Die Religion des Veda c5.s5.21
Die Religion des Veda c5.s5.21
- Language
- German
c5.s5.21
Beim Lesen des Veda darf man sich ganz anders als bei dem des Awesta, dessen Vorstellungskreis ja von viel stärkeren Verschiebungen betroffen ist, dem Eindruck hingeben, daß durch weite Strecken das, was hier gesagt wird, schon in indoiranischer Zeit gesagt werden konnte und ähnlich gesagt worden ist. Kein Zweifel freilich, daß auf dem Wege von jener vorgeschichtlichen Periode bis zu den ältesten Vedaliedern die Gedankenwelt und Ausdrucksweise komplizierter und zugleich stereotyper geworden ist; kein Zweifel, daß insonderheit die Überwucherung der geistlichen Poesie mit Anspielungen, Mysterien, verschlungener Dunkelheit im wesentlichen ein speziell indischer Vorgang war. Aber nichts deutet darauf hin, daß die Wandlungen, welche die Volksseele und das religiöse Denken während dieser Zeiträume betroffen haben, auch nur entfernt so tiefgehend gewesen sind, wie etwa die, welche zwischen dem ältesten Veda und dem Buddhismus liegen¹). Die Veränderung des geographischen Schauplatzes zwischen der vorindischen und der indischen Lebensperiode dieser arischer Stämme trug wohl den Keim unabsehbarer Wirkungen für die Folgezeit in sich, aber diese Wirkungen entwickelten sich nicht von einem Tage zum anderen. Das Tempo der Wandlungen, welche die Kultur eines Volks erleidet, beschleunigt sich mit ihrem Fortschritt, mit dem Sichbewußtwerden und Freiwerden des Denkens, dem Heraustreten der Individualität: die Denker der Upaniṣaden, vielleicht auch ebenso die Kreise Zarathustras haben ein tiefgehendes Anderswerden der ganzen Innenwelt erlebt und selbst hervorgerufen. Jene älteren Zeiten aber scheinen sich in ruhigen Geleisen langsam fortbewegt zu haben. So können wir es für kein berechtigtes Streben halten, die Erklärung des Veda gegen das Licht, das aus den Resten und Spuren uralten religiösen Wesens im Awesta auf sie fällt, gewaltsam abzusperren. Wie die Grammatik der Vedasprache an mancher Stelle von der awestischen Grammatik entscheidendes Licht empfängt, so dürfen wir auch glauben — und es fehlt nicht an schon errungenen Forschungserfolgen, die diesen Glauben bestätigen —, daß die Vergleichung der awestischen Religion und Mythologie für die vedische an mehr als einem Ort den Maßstab zur Sonderung des Altererbten von Neubildungen, den Weg zur Ergänzung von trümmerhaft Erhaltenem, zur Erklärung von unverständlich Gewordenem der vorsichtigen aber mutigen Forschung anzuzeigen imstande ist.