenosse der Menschen. Daneben dann anders geartete Gottheiten, vor allem solche, die bestimmte Typen des Handelns vertreten oder bestimmte Gebiete des Lebens beherrschen, wie der Gott Antreiber, der Gott der Wege und Wanderer, der priesterliche Gott Gebetsherr. Bei einem großen Teil jener Naturgötter sind die ursprünglichen Züge ihres Wesens verblaßt und verschwommen; lange Entwicklungen — denn der Zeit wie dem geistigen Inhalt nach ist der Veda weit vom Ursprung dieser Konzeptionen entfernt — haben den Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Naturwesenheiten gelockert, ja oft aufgelöst. Der Glaube, daß es die großen Naturmächte sind, von denen Wohl und Wehe des eigenen Daseins abhängt, ist mehr und mehr zurückgetreten: wie jetzt vor allem die Potenzen der menschlichen Gesellschaft die entscheidende Gewalt über den einzelnen behaupten, sind von den alten Naturgöttern überwiegend nur die Gestalten menschenähnlicher Machthaber übrig geblieben, himmlischer Riesenmenschen, die einen von plump maßloser Kraft, die anderen von unergründlicher Zauberkunst, oder die Herschersitten indischer Häuptlinge an sich tragend. Die Bedürfnisse und Neigungen dieser Götter sind auf der einen Seite sehr einfach und verfallen dann doch wieder in eine eigentümlich kindliche Raffiniertheit: sie wollen essen und sich einen Rausch trinken; man muß ihnen durch das Lob ihrer Größe und ihrer Taten schmeicheln; sie lieben es aber ganz besonders, sich von den Priestern in der spitzfindig glatten Sprache theologischer Geheimniskrämerei mit versteckten, dunkel verschlungenen Andeutungen über die Mysterien ihres Wesens und ihrer Taten unterhalten zu lassen. Ethische Elemente haften diesen Göttern im ganzen nur locker und äußerlich an: der Gewitterer, zu einem gewaltigsten kriegerischen Helden verblaßt, ist wohl, wie sich das bei einem solchen Freunde der Menschen und unerschöpflichen Gnadenspender von selbst versteht, ein vorwiegend guter und braver Riese, aber woher sollte ihm die leuchtende Reinheit und Erhabenheit einer höchsten sittlichen Potenz kommen? Vertretung im Kreise der Götter verlangen die ethischen Mächte gleichwohl, und diese ist vornehmlich — noch vor der Sonderexistenz des indischen Volkes — von einer vielleicht fremdem Ursprung entstammenden Gruppe von Lichtgöttern, insonderheit einem Mondgott übernommen worden, dessen Naturbedeutung dann durch seine Rolle als höchster Herr und Schützer des Rechts fast spurlos verdunkelt worden ist. Wenn so beispielsweise zwischen diesem Gott des Rechts und dem starken Gewitterer ein fühlbarer Charakterunterschied obwaltet, sind doch im großen und ganzen die Götter in der Loslösung von ihrem Naturgrund, in der fließenden Wandelbarkeit, dem Mangel an fester Plastik, in dem Einerlei der konventionellen schmeichlerischen Phraseologie einander fast zum Verwechseln ähnlich geworden; oft möchte man glauben, daß im Grunde die Gestalt einer großen Gottheit dasteht und daß in deren Umhüllung nacheinander die jedesmal vom Dichter angeredeten Götter, deren Verschiedenheit und individuelles Wesen immer mehr antiquiert wird, hineinschlüpfen.

c10.3

Was die Erzählungen von den Taten dieser Götter anlangt, so finden wir unter Geschichten sehr verschiedenartigen Charakters, neben historischen Erinnerungen, neben ernsten und auch schwankartig humoristischen Produktionen freier Phantasie als vornehmste Hauptstücke des Sagenbestandes alte Naturmythen wie den von der Gewitterschlacht, von der Erlangung der gefangenen roten Kühe, vermutungsweise der Morgenröte, von der Fahrt des Morgen- und Abendsterns mit der Sonnenfrau. Die Bedeutung solcher Mythen ist in der vedischen Zeit meist vergessen oder halbvergessen; sie haben sich in übermenschlich-heroische Aktionen verwandelt; das Bild ist oft zur unverständlichen Hieroglyphe geworden. Ganz überwiegend sind die Erzählungen auf Effekte grellster Art, auf elementarste Motive beschränkt: riesenhafte Krafttat und Erlangung herrlichster Güter, Überwindung, auch Überlistung sehr furchtbarer Feinde, Rettung aus größter Not, in zweiter Linie hier und da auch sinnliche Leidenschaft: kein Sichvertiefen in seelische Vorgänge, kein kunstreicher Aufbau verschlungener, von sinnvoller Folgerichtigkeit regierter Handlungen und Geschicke. Überall scheint noch der Stil der Erfindung durch, wie er den Naturvölkern eigen ist, die barocke Formlosigkeit und Willkür ungezügelter Einbildungskraft. Wo die alten Mythen mit der Zeit weitergelebt, modernere Motive in sich aufgenommen haben, ist es nicht der Tiefsinn ethischer Ideen, der sich in ihr Gewand hüllt, sondern unter mancherlei anderem vor allem die Prätentionen unverhüllter orientalischer Priesterbegehrlichkeit: man erinnere sich, wie der Geschichte von der Erlangung der Kühe die Wendung auf den Erfolg der kuhbegierigen Priester gegenüber den Geizhälsen, welche die Kühe für sich behalten wollen, gegeben ist.

c10.4

Das Opfer, das den vedischen Göttern gebracht wird, ist das Opfer von Hirtenstämmen, die doch an mannigfachen Verfeinerungen einer keineswegs mehr jungen Kultur nicht arm sind. Noch fehlen die städtischen, von architektonischer Kunst geschmückten Kultzentra, aber die Opferhandlung, die sich um die heiligen Feuer und den Grasteppich den Sitz der Götter bewegt, ist doch vom Charakter primitiver Einfachheit weit entfernt. Sie ist kostspielig, überladen mit priesterlich ausgeklügeltem Zeremonienwesen, ausgestattet mit dem Schmuck einer liturgischen Poesie, in der unbehilfliche Unförmlichkeit und die ersten deutlichen Vorzeichen jener in der späteren indischen Dichtung so übermächtig hervortretenden üppig spitzfindigen Überkünstelung einen Bund geschlossen haben. Zahlreiche Priester sind tätig, die Götter in geschäftig redseliger Zudringlichkeit heranzulocken und sie in die gute Stimmung zu versetzen, in der sie dem Opferer Besitz und langes Leben verleihen, seine Feinde niederwerfen werden. Alles ist auf die konkreten Anliegen und Bedürfnisse irdischen Daseins gerichtet: der Kult ist das Mittel, dem Reichen und Vornehmen seinen Reichtum und seine Stellung zu sichern und zu mehren: nicht viel mehr als Anfänge sind davon vorhanden, daß das religiöse Wesen sich zu einer ethischen, den einzelnen und das Volk erziehenden Großmacht entwickelt hätte.

c10.5

Mit dem schwach ausgeprägten individuellen Leben des Clans und Stammes, mit Grund und Boden bestimmter Örtlichkeiten sind die Einrichtungen dieses Kultus wenig verwachsen; wo immer innerhalb des Bereichs vedischer Kultur arische Opferherren und brahmanische Priester die großen Opfer vollziehen, richten sich die annähernd in denselben Formen an dieselben, von lokalen Bindungen unabhängigen Götter. Nur spärlich und besonders da, wo unsere Quellen vom Gebiet des höheren, exklusiv priesterlichen Kults in die tieferen Regionen des Volkslebens hinüberzublicken gestatten, treten die lokalen, mit Wasser und Berg, mit Wald und Feld verknüpften Dämonen auf; wir hören von der Waldfrau, die in der von Vogellärm und mancherlei geheimnisvollen Stimmen durchschallten Einsamkeit dem Wanderer begegnet; wir finden die Spuren der Verehrung, welche den in heiligen Bäumen wohnenden Baumgenien, den Nymphen der Flüsse und Teiche dargebracht wird.

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Und noch andere Massen mythischer und kultischer Gebilde, die im begrenzten Gesichtsfeld des ältesten Veda nur an nebensächlicher Stelle, nur in Spuren sichtbar werden, stellen sich, das Bild des alten vedischen Glaubens vervollständigend, neben die Götter und Opfer, von denen die Hymnen des Rgveda reden. Die großen Götter umgibt das Gewimmel einer niederen Plebs des Geisterreichs, tückische, mißgestaltete und tiergestaltete Spukgeister, Blutsauger, Krankheitsbringer, die sich in den Häusern einnisten, an den Kreuzwegen hausen, durch die Luft herumstreichen. Dazu die Seelen der Verstorbenen, die „Väter“ der Familie, die von ihren Nachkommen gespeist werden, an deren Geschicken Anteil nehmen, ihnen Glück und Nachkommen verleihen, aber auch feindliche Seelen, vor deren Tücke man sich zu hüten hat. Und weiter schwirren, schweben, fließen umher oder liegen hier und dort verborgen zahllose glück- und unglückbringende Substanzen, mit deren heilsamer Kraft man sich zu sättigen sucht, von deren Kontagium berührt zu werden man sich fürchtet. Hier treibt der niedere Kultus sein Werk, der Kultus der Bannungen und Beschwörungen, des Glückszaubers und alles sonstigen mannigfachen Zaubers, und weiter die superstitiöse Sorgfalt auf Schritt und Tritt, das Nichthinsehen, Sichnichtumsehen, Nichtberühren, Nichtessen, die Scheu vor Tabus aller Art. Solche Riten und Observanzen begleiten das tägliche Leben und alle Vorgänge des Familienlebens; die sie beherrschende Technik spielt in der Kunst, gesund und glücklich seine Tage hinzubringen, keine geringere, ja vielleicht eine bedeutendere Rolle als die großen Opfer: vollends für kleine Leute, die Indra und den Götterscharen das Gelage des Rauschtranks darzubringen nicht imstande sind. Hier tut sich hinter den vergleichsweise jungen Sphären des Glaubens an Indra und Varuṇa, des Somaopfers, der Rgvedapoesie — hinter diesen vom Strom geschichtlicher Entwicklung durchströmten Regionen die Welt der ewig stabilen, aus vorgeschichtlichen Fernen stammenden, selbst geschichtslosen Grundgestaltungen religiösen Wesens auf, unendlich älter als jene Gebilde und mit unerschöpflich scheinender Zähigkeit sie zu überleben bestimmt. Und nicht allein in getrenntem Nebeneinander, sondern tief verwachsen mit dem jüngeren Glauben und Kultus erkennen wir jene dem religiösen Wesen fernster Vorzeit angehörenden Typen auf Schritt und Tritt wieder; die Umhüllung, welche die späteren Zeitalter über sie gebreitet, kann ihre von allen moderneren Schöpfungen in uralter Fremdartigkeit sich abhebende, von den Tendenzen der jüngeren Zeiten aus unverständliche Bildungsform nicht verbergen. Hinter den menschengleichen Göttern des Veda glauben wir die rohe Unförmlichkeit alter tiergestaltiger oder zwischen menschlicher und tierischer Wesenheit hin und her schwankender Gottheiten zu entdecken. Wir treffen auf fetischhafte Verkörperungen der Götter. Aus der Gestalt des vedischen Opferpriesters blicken Züge hervor, die dem Medizinmann, dem Regenzauberer der Wilden angehören, aus dem vedischen Opferfeuer das Bild des vorgeschichtlichen Zauberfeuers, aus der Aufnahmezeremonie des Brahmanenschülers die Umgürtung und zauberhafte Wiedergeburt des Jünglings bei der Pubertätsweihe der Wilden. So öffnet sich uns von der fernen Vergangenheit des vedischen Glaubens der Blick in noch entlegenere unabsehbare Fernen jenseits der Ausprägung indischen, ja indoeuropäischen Wesens: Fernen, an deren Beschreitung zu verzweifeln als an einem Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende wir heute kein Recht mehr haben.