Die Religion des Veda c6.s1.57
Die Religion des Veda c6.s1.57
- Language
- German
c6.s1.57
Abstrakte Götter. Hier muß noch von verschiedenen Gruppen bald kleinerer bald größerer Götter die Rede sein, denen abstrakteres Wesen als den bisher besprochenen zukommt. Zunächst Götter, die schon durch ihre Namen als Verwalter und Beherrscher gewisser Wirkungskreise oder Wirkungsweisen charakterisiert werden: sie sind selbst in dem betreffenden Sinn tätig oder sie sind Patrone der also Tätigen. Bei der Ernte hilft der „Sammler“, der „Anhäufer“, der „Aufhäufer“. Für das Zurückkommen der Kühe sorgt der „Zurückbringer“ (Nivarta, Nivartana). Der Gott „Aufscheucher“ (Uttuda) scheucht das verliebte Mädchen von seinem Lager: alles rechte „Sondergötter“ in dem Sinn, wie Usener sie verstehen gelehrt hat. Gern tragen sie, man möchte sagen, eine gewisse sprachliche Uniform: sie bevorzugen vielfach Namen, die mit dem Suffix *-tar* gebildet sind, einem geläufigsten Suffix für Substantiva, die den Täter irgendeiner Handlung ausdrücken. Wie man in jeder Epoche der Sprachgeschichte neben Wortbildungselementen, deren Wirksamkeit abgeschlossen ist und die sich nur in fertigen, aus der Vergangenheit ererbten Bildungen erhalten haben, solche findet, die in vollem Leben stehen und von jedem Sprechenden zur Erzeugung immer neuer Worte gebraucht werden können, so muß der religionsgeschichtlichen Bildungsweise der Götter mit den Namen auf *-tar* für das vedische und schon das nächstvorangehende Zeitalter höchste Lebendigkeit und Produktivität beigelegt werden. Es gibt einen Gott Trātar („Hüter“), einen Dhātar („Macher“), einen Netar („Führer“), mit entsprechender weiblicher Namensform die Göttinnen Varūtrīḥ („Schützerinnen“) u. a. m.; man sieht, daß die Skala dieser göttlich hypostasierten Begriffe bis zu recht weiten Allgemeinheiten reicht. Im Grunde ist es von diesem Typus doch nicht weit entfernt, wenn man zwar keinen göttlichen „Zürner“ und „Liebhaber“, keine „Rednerin“, „Füllerin“, „Vernichterin“ verehrt, aber den Gott „Zorn“ (*manyu*) und den Gott „Liebe“ (*kāma*), die Göttinnen „Rede“ (*vāc*), „Fülle“ (*puramdhi*), „Untergang“ (*nirṛti*)¹). Hier sei weiter noch auf die sehr deutlich sich hervorhebende Gruppe der „Herren“ (*pati*) der und der Sphäre, der und der Wesenheit hingewiesen: ein anderer in vedischer Zeit höchst lebendiger Typus. Da ist der „Herr der Nachkommenschaft“ (*prajāpati*), der „Herr des Feldes“ (*kṣetrasya pati*), der „Herr der Stätte“ (*vāstoṣpati*), der „Herr des Denkens“ (*manasas pati*), die „Herren der Wahrheit“ (*satyasya patayaḥ*) u. a. m.: welche Götter „abstrakt“ zu nennen allerdings nicht überall zutrifft. Wo das von ihnen Beherrschte ein Naturobjekt ist, stellen sie sich zu den Naturgöttern oder Naturdämonen, nur daß eben innerhalb dieses Typus die Beziehung auf die Natur nur einen Fall unter anderen möglichen Fällen darstellt und sozusagen die Maschinerie, die den Gott mit der von ihm verwalteten Wesenheit in Verbindung hält, hier mit abstrakter, schematischer Allgemeinheit arbeitet. Verglichen mit Göttern wie Indra oder Varuṇa sind diese Wesen unendlich viel ärmer an plastischer Gestaltung, persönlichem Leben¹). Jeden Augenblick kann die momentane Situation, kann ein Einfall diese mythologische Dutzendware nach Belieben vermehren. Daß die meisten Götter der hier aufgeführten Gattungen ziemlich jung sind, wird man so wenig bezweifeln, wie daß Fides und Pax jünger sind als Jupiter oder Mars. Immerhin stammt beispielsweise die Göttin „Fülle“ (*puramdhi*, vgl. awest. *pārendi*) aus indoiranischer Zeit. Und die Typen als solche reichen offenbar noch weiter zurück: die zahlreichen römischen „Sondergötter“, wie Vervactor, Reparator u. dgl., die *pati*-Götter der Litauer¹ lassen kaum Zweifel an der Herkunft jener aus der indoeuropäischen Vergangenheit.