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Die Religion des Veda c7.s3.56

Die Religion des Veda c7.s3.56

Language
German

c7.s3.56

Doch mag nun diese Entlehnungshypothese das Richtige treffen oder nicht, mögen die fünf Planeten die hier vermutete Rolle gespielt haben oder nicht: an Anhaltspunkten für das Verständnis der Wandlungen, in denen ein ursprünglicher Mondgott sich zur Höhe Varuṇas, Ahuramazdas hat emporheben können, fehlt es uns nicht¹). Die Sumerier erkannten in Nannar, dem Mondgott von Ur, „den Herrn und Fürsten der Götter“; sie beteten zu ihm: „Am Himmel wer ist der Höchste? Du allein bist der Höchste. Auf Erden wer ist der Höchste? Du allein bist der Höchste.“ Bei den Indianern Amerikas hat der Mond vielfach den Vorrang vor der Sonne, und zwar tragen, ganz wie bei Varuṇa, die auf ihn bezüglichen Vorstellungen oft einen bösen, unheimlichen Anflug. „Der Mond,“ sagen ähnlich die Finnen, „hat ein sonderbares, mannigfaltiges Aussehen. Bald ist er schmal, bald wiederum allzu breit in seinem Gesicht. Nachts ist der Grause in Bewegung, tags ruht er²).“ Haben wir hier nicht den Schlüssel zu jenem Hervortreten der Mondverehrung? Der himmlische Nachtwandler, der so bedenklich im Dunkeln sein Wesen treibt, der mit solcher Kunst — hier trifft das in Verbindung mit Varuṇa beliebte Wort „Māyā“ (S. 159 f.) auf das genaueste zu — seine Erscheinung fortwährend zu verändern und sich oft ganz unsichtbar zu machen weiß, ist offenbar ein viel gefährlicherer Zauberer als die Sonne, die immer in derselben Gestalt am hellen Tage waltet. Daß dann die fortschreitende Entwicklung eben diesem nächtlichen Gott die Herrschaft über Recht und Ordnung der Welt beigelegt hat, ist ebenfalls begreiflich. Als größter Zauberer war der Mondgott vorzugsweise befähigt, die kunstvollen Bewegungen des Weltalls zu beherrschen. Und er, dessen Auge durch die Nächte blickt, erspähte vor allen anderen Göttern eben die Sünden, die sich im Dunkel bergen und denen gegenüber darum das Bedürfnis nach einem göttlichen Wächter besonders stark gefühlt wurde. Nun aber vollzog sich auch an diesem Gott der Vorgang, daß die aus der Anschauung des Naturlebens erwachsenen Vorstellungselemente durch die das menschliche Dasein betreffenden in den Hintergrund gedrängt wurden. Der Gedanke an den Mond verblaßte vor dem dringenden Bedürfnis des sozialen Lebens nach einem das Recht schützenden, die Sünde strafenden Gott. Langsam mächtige, gewiß nach Jahrtausenden zu bemessende Wandlungen menschlichen Denkens und Trachtens müssen es gewesen sein, die den tückisch-gefährlichen Zauberer Mond zu dem kunstvoll weltordnenden Asura Varuṇa der Indoiranier und Inder, und dann weiter zu dem leuchtend erhabenen Beherrscher alles Guten haben aufsteigen lassen, den Zarathustra anbeten lehrte.