Die Religion des Veda c6.s1.25
Die Religion des Veda c6.s1.25
- Language
- German
c6.s1.25
Welche Ursachen nun haben diesem Sonnengott im Awesta und vollends im Veda eine so andere Gestalt gegeben als dem Sonnengott Sūrya, und haben den im Veda als Varuṇa erscheinenden Mondgott sich so ganz vom Monde loslösen lassen? Hier werden wir vielleicht an die, wie ich glaube, zu einiger Wahrscheinlichkeit zu bringende fremde Herkunft dieser Götter² denken; ihr Wesen haftete im arischen Bewußtsein nicht fest. Zugleich fehlte der Zusammenhalt des Namens zwischen Gott und Naturobjekt. Endlich und vor allem hatte sich gerade an Mitra und Varuṇa ein Kreis sittlicher Vorstellungen geheftet, denen die fortschreitende ethische Vertiefung gesteigertes Gewicht zuführte und die so ihrerseits wesentlich dazu beitrugen, die Naturbedeutung jener Götter zurückzudrängen. Man kann sagen, daß das religiöse Moment hier besonders energisch dem mythologischen Vorstellungskomplex die Kraft aussog. Sonne und Mond und was sich bei diesen ereignen mochte stand nicht mehr im Vordergrund. Worauf es ankam, war die Vorstellung von allschauenden, allgerechten Königen, mit denen man sich versöhnt und befreundet zu wissen verlangte. An Stelle des alten Gefühls rettungsloser Abhängigkeit von Naturgewalten waren es immer mehr menschliche, gesellschaftliche, staatliche Lebensverhältnisse geworden, die das Prototyp für die Vorstellung der Abhängigkeit von höheren Mächten lieferten: die Abhängigkeit vom König, dem starken Krieger, dem weisen Priester, dem Reichen. So trat an die Stelle des vergöttlichten Naturwesens die immer mehr von der Natur abgelöste Gestalt eines göttlichen Helden oder Spenders, im Fall Mitras und Varuṇas die göttlicher Könige und Richter.