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Die Religion des Veda c8.s5.76

Die Religion des Veda c8.s5.76

Language
German

c8.s5.76

Die vornehmste Opfergabe des vedischen Kultus ist der Soma. Der Mensch stillt im Opfer nicht allein Hunger und Durst des Gottes, sondern er verhilft ihm auch zu einem Rausch, an dem er dann selbst teilnimmt¹). Schon in anderem Zusammenhang wurde bemerkt, daß die Vorstellung vom berauschenden Trank der Götter, insonderheit des Gewittergottes, und im Zusammenhang damit, wie mit Sicherheit geschlossen werden darf, die Verwendung eines solchen Tranks im Kultus, mit großer Wahrscheinlichkeit in das indoeuropäische Zeitalter zurückverlegt und auf ein jener Zeit eigenes berauschendes Honigmet bezogen wird (S. 170). Wir sahen, daß dann in der indoiranischen Periode an die Stelle des Honigtranks der gepreßte Saft der Somapflanze²) trat; er wurde mit Beimischungen von Wasser, von Milch versehen. Im Veda wird der Somatrank vielfach als *madhu* („Honig“) benannt; die naheliegende Vermutung ist aufgestellt worden, daß hier der indoeuropäische Name des Honigmets (*medhu*) auf den veränderten Trank vererbt ist, ähnlich wie die Griechen, die vom Met zum Wein übergegangen waren, letzterem doch den alten Namen μέθυ bewahrten. Das kann richtig sein; mir scheint aber, daß für jene Benennung des Soma auch eine andere Erklärung möglich, sogar wahrscheinlich ist. Den vedischen Dichtern sind die Worte Honig, honigreich u. dgl. für Flüssigkeiten, die sie als süß oder angenehm bezeichnen wollen, sehr geläufig. In der Kuh wohnt Honig, d. h. süße Milch; die Butter heißt honigreich oder geradezu Honig; honigreich werden sogar Wasserwogen und Luft genannt. Phantasiespiele aller Art knüpfen sich an die Substanz des Honigs, die vornehmste Trägerin der Süßigkeit. Danach ist es auch ohne Zuhilfenahme des indoeuropäischen Honigmets aus dem Veda allein verständlich, wenn der Soma dort Honig, honigreich genannt wird; mochte er schmecken wie er wollte, die fromme Ausdrucksweise mußte ihm natürlich süßen Geschmack nachrühmen. Vollends gilt das von demjenigen Soma, der wirklich mit süßen Substanzen, Milch oder Honig, gemischt war, sowie von dem Fall, daß besondere mythologische oder rituelle Eigenschaften der somatrinkenden Gottheit die Phantasie des Dichters auf die Vorstellung des Honigs führten ¹). Dahin, daß es sich hier in der Tat vielmehr um poetisch-phantastische Redeweise als um Bewahrung eines uralten Ausdrucks handelt, scheint mir zu deuten, daß die Bezeichnung des Soma als *madhu* ihren Sitz nicht in alter fester Terminologie und, was die Verteilung auf die Gottheiten anlangt, hauptsächlich im Kultus der Aśvin zu haben scheint ²): die aber stehen zum Somakult aller Vermutung nach in viel oberflächlicherer Beziehung als z. B. der Gewittergott. Vor allem ist auch zu beachten, daß das Awesta, sonst in bezug auf die Terminologie des Soma dem Veda so nahestehend, doch die Gleichung Soma = *madhu* nicht kennt ³): hier ist eben die Vorliebe der vedischen Dichter für das Spiel mit der Vorstellung des Honigs nicht anzutreffen. So wird die in Rede stehende Ausdrucksweise eine Neubildung der vedischen Zeit sein, und weiter, die Beimischung von Honig zum Soma wird eine einfache Versüßung ähnlich der durch Milch darstellen, deren Zusammenhang mit dem vorhistorischen göttlichen Honigtrank vollkommen zweifelhaft ist.