Die Religion des Veda c6.s1.12
Die Religion des Veda c6.s1.12
- Language
- German
c6.s1.12
Die Identifikation des Gottes mit dem Naturobjekt trifft nun freilich gerade im Fall Agnis auf eine Schwierigkeit, und insofern ist dies Beispiel zur Exemplifikation vielleicht nicht das günstigste. Das natürliche Feuer tritt in unbegrenzt vielen gleichzeitigen Erscheinungen auf. An dieser Vielheit nimmt Gott Agni in gewisser Weise teil: er ist „der eine Agni, der vielfach entflammte“ (Ṛv. VIII, 58, 2), und ohne Zweifel hat es eine Zeit gegeben, wo er nur in der Vereinzelung und Mehrheit hier als die dämonische Wesenheit dieses, dort jenes Feuers verehrt wurde. Offenbar aber führte dann das Vorbild solcher Götter wie des Himmels- oder des Sonnengottes, die entsprechend dem ihnen zugehörigen Natursubstrat als unvergleichliche, einige, weltüberragende Wesen gedacht wurden, die Änderung herbei: Agni wurde jenen gleichartig und ebenbürtig; der „vielfach entflammte“ wurde doch zugleich der „eine Agni“ ¹). Eine Bearbeitung oder Lösung dieses Widerspruchs zwischen Einheit und Vielheit versuchen die Dichter des Ṛgveda nicht; unter zahllosen Rätseln und Paradoxen lassen sie auch dieses stehen. Es ist aber klar, daß die Auffassung Agnis als eines einigen Gottes zu seiner Identität mit dem irdischen Objekt nicht paßte. So finden wir denn neben der eben erwähnten Vorstellung von dem aus den Reibhölzern immer neu geborenen Gott anderseits auch, freilich vereinzelt und, wenn ich nicht irre, den älteren Textschichten fremd, den Gedanken vom Eingehen, dem Herabsteigen des Gottes in das Feuer, das der Mensch erzeugt oder anschürt. Nicht sicher freilich ist es dahin zu deuten, wenn man bei der Erzeugung des Opferfeuers durch Reiben zum Feuer, wie es zum Vorschein kommt, spricht: „Steig herab, Jātavedas, bringe du wieder den Göttern kundig unsere Opferspeise“¹): hier scheint kein Niedersteigen des Gottes aus seiner göttlichen Höhe gemeint, sondern es handelt sich wohl einfach um ein Heraussteigen des Feuers aus seiner Verborgenheit in den Reibhölzern²). Mehr besagt es, wenn man bei der Schichtung des Feueraltars, während das Feuer entflammt wird, betet: „Aus der höchsten Ferne komm herbei, Gott mit den roten Rossen³).“ Der weiter unten zu besprechende Gebrauch, an dem Platz, wo das Feuer gerieben wird, ein weißes Roß aufzustellen, das auf die Feuerreibung hinblickt, kann gleichfalls die Vorstellung enthalten, daß der durch das Roß vorgestellte Gott Agni sich mit der frisch erzeugten Flamme vereinigen soll: obwohl ein solcher Schluß auf die genauere Gestalt irgendeiner Vorstellung aus einem derartigen Zaubergebrauch immer unsicher ist; die Anwesenheit des feuerhaften Tiers braucht einfach nur zu bedeuten, daß man das Erscheinen des Feuers aus den Hölzern zu befördern wünschte, wobei sich für das Verhältnis von Gott und Element nichts ergeben würde. Hier sei noch erwähnt, daß ein jüngerer ṛgvedischer Dichter (X, 12, 1) den Agni, der zum Opfer entflammt wird, den Gott nennt, welcher den Sterblichen zum Opfer helfend sich als Priester niedersetzt „zu seinem Geistesdasein gehend“: es steht der Ausdruck, der mit Vorliebe von der in die Geisterwelt eingehenden Seele gebraucht wird⁴); der Gott gelangt beim Opfer der Menschen zu seinem Ziel und seiner Heimat wie die Seele in der jenseitigen Welt — auch dies offenbar eine den Gott vom sichtbaren Element sondernde Auffassung.
Cites (2)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Śuklayajurvedasaṃhitā — Sanskrit