Pramāṇa · Search · About · API

Die Religion des Veda c8.s10.10

Die Religion des Veda c8.s10.10

Language
German

c8.s10.10.1

Während die erwähnten, an den Gang des Tages und Monats geknüpften Feiern wesentlich identisch im Opferritual des einen wie der drei Feuer (S. 347 ff.) auftreten, gehören die drei den Jahreslauf begleitenden, der natürlichen Dreiteilung des indischen Jahres in die heiße, nasse, kühle Zeit entsprechenden Feste allein dem größeren Ritual an; die Meinung muß gewesen sein, daß ihrer Begehung der Unterhalter nur des einen häuslichen Feuers nicht gewachsen oder nicht würdig sei. Neben ritueller Dutzendware, wohl aus der Werkstätte der jüngeren vedischen Opferordner, begegnet hier eine Reihe alter Riten, welche die unverfälschte Farbe volkstümlichen Kultwesens bewahrt haben. Bei jedem der Feste stehen insonderheit die Maruts im Vordergrund, welche die nach-ṛgvedische Zeit schwerlich in dieser Weise hervorgehoben hätte. Bei der zweiten Feier, die um den Beginn der Regenzeit vollzogen wird, stellt die Darbringung von Karīrafrüchten, die man auf die Opferspenden wirft, offenbar, der sonstigen kultischen Verwendung dieser Früchte entsprechend¹), einen Regenzauber dar; das rechtzeitige Einsetzen der Regenzeit soll befördert werden. „Daß Karīrafrüchte genommen werden, geschieht für Regen, für die Erlangung von Speisesegen“, sagt ein Brāhmaṇatext²) ausdrücklich. Auf einer nördlichen Opferstätte wird dem Varuṇa, auf einer südlichen den Maruts geopfert.

c8.s10.10.2

Aus Gerstenmehl hergestellte, mit Wolle beklebte Figuren eines Widders und eines Mutterschafes, bei denen die Geschlechtskennzeichen besonders stark hervorgehoben sind, werden den Darbringungen beigefügt. Das zu dieser Feier gehörende große Sühnopfer, die Verbrennung des Gerstengebäcks und die Beichte der Gattin des Opferers über ihre Buhlen ist schon oben (S. 323 f.) besprochen. Den Schluß macht ein dem Avabhṛtha (S. 408 f.) ähnliches Bad. Die Beziehung auf Fruchtbarkeit tritt beim Widderpaar deutlich zutage. Aber handelt es sich um Fruchtbarkeit der Herden, weil die Figuren Widder und Mutterschaf sind, oder des Getreides, weil sie aus Gerstenmehl gemacht sind, so daß die Tiere etwa als Repräsentanten des Getreidedämons aufzufassen wären³)? Ein gewöhnliches Erstlingsopfer liegt offenbar nicht vor; da wäre für Gerste vielmehr der Frühling die rechte Zeit⁴). Sondern es scheint, daß, wie im übrigen bei diesem Fest die Vorstellung der Abwendung von Sünde, Unheil, Götterzorn dominiert, so auch hier das Verlangen nach Fruchtbarkeit mit der speziellen Wendung auf Beschwichtigung der Mißgunst Varuṇas auftritt¹). Varuṇas Kornfrucht ist die Gerste, sein Tier der Widder. Beides weist auf diesen Gott, der auch in den vorher berührten Sühnriten eine Rolle spielt²). Daß eine Feier, die es so vorwiegend mit Unheimlichem zu tun hat, ein Bad als Abschluß verlangt, ist verständlich.

c8.s10.10.3

— Mit dem dritten der drei Jahreszeitenfeste ist ein großes Totenopfer, eine Art Allerseelenfest verbunden: das uralte winterliche Totenfest der indoeuropäischen Zeit³) kann an dieser Stelle in den Rahmen des indischen Rituals eingefügt scheinen. Neben der Totenfeier aber steht ein Opfer an Rudra Tryambaka, den gefährlichen bogenführenden Gott, dessen Angriffe man von sich und den Herden entfernen, dessen heilende Kraft man sich zuwenden will. Auf einem Kreuzweg, an der Wohnstätte der unheimlichen Götter, opfert man ihm je einen Opferfladen für jeden Hausgenossen; einen überschüssigen Fladen⁴) vergräbt man in einem Maulwurfshaufen: „Das ist dein Teil, Rudra; der Maulwurf ist dein Tier“: „damit weist er ihm den Maulwurf unter den Tieren zu: so tut jener dem übrigen Getier keinen Schaden“, erklärt ein Brāhmaṇa¹). Man murmelt: „Wir haben Rudra sein Teil gegeben, dem Gott Tryambaka, daß er uns gedeihen macht, daß er uns glücklich macht, daß er uns zu festem Ziel führt. Du²) bist Arzenei: Arzenei für das Rind, Arzenei für Roß und Mann, Gedeihen für Widder und Mutterschaf.“ Man umwandelt das Feuer dreimal nach links hin, mit den Händen auf die linken Schenkel klatschend, und dreimal nach rechts hin auf die rechten Schenkel klatschend; auch die unverheirateten Mädchen der Familie gehen mit herum und beten zum Gott Tryambaka, der den Jungfrauen Gatten gibt: „Wie die Gurke vom Stengel möge ich mich von hier lösen, nicht von dort“ — vom elterlichen Hause, nicht vom Hause des Gatten.

c8.s10.10.4

Zum Schluß werden die Reste der Opferfladen in die Luft geworfen, wieder aufgefangen und in zwei Körben an den Enden eines Wagebalkens hoch aufgehängt³), als Wegekost für Rudra, daß er in die Ferne ziehe ohne den Menschen Schaden zu tun. —