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Die Religion des Veda c5.s6.1

Die Religion des Veda c5.s6.1

Language
German

c5.s6.1

Schwankend wird die Gewißheit, spärlich die Ausbeute, wenn wir von der indoiranischen zur indoeuropäischen Mythen- und Kultvergleichung fortschreiten¹. So gering verhältnismäßig die Entfernungen von Raum, Zeit, Rasse sind, die es bei den Verglechungen zwischen Indien und Iran zu überbrücken galt, so weit sind die Wege von Indien nach Europa — zur griechischen, zur germanischen Welt. Was für Berührungen mit stammfremden Völkern, Rassenmischungen, Wechsel der umgebenden Natur, der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse liegen da zwischen den östlichen und den westlichen Nachkommen desselben Stammes! Der störende, verdunkelnde Einfluß dieser Momente auf unsere Forschungen muß sich um so fühlbarer machen, als ja schon an sich die Wandlungen, die sich in den religiösen und mythologischen Vorstellungen, insonderheit in deren höheren Sphären vollziehen, viel unberechenbarer sind als etwa die auf dem Gebiet der Sprache zu beobachtenden. Die Veränderungen der Worte im Lauf der Geschichte sind großenteils das Produkt verhältnismäßig einfacher Faktoren, vielfach in Formeln von geradezu mathematischer Bestimmtheit ausdrückbar. In der Geschichte der Götter, der Mythen dagegen kreuzt sich fortwährend eine nie auch nur annähernd zu überblickende Mannigfaltigkeit von Einflüssen. Geistige Vorgänge in der Sphäre des Unbewußten vermischen sich mit der bewußten Tätigkeit primitiven Dichtens oder Spekulierens. Äußere Interessen spielen mit, Rivalitäten, Kampf um Besitz oder Einfluß, Eitelkeit und wieviel Motive gleicher Art. Nimmt man alles zusammen, so ist es evident, daß der Weg von vedischen Gottheiten zu Zeus oder Wodan prinzipiell nie und nimmer als ein so klarer vorgestellt werden kann, wie der Weg etwa von indischen zu griechischen und germanischen Zischlauten oder Optativformen. Doch ist anderseits auch wieder jene Skepsis schwerlich im Recht, die überhaupt dem indoeuropäischen Volk höhere Göttergestalten abspricht und ihm allein den Glauben an Seelen und niedere Dämonen wie Waldgeister, Windgeister, Wassernymphen, Krankheitsgeister läßt: wo dann die Vergleichung einer indischen Gottheit mit einer griechischen oder germanischen prinzipiell abzulehnen wäre. Es ist verständlich, daß Ernüchterung über den Fehlschlag der Gleichungen von der Art des Sārameya-Hermeias Kuhns und zugleich der imposante Eindruck der vornehmlich durch Mannhardt erschlossenen Übereinstimmungen auf dem Gebiet der niederen Mythologie — welche Übereinstimmungen nur eben großenteils in gleicher Weise sich auch auf die nichtindoeuropäischen Gebiete erstrecken — zu solcher Skepsis geführt hat. Doch schon Mannhardt selbst warnte davor, hier das Kind mit dem Bade zu verschütten. Ruhige Erwägung wird keinen Grund finden, die Indoeuropäer um die Zeit der Völkertrennung unter die meisten wilden Völker herabzudrücken. Und man wird sich vorsehen, zusammen mit jenen voreiligen Vergleichungen, die im wesentlichen auf Etymologien und zwar auf Produkten der Sturm- und Drangperiode der etymologischen Forschung beruhen, nicht auch manche von seiten des mythologischen Inhalts doch wesentlich sicherer begründete Zusammenstellungen wegzuwerfen. Es steht fest, daß schon die Indoeuropäer die den einzelnen göttlichen Mächten gemeinsame Natur im Allgemeinbegriff von „Göttern“ unter einer Bezeichnung (*deivos*) zusammenfaßten, deren Etymologie lehrt, daß schon damals die hervorragendsten Götter als himmlische Wesen gedacht wurden¹). Eins dieser Himmelswesen war der „Vater Himmel“ selbst, dem vermutlich ein gewisser Ehrenplatz unter der Götterwelt zukam, obwohl ihn an Macht und Bedeutung vielleicht schon damals ein anderer der Himmlischen überragte, der Gewittergott, der blitzbewehrte Überwinder des Drachen, der die Wasser gefangen hält. Andere Gottheiten, wie die beiden göttlichen Jünglinge, die Aśvin oder Dioskuren, vielleicht auch der Gott der Wege und Wanderer Pūṣan-Hermes (oder Pūṣan-Pan?)²), dazu kleinere wie Elben, Wasserfrauen u. a. m.