Die Religion des Veda c6.s1.74
Die Religion des Veda c6.s1.74
- Language
- German
c6.s1.74
Ist nun, wie wir sahen, bereits in indoeuropäischer Zeit bei den großen weltregierenden Göttern die anthropomorphe Auffassung zum Sieg gelangt, so reicht doch noch für den vedischen Glauben das Tierreich in zahlreichen Resten und Spuren in die Götterwelt hinein. Hier ist zunächst hervorzuheben, daß dem vedischen Inder vielfach das wirkliche Tier, dem er begegnet, — ich sehe hier noch von den Fällen ab, in denen dieses Bote oder Vertreter eines Gottes ist — sozusagen aus eigenem Recht als Träger dämonischer Wesenheit erscheint: so insonderheit unheimliche oder schädliche, schwer abzuwehrende Tiere wie Schlangen, von den nützlichen namentlich die Kuh, der Inbegriff des Nahrungssegens; sogar einzelnen mit besonders glänzenden Eigenschaften ausgestatteten Tierindividuen kann eine Art persönlicher Vergötterung zugewandt werden. Was speziell die Schlangenverehrung anlangt¹), so finden um Beginn und Ende der Regenzeit, während deren die Schlangengefahr besonders groß ist, Feiern mit Darbringungen und Anrufungen an die Schlangenkönige und Schlangen statt. Man gibt ihnen Wasser sich zu baden, einen Kamm, Schminke, Blumen, Augensalbe, einen Strang Fäden sich zu kleiden und zu schmücken; man übergibt den gnädigen sich und die Seinen. „Den himmlischen Schlangenscharen Heil“ — heißt es; auch die Schlangen der Luft, der Weltgegenden und die irdischen werden nacheinander angerufen. In gewisser Weise sind die Schlangen hier zu dämonischer Übernatürlichkeit erhoben; ihr Dasein ist von der Phantasie über das Weltganze ausgedehnt; aber die Hauptsache bleiben doch die wirklichen Schlangen und der Schutz gegen sie¹). — Ähnlich sind z. B. die Ameisen in die Sphäre dämonischer Wesenheit versetzt, wenn gegen ihr Überhandnehmen „dem König der weißen Ameisen im Osten, dem König der schwarzen Ameisen im Süden“ usf. geopfert wird²). — Die Schildkröte, die man als wasserverwandtes, regenspendendes Wesen in den Backsteinaltar einmauert und die dort im Dunkel unberührt von den Gluten der Sonne und des Feuers „hingehn soll wo die früheren Hingegangenen sind“, wird als „Herr der Wasser“ zu göttlicher oder dämonenhafter Höhe erhoben³). — Auch das bekannte Froschlied des Ṛgveda (VII, 103) ist eine Anrufung der von der Regenzeit erweckten, wie opfernde Priester dem Jahreslauf folgenden, mit Zaubermacht über die Wasser ausgestatteten Frösche. — Die mystischen Eigenschaften der Kuh berühren wir hier nur kurz. Daß man in ihr den Inbegriff aller Nahrungsfülle sieht und daß sie die Göttinnen Iḍā und Aditi verkörpert¹) (s. unten S. 70 f.), wird dahin gewirkt haben, ihr schon in alter Zeit den Charakter einer gewissen Heiligkeit zu verschaffen, den für diese Zeit genau zu definieren uns die Quellen nicht erlauben, der aber in jedem Fall von den Extravaganzen der späteren indischen Kuhverehrung noch entfernt war. — Hier sei weiter erwähnt, daß vedische Dichter dem Roß Dadhikrāvan göttliche Ehren erweisen. Dies ist ein wirkliches Pferd²): die Götter Mitra und Varuṇa haben es Trasadasyu, dem König der Pūru, verliehen; jeder Pūru freut sich, wenn es schnell wie der Falk einherstürmt, gleich dem Wind alle Rennwagen überholend. Dieser Dadhikrāvan wird an einer Reihe von Stellen mit den Morgengottheiten zusammen angerufen; es heißt von ihm, daß er „Saft und Kraft und die Sonne erzeugt hat“. „Wer das Roß Dadhikrāvan preist, wenn das Feuer entflammt ist, wenn die Morgenröte aufleuchtet, den mache Aditi frei von Schuld — er³) mit Mitra und Varuṇa gesellt.“
Cites (5)
- Taittirīyāraṇyaka — Sanskrit
- Śuklayajurvedasaṃhitā — Sanskrit
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Mitra
- Varuṇa