Die Religion des Veda c8.s2.1
Die Religion des Veda c8.s2.1
- Language
- German
c8.s2.1
Vielleicht schließen sich an das eben Gesagte am geeignetsten einige Ausführungen über den Sühnkult an, auf den ich nach dem oben (S. 310) Angedeuteten noch etwas eingehender zurückkommen muß. Wir beobachten hier zwei Richtungen, entsprechend der Verschiedenheit der Gedankenlinien, die sich in der Auffassung der Schuld kreuzen (siehe oben S. 294): Richtungen, deren deutliche prinzipielle Sonderung dadurch nicht aufgehoben wird, daß sie begreiflicherweise im einzelnen Sühnakt in vielen Fällen zusammengeraten. Sofern die Schuld einerseits Verletzung des göttlichen Willens und dadurch Herausforderung des göttlichen Zorns ist, wendet sich die Sühnung an den Gott; ihn erfreut und besänftigt man durch Gaben und Zeichen der Unterwürfigkeit. Sofern aber auf der anderen Seite die Schuld als dem Schuldigen nach Art etwa von Krankheitsstoffen anhaftend gedacht wird, besteht der Sühnkult in zauberartigen Verrichtungen, welche diese Infektion vernichten oder in unschädliche Ferne ableiten, damit der Schuldige frei und rein werde, „wie der Schweißbedeckte von seiner Unreinheit, wenn er sich gebadet hat“, „wie der geflügelte Vogel vom Ei“¹). Auch diese Auffassung läßt eine Wendung zu, bei welcher dem Gott die Rolle des Befreiers zufällt: wenn nämlich die Entfernung der Schuldsubstanz nicht durch direkte Wirksamkeit des Zaubers geschieht, sondern dazu die Macht und Kunst des Gottes zu Hilfe genommen wird: wo dann offenbar die Stellung des Gottes zum Vorgang der Entsühnung eine andere, äußerlichere ist, als wo die Befreiung von der Schuld in die Seele des Gottes hineinverlegt, als ein Akt seiner Gnade verstanden wird.