Die Religion des Veda c5.s1.9
Die Religion des Veda c5.s1.9
- Language
- German
c5.s1.9
Die hier geschilderte Poesie der Opferlieder erreicht ihr Ende im wesentlichen etwa um den Ausgang der ṛgvedischen Zeit. Schon in den jüngsten Teilen der großen Liedersammlung selbst ist sie nicht ganz in der alten Weise mehr lebendig; die immer fester sich ausprägende, man kann sagen immer vollständiger erstarrende liturgische Technik, die für alle Stellen des großen Opferrituals betimmte unter den altererbten Hymnen vorschrieb, ließ für die Fortsetzung dieser poetischen Produktion kein Bedürfnis übrig. Dafür fängt jetzt die Poesie der philosophischen, insonderheit der kosmogonischen Spekulation sich zu regen an. Es wächst die Zahl der in uralter Weise aus prosaischen und poetischen Elementen gemischten Erzählungsstücke¹). Eine Anzahl kleinerer Kulthandlungen, die man früher wortlos oder nur mit kurzen, zu literarischer Existenz nicht erhobenen Formeln vollzogen hatte, wurde jetzt mit Liedern nach der Art der alten zum Somaopfer gehörigen Hymnen oder mit langen Reihen von Sprüchen in poetischer Form ausgestattet. So die Hochzeit und — was für unsere Untersuchungen besonders wichtig ist — die Bestattung. So ferner vielerlei Zauberhandlungen, Dämonenvertreibung, Krankheitsheilung, Zauber des ehelichen Lebens und dergleichen. Nicht dieser Zauber selbst, der an sich natürlich uralt ist, wohl aber die Literatur — soweit sie uns erhalten ist — der ihm angehörigen Lieder oder Verse geht in ihren Anfängen auf die spätesten Teile des Ṛgveda zurück, um sich dann in stark anwachsendem Umfang durch die jüngeren vedischen Texte fortzusetzen. In der Hauptsache begnügte sich die Zauberpraxis der früheren Zeit offenbar mit kurzen prosaischen Beschwörungsformeln. Und auch noch als die poetische Produktion von Zauberliedern in höchster Blüte stand, hat sich daneben der prosaische Zauberspruch immer erhalten; an manchen Stellen scheint es klar zutage zu treten, wie man einen prosaischen Spruch nachträglich rhythmisiert hat, so daß die ursprüngliche Gestalt deutlich durchscheint. Insonderheit aber hat sich die alte prosaische Form der Zaubersprüche in den Sprüchen dieser Art nahezu unberührt erhalten, die sich auf die den großen Opfern zugehörigen Zauberhandlungen beziehen¹); die konservative Eigenart des Opfergebrauchs gewährte hier gegen die Einführung der poetischen Form weitgehenden Schutz. Wir werden bei der Besprechung des Yajus- und Atharvaveda und dann bei unserer Darstellung des Zauberkultus auf die hier nur kurz zu berührende Literatur der Zaubersprüche und -lieder zurückzukommen haben. —