Die Religion des Veda c8.s10.99
Die Religion des Veda c8.s10.99
- Language
- German
c8.s10.99
Man kann schwerlich sagen, daß sich die zahlreichen, bald diesen, bald jenen Gott in flüchtiger Anrufung nennenden, bald diesen, bald jenen Zaubersegen aussprechenden Verse und Sprüche, von denen das Hochzeitsritual durchsetzt ist, weit über das Niveau dieses Segensspruches erheben. Am meisten, aber zugleich im wenigst erfreulichen Sinn entfernt sich von dessen Ton der eigentliche Hochzeitshymnus, das Sūryālied¹), das bei der Hochzeitsfeier von einem Brahmanen vorgetragen wurde. Es war ein in der jüngeren ṛgvedischen Zeit entstandenes Lied von der Hochzeit der Sonnenfrau Sūryā mit Soma — jenem mystischen Soma „den die Brahmanen kennen, von dem keiner genießt“, dem Mond: ein Lied voll leerer priesterlicher Geheimniskrämerei, aller Poesie entbehrend, die das Glanzbild des himmlischen Gattenpaars mit den Hoffnungen irdisch-häuslichen Glücks in sinnige Verbindung gesetzt hätte. So führt, entsprechend der ganzen Stimmung des indischen geistigen Lebens, die Richtung, in der sich das vedische Hochzeitsritual von dem der indoeuropäischen Vorzeit fortbewegt, weder in jene Sphäre freier Schönheit, in der die griechische Hochzeitsfeier, noch in die Regionen ernst bestimmten rechtlichen Denkens, in denen die römische ihr Dasein hat²). Es ist der Wust und Wortschwall der prätentiösen priesterlichen Phrase, die sich anschickt alles zuzudecken, die Äußerungen natürlich menschlichen Empfindens immer mehr zu übertönen.