Die Religion des Veda c7.s6.162
Die Religion des Veda c7.s6.162
- Language
- German
c7.s6.162
In den Erzählungen der Buddhisten¹ bilden die Baumgottheiten eine besonders beliebte Staffage; unter allen Gottheiten geringeren Ranges erscheinen sie als die mit dem menschlichen Leben am engsten verknüpften. Zum Teil handelt es sich dabei um Gottheiten, die nicht mit dem Baum identisch sind, sondern nur zufällig und vorübergehend ihr Quartier in ihm aufgeschlagen haben². In der Regel aber ist der Gott auf das festeste mit dem Baum [oder der Schlingpflanze, dem Busch usw.³], der seine Wohnung bildet, verknüpft; ja er wird im Grunde direkt als Baumseele verstanden. Wenn ein Schwan zur Gottheit eines Palāśabaums spricht, braucht ein Vers davon den Ausdruck: „Der Schwan sprach zum Palāśa“¹). Die Anschauung besteht, daß Zerstörung des Baumes der Baumgottheit das Leben kostet: so sieht das die Gottheit des alten Baumes kommen, der schon sechzigtausend Jahre hochgeehrt steht und nun umgehauen werden soll²). Wenn ein neu aufwachsender Baum den Bestand eines älteren Baumes gefährdet, sagt man zur Gottheit des letzteren: „Jener wird deine Glieder zerbrechen“³). Zu einem Mönch, der einen Baum umhauen will, sagt die Gottheit: „Zerschlage nicht mein Haus, Ehrwürdiger, um dir selbst ein Haus zu bauen.“ Schließlich wird bei dieser Gelegenheit einem Kind der Gottheit der Arm abgeschlagen⁴). Wir finden hier die begreifliche Weiterentwicklung, daß, sobald der Baum anfängt, statt des Körpers der Gottheit ihr Haus zu sein, nun auch ihre Kinder mit ihr dies Haus teilen. So stellt man sich nun auch vor, daß, wenn der Baum etwa durch ein Unwetter zerstört wird, die Gottheit ihre Kinder an der Hand nimmt und fortgeht, heimatlos, eine neue Unterkunft suchend⁵). Will die Baumgottheit Menschen erscheinen, so zeigt sie sich in der Regel in den Zweigen, aber sie kann auch ganz aus dem Baum hervortreten und in irgend einer Gestalt, z. B. als alter Brahmane, frei herumwandeln⁶). Dem Menschen sind die Baumgottheiten, sofern sie nicht gereizt werden, in der Regel freundlich. Man betet zu ihnen um das, was man sich eben wünscht, und bringt ihnen Gelübde dar; man verehrt sie, indem man den Baum umwandelt, die rechte Seite nach ihm hingekehrt, indem man den Boden um den Baum von Unkraut reinigt, sauberen Sand herumstreut, Wohlgerüche, Kränze, Lichter, Opferspenden darbringt¹). — Neben den Gottheiten aber, die den einzelnen Baum bewohnen und beseelen, kennen die buddhistischen Erzählungen auch Waldwesen anderer Art: im Walde hausende Riesen, Wildleute u. dgl.; sie verkörpern nicht das freundliche Leben des Baumes, sondern Grausen und Gefahren des Waldes, oder sie sind in den Wald hinein verlegte Exemplare der allgemeinen, weitverzweigten Typen schadenstiftender Dämonen. Den walddurchwandernden Menschen stellen diese Unholde nach und fressen sie. Ein solches Wesen erscheint baumlang, mißgestaltet, mit schwarzen Händen und Füßen; ein anderer Waldgeist nimmt die Gestalt eines Menschen an, der in den Bäumen Honig sucht; er hat vergiftete Honigspeisen hingestellt, um die Wanderer zu töten; ein anderer menschenfressender Waldgeist hat sich ein menschliches Weib geraubt und lebt mit ihr in seiner Höhle²). So unmöglich es auch ist, für irgendwelche dieser Einzelheiten Herkunft aus vedischer Zeit zu behaupten, so ist es doch höchst wahrscheinlich, daß dieser Glaube an wilde Waldleute seinem Gesamtcharakter nach in das vedische Altertum und darüber hinaus in fernste vorgeschichtliche Zeit zurückreicht.