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Die Religion des Veda c5.s6.12

Die Religion des Veda c5.s6.12

Language
German

c5.s6.12

Die Ethnologie lehrt, daß gewisse roheste Typen religiöser Vorstellungen und Gebräuche in weitester Ausdehnung bei Völkern von entsprechend tiefem Kulturniveau in wunderbar scheinender, aber unbezweifelbarer Übereinstimmung wiederkehren. Was da der heutige Beobachter vor Augen sieht, ist seinem Wesen nach doch uralt. So erweisen sich eben jene selben Gebilde als auch den höheren Formen religiösen Wesens in ferner Vorzeit zugrunde liegend. Bemerkten wir oben, daß beim Zurückgehen von der indoiranischen zur indoeuropäischen Periode die Fülle und Sicherheit unseres Erkennens stark abnimmt, so kann es auf den ersten Blick paradox scheinen, wenn nunmehr, wo wir in noch tiefere Vergangenheit hinabsteigen, diese Abnahme sich nicht fortsetzt, sondern das Gegenteil eintritt. Hier langen wir eben bei jener vorgeschichtlichen Ferne an, in der die Freiheit der Volksindividualitäten noch nicht ihr unergründliches Spiel treibt, sondern Notwendigkeiten, mit denen man rechnen kann, überall gleichartige Gestalten hervorbringen. Die Religionsforschung nimmt hier fast etwas vom Aussehen der Naturwissenschaft an; was sie berichtet, klingt nicht viel anders als ein Kapitel vom Leben der Tiere. Da ist wenig von Göttern oder Heroen, von poesiereichen Mythen die Rede. Es handelt sich um Niedriges, Derbes, Rohes: um Kobolde und Unholde, um Zauberkultus, um Besessenheit, um den Kultus der niederen Observanzen (wie Fasten, Keuschheit u. dgl.), um Seelenkultus und Totengebräuche. Auf unserem Untersuchungsgebiet werden die Elemente dieser niederen Vorstellungswelt an zahllosen Stellen unter oder hinter den für das vedische Volk und Zeitalter charakteristischen fortgeschritteneren Bildungen sichtbar. Bald dehnen sie sich zusammenhängend über einen verhältnismäßig größeren Raum aus; bald treten sie als vereinzelte Rudimente in anderweitige Vorstellungsmassen eingesprengt auf. Hier und da mögen sie aus Einschleppungen von den Urbewohnern Indiens zu erklären sein; im ganzen weisen sie doch unzweifelhaft eben auf jene fernen Vorstufen zurück, über die hinwegzusehen, um unmittelbar aus dem Schoß der Natur die Religion der indoeuropäischen Götter erstehen zu lassen, ungefähr dasselbe wäre, als wollte ein Sprachforscher die ganze an zahllosen Umwälzungen reiche Vorgeschichte der indoeuropäischen Grundsprache leugnen und diese zu einer Ursprache stempeln.