Die Religion des Veda c7.s6.116
Die Religion des Veda c7.s6.116
- Language
- German
c7.s6.116
Als schöne, glänzende Götterjünglinge sind die Gandharven die natürlichen Liebhaber der reizgeschmückten Götterweiber, der Apsarasen. Ein Brāhmaṇatext beschreibt, wie ein Gandharva inmitten der Apsarasen sitzt und sich am Schaukeln vergnügt: auf welche er hinzeigt und sagt „du da,“ die liebt ihn²). Beim Roßopfer spricht der Priester von den Gandharven; dabei zeigt er auf die schönen Jünglinge, die in der Festversammlung zugegen sind. Und er spricht von den Apsarasen und zeigt auf die schönen Jungfrauen hin³). Dies führt zu einer weiteren Sphäre, in der sich das Treiben der Gandharven bewegt: als Liebhaber der Weiber machen sie sich mit deren sexuellem Leben zu schaffen; die weiblichen Geschlechtsteile sind der Mund des Gandharven Viṣvāvasu⁴). Auch hier ähnlich wie in ihrem Verhältnis zu Soma zeigen sie sich bald als gütig und hilfreich, bald als feindlich. Sie und die Apsarasen können Fruchtbarkeit verleihen oder versagen; darum wendet man sich an sie um Nachkommen⁵). Die jüngere Zeit nennt geradezu das Lebewesen, das aus einer früheren Existenz herkommend im Augenblick der Empfängnis in den Mutterleib eingeht und dort zum Embryo wird, den Gandharven. Buddhistische Texte lassen „durch das Zusammentreffen von drei Dingen“ die Empfängnis zustande kommen: „Vater und Mutter vereinigen sich miteinander, die Mutter hat die Periode durchgemacht, und der Gandharva steht bereit“¹). Aber der Gandharva spielt auch gegenüber dem Gatten die Rolle eines Nebenbuhlers, den zu entfernen man sich angelegen sein läßt. Nach der Hochzeit in den ersten Nächten, die das junge Paar in Keuschheit verbringt, liegt ein Stab zwischen beiden: ein Symbol des Gandharven Viśvāvasu, der dem Gatten für jetzt noch den Besitz der Gattin verwehrt (oben S. 88 Anm. 2). Bei der Hochzeit betet man: „Hebe dich weg von hier, Viśvāvasu; mit Andacht preisen wir dich. Suche dir ein anderes üppiges Weib; laß die Gattin sich dem Gatten vereinen“ (Ṛv. X, 85, 22). So findet sich auch unter den Exorzismen, die von den Weibern und speziell von Wöchnerinnen schädliche Geister forttreiben, an einigen Stellen die Bannung von Apsaras und Gandharven. Das Kraut Bockshorn soll die Rakṣas fortscheuchen; die Apsarasen sollen zu ihren Flüssen entweichen und zu den großen Bäumen, wo ihre goldenen und silbernen Schaukeln sind und ihre Zimbeln und Lauten erklingen. „Dem herantanzenden Gandharven, dem Gatten der Apsaras, mit dem großen Haarbusch, dem zerreiße ich die Hoden und gehe auf sein Glied los … Einer wie ein Hund, einer wie ein Affe, ein ganz behaartes Kind, mit dem Aussehen eines Freundes stellt der Gandharva dem Weib nach: den vertreiben wir von hier durch diesen kräftigen Zauberspruch. Eure Weiber sind die Apsarasen, ihr Gandharven, deren Gatten seid ihr; lauft fort, ihr Unsterblichen; stellt den Sterblichen nicht nach“²). Man darf hier schwerlich dem in seinen Grenzen so berechtigten Gedanken von der Priorität des niedrigen volkstümlichen Glaubens vor der höheren priesterlichen Mythologie die Folge geben, den Vorstellungskreis solcher Zaubersprüche zum Ausgangspunkt zu machen, von dem aus man die ganze Gestalt der Gandharven zu konstruieren versucht. Der Typus von Kobolden, die den Weibern nachstellen, ist freilich uralt und gewiß älter als die Vorstellung von Gandharven. Aber die letztere hat aller Wahrscheinlichkeit nach einen Ausgangspunkt, der jenem Koboldglauben völlig fernliegt; erst an der Peripherie ihrer Entwicklungssphäre gerät sie in die Nähe der Regionen, in denen sich dieser Glaube bewegt, und entgeht dann dem Schicksal nicht, daß von dessen rohem und wüstem Wesen ein Anflug an ihr haften bleibt¹). —
Cites (1)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit