Die Religion des Veda c7.s9.54
Die Religion des Veda c7.s9.54
- Language
- German
c7.s9.54
Mir scheint diese Auffassung, die in der Tat vertreten worden ist⁴), doch darauf zu beruhen, daß die Tragweite einseitig ausgewählter Sentenzen, unvollständig erwogener Ausdrücke falsch geschätzt worden ist. Vor allem ist daran zu erinnern⁵), daß dem Wort *māyā* an sich ebensowenig eine niedrige wie eine erhabene Färbung zukommt; es bedeutet einfach alles geheime Können, das über den allgemeinen Horizont hinausreichende Taten ausführt. Varuṇas *māyā* ist es, daß er die Morgenröten sendet, daß er in der Luft stehend die Erde mit der Sonne wie mit einem Maß ausmißt, daß die Sonne über den Himmel wandelt und dann Gewölk sie verbirgt und der Honig des Regens zur Erde herabträufelt⁶). Es ist klar, daß es sich bei alldem nicht um List und Tücke, sondern allein um geheimes, unbegreifliches Können handelt. Daß dies Können im einzelnen Fall auch die Form der List annimmt, braucht nicht ausgeschlossen zu sein; wenn jenes aber im Veda als eine hauptsächliche Eigenschaft Varuṇas erscheint, ist man darum noch nicht zu der Auffassung berechtigt, daß List und Tücke den Grundcharakter dieses Gottes bildet. Seine Macht ist Freundin des Rechts (Ṛta); sie beschützt das Recht und straft die Sünden auch des Starken und Listigen. „Ihr überwandet alles Unrecht; mit dem Recht seid ihr vereint,“ wird zu Mitra und Varuṇa gesagt (Ṛv. I, 152, 1). Und zu den Ādityas: „Bei den Einfältigen seid ihr, ihr Götter“ (Ṛv. VIII, 18, 15). Sie heißen „im Recht stark“; „sie sind erstarkt in der Wohnung des Rechts“¹). Was von allen Göttern gesagt wird, bezieht sich auch auf sie: „Herrlich ist die Gnade der Götter, die in Geradheit wandeln“ (I, 89, 2). Wo immer der Gegensatz von gerade und krumm, von Ehrlichkeit und Doppelzüngigkeit die Dichter beschäftigt, erscheinen durchweg die Götter — und unter ihnen an erster Stelle Varuṇa und die Ādityas — als Freunde und Beschützer des Guten.