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Die Religion des Veda c6.s1.22

Die Religion des Veda c6.s1.22

Language
German

c6.s1.22

Verdunklungen und Neubildungen. Aber nicht bei allen Göttern, die in dieser Art Naturobjekte darstellen, liegt im Veda der Zusammenhang mit jenen noch ebenso klar vor. Wie Sūrya ist auch Mitra ein Sonnengott gewesen; mir scheint kaum weniger gewiß, daß Mitras göttlicher Gefährte Varuṇa ursprünglich ein Mondgott war¹). Aber in den Liedern an Mitra und Varuṇa erscheint die Beziehung zwischen Gott und Naturwesen ganz anders als etwa bei Agni oder Uṣas. Im Bewußtsein der vedischen Dichter ist jene Beziehung direkt überhaupt nicht vorhanden; sie kennen nur eine Reihe von Zügen am Bild jener Götter, die für uns die Spuren jenes ursprünglichen Wesens, für sie einfach gegebene Fakta sind. Mitra und Varuṇa sind lichte Könige, die auf himmlischem Thron sitzen und Recht und Unrecht unter den Menschen überschauen. Sie haben der Sonne die Bahn eröffnet; die Sonne ist ihr Auge: hier eine Spur von Mitras ursprünglichem Wesen, aber für den Veda ist die Sonne auch Varuṇas Auge. Der Glaube tritt auf, daß Mitra besondere Herrschaft über den Tag, Varuṇa über die Nacht führt: letzteres ein Zug, der unsere Betrachtung auf den Mond weist. An Stelle der verblaßten Naturbedeutung aber ist hier menschengleiches Wesen viel entschiedener entwickelt als etwa bei Agni oder Sūrya. Ein Zug reicht aus den Unterschied zu charakterisieren: Mitra und Varuṇa haben die Sonne als Auge; Sūrya ist selbst ein Auge. Eine Zwischenstufe zwischen dem ältesten Zustand, in dem Mitra die göttlich beseelte Sonne gewesen sein muß, und der vedischen gänzlichen Losgelöstheit des Gottes vom Naturkörper zeigt das Awesta, wenn es Mithra als ersten der heiligen Götter über den Haraberg herüberreichen, die schönen Gipfel ergreifen und über die Wohnungen der Arier blicken läßt „vor der unsterblichen Sonne, der schnellrossigen“[<s:superscript>1</s:superscript>])¹. Der Sonnengott ist hier von der Sonne schon so weit abgelöst, daß er vor ihr, freilich in nächstem Zusammenhang mit ihrem Aufgang, erscheint. Es ist ein prinzipieller Fehler, auf Grund solcher Ausdrücke nach einem Naturphänomen zu suchen, auf das jene genau passen, und dann dies Phänomen — etwa das Licht, das die Sonne begleitet und ihr vorangeht — mit Mithra zu identifizieren: das Naturobjekt ist die Sonne selbst, aber der Zustand, in dem die Vorstellungen von Mithra zu diesem Substrat genau stimmten, ist im Awesta bereits ins Wanken geraten.