Pramāṇa · Search · About · API

Die Religion des Veda c7.s5.5

Die Religion des Veda c7.s5.5

Language
German

c7.s5.5.1

Ein Brāhmaṇatext³) erzählt, wie der Weltenschöpfer Prajāpati als Antilopenbock mit seiner Tochter als Antilope Inzest begangen hatte und die Götter vergeblich nach jemanden suchten, der ihn für diese Schuld strafen konnte. „Da brachten sie alle furchtbarsten Substanzen, die in ihnen wohnten, auf einen Haufen zusammen: daraus wurde dieser Gott.“ Seine Erscheinung ist schreckenerregend. Schon der Ṛgveda beschreibt ihn als rot⁴); die rote Farbe hängt mit Tod und allem Schrecklichen zusammen ¹): rot sind die Kleider des zum Tode Verurteilten; aus roten Blumen besteht der Totenkranz; rote Gerätschaften werden bei tödlichem Zauber verwandt. In einem jüngeren vedischen Text wird gesagt: „Blauschwarz ist sein Bauch, rot sein Rücken. Mit dem Blauschwarz bedeckt er den Feind und Nebenbuhler; mit dem Rot trifft er den, der ihn haßt“ ²). Weiter gehört zu seiner Erscheinung der blauschwarze Haarwulst, Bogen und Pfeile. Den anderen Göttern gegenüber steht er in abgesonderter Stellung, wie sich das aus seiner gefährlichen Natur und aus der Scheu erklärt, beim Kultus mit den freundlichen Göttern auch ihn in vertrauliche Nähe zu laden. Eine Brāhmaṇastelle ³) unterscheidet neben Göttern, Vätern (Manen) und Menschen als eigene vierte Wesenklasse „die Rudras“. „Durch Opfer (das sie darbrachten) gelangten die Götter zum Himmel empor. Der Gott aber, der über das Vieh herrscht (d. h. Rudra), blieb hier zurück“ ⁴).

c7.s5.5.2

Die Vorsichtsmaßregeln, von denen sein Kultus ähnlich wie der Totenkult umgeben ist, werden bei der Darstellung des Kultus eingehender zur Sprache kommen. Hier sei erwähnt, daß als Opfergaben für ihn häufig der Dorfwirtschaft nicht angehörige Produkte der Wildnis erscheinen ⁵). Das Verb, das für Zuwendung von Gaben an ihn charakteristisch ist (*nir-ava-dā*), kann etwa übersetzt werden „abfinden“, d. h. ihm seinen Anteil geben, damit er sich entferne ⁶). Dieser Vorstellung des Abfindens entspricht es, wenn zuweilen nach Darbringungen an andere Götter zum Schluß, abgesondert vom übrigen, irgend ein Rest oder Abfall Rudra zugewandt wird, um ihn nicht leer ausgehen zu lassen. Eine Handvoll Gras von der Opferstreu wird in die Opferbutter oder sonstige Opferspeise getaucht und ins Feuer geworfen mit dem Spruch: „Der du Herrscher über das Vieh bist, Rudra, du Stier, an der Leine wandelnd: tu unserem Vieh keinen Schaden. Dies sei dir geopfert“¹). Nach der eigenen Mahlzeit soll man, was an den Kochtöpfen von Speiseresten haftet, „in der nördlichen Himmelsgegend an einer reinen Stelle für Rudra ausgießen: so wird die Stätte des Hauses glückbringend“²). Diese Stelle zeigt auch, was anderweitig stehend wiederkehrt, daß Rudras Wohnung — abgesondert vom Bereich der übrigen Götter, dem Osten — im Norden ist. Im Norden des vedischen Landes liegt das Gebirge. So finden sich häufige Bezeichnungen Rudras wie „Bergbewohner“, „Bergwandler“, „Bergbeschützer“;

c7.s5.5.3

bei einem Opfer für die Erhaltung der Herden wird neben mannigfaltigen Namen Rudras auch der Berg angerufen³). In den Bergen haust er zusammen mit seiner Gattin: von Rudrāṇī ist häufiger die Rede, und sie spielt im Kult eine hervorragendere Rolle, als die anderen ähnlich benannten Götterfrauen wie Indrāṇī usw., die ganz zurücktretende, gestaltlose Wesenheiten sind. Auch seine Söhne werden erwähnt, „die fliegend den Wald durcheilen wie zwei Wölfe, die (nach Beute) schnappen, Bhava und Śarva“⁴); vor allem aber seine Heerscharen, die auf seinen Befehl Krankheit und Tod bringend gegen Mensch und Vieh anstürmen, „die Lärmerinnen, Gegenlärmerinnen, Mitlärmerinnen, Sucherinnen, Zischerinnen, Fleischfresserinnen“⁵), denen man beim Rudraopfer den blutbeschmierten Darminhalt des Opfertieres weiht. Es verdient bemerkt zu werden, daß eine Beschreibung dieses Opfers die betreffende Spende unter Ausdrücken, die unverkennbar Benennungen der Rudraheerscharen sind, den Schlangen zuweist. „Er wendet sich nach Norden und bringt den Schlangen die Spende mit den Worten: ,Zischerinnen, Lärmerinnen, Sucherinnen, Gewinnerinnen: ihr Schlangen nehmt, was hier für euch ist‘. Was da von Blut und Darminhalt herabgeflossen ist, das nehmen die Schlangen“ ¹): eine charakteristische, aber soviel ich sehe vereinzelt dastehende Deutung der Heerscharen Rudras ²).