Die Religion des Veda c8.s10.88
Die Religion des Veda c8.s10.88
- Language
- German
c8.s10.88
Es kann als wahrscheinlich gelten ¹), daß die indische Hochzeit von der indoeuropäischen Form der Riten vieles bewahrt hat. Während an die uralte Raubehe höchstens zweifelhafte Spuren erinnern, drücken die Hochzeitsgebräuche des Veda vielmehr die vielfach auf einem Kauf beruhende oder doch mit Spuren des Frauenkaufs behaftete ¹), in friedlich weihevoller Ordnung sich vollziehende Vereinigung des Mannes mit der Frau aus, die ihm untergeben und doch in hoher Achtung — wenn auch nicht immer als einzige Genossin ²) — neben ihm steht; dazu ferner das Vertreiben aller unholden Mächte, das Herbeirufen gemeinsamen Glücks durch lange Jahre und gesegneter Nachkommenschaft. Im ganzen bewegen sich begreiflicherweise die Hochzeitsbräuche — und dies gilt auch von den anderen Zeremonien verwandter Art — mehr auf dem Gebiet des Zaubers als des Opferkultus ³). Die Handergreifung gab die Braut in die Hand des Gatten; der Stein, den sie betreten mußte, teilte ihr seine Festigkeit mit; die sieben Schritte, die sie vom Gatten geführt zu tun hatte ⁴), und gemeinsamer Genuß von Opferspeise begründeten Freundschaft und Zusammengehörigkeit. War dann die Braut vom elterlichen Hause, mit dem Wagen über zwei hingebreitete Fäden, einen blauen und einen roten, hinfahrend ⁵), in das Haus des Gatten hinübergeführt und in dieses eingetreten ohne die Schwelle zu berühren¹), so wurde durch Niedersitzen auf einem roten Stierfell und durch den auf ihren Schoß gesetzten Sohn einer Frau, die nur männliche lebende Kinder geboren hatte, Segensfülle und insonderheit die Hoffnung auf gesunde männliche Nachkommenschaft in sie gelegt. Die Verehrung der Götter steht bei diesen Riten mehr im Hintergrund. Am nachdrücklichsten wandte sie sich an Agni, den mit dem Leben des einzelnen und der Familie am engsten verwachsenen Gott²). So fand eine dreimalige Umwandlung des Feuers statt³), des göttlichen Zeugen der Eheschließung, der dann als häusliches Feuer das junge Paar durch das neue Leben zu begleiten hatte. Auch verschiedene Opferspenden wurden dargebracht; daß aber bei diesen eine wirklich eingewurzelte Beziehung auf bestimmte die Ehe segnende Gottheiten im ganzen wenigstens nicht obwaltete, ist deutlich sichtbar. Beispielsweise lautete zu einer der hervortretendsten unter diesen Spenden, dem Opfer gerösteter Körner aus den hohl zusammengelegten Händen der Braut, der vom Bräutigam zu sprechende Spruch: „Körner streuend spricht dies Weib: Möchte ich den Verwandten Heil bringen! Möchte mein Gatte lange leben!“⁴) — eben nur ein ganz allgemeiner Segen, in dem von einem Gefühl des Verbundenseins mit konkreten, persönlichen, das eigene Wohl und Wehe lenkenden Mächten nichts zu spüren ist.