Die Religion des Veda c8.s6.3
Die Religion des Veda c8.s6.3
- Language
- German
c8.s6.3
Die Richtung, in der sich die Entwicklung dieses Organismus in vedischer Zeit vor allem vollzieht, ist die der Kaste. Die Bedeutung der Gens ist gegenüber der Kaste im Rückgang begriffen. In der Geschichte der vedischen Literatur und des vedischen Sakralwesens zeigt sich deutlich, wie die Individualitäten der alten Sängerfamilien immer mehr verblassen; ihre Liedersammlungen vereinigen sich zum einen Korpus des Ṛgveda, dem Werk des gesamten Brahmanenstandes, auf dem sich ein alle jene Sammlungen durcheinander benutzendes gemeinsames Ritual aufbaut; die gentilicische Gliederung tritt zurück hinter der des „dreifachen Wissens“ ¹) und hinter den Verzweigungen der Schulen. Der Zusammenhalt des Brahmanentums durch die Gemeinsamkeit der Geistesrichtung und der Interessen ist stärker als die Störung dieser Einheit durch individuelle Rivalitäten. Dem gegenüber steht der Organismus des Volksstamms — das Wort „Staat“ wird man hier überhaupt nicht gern brauchen — durchaus an zweiter Stelle. Sein Aufbau ist locker. Das einzige feststehende Element in ihm ist der König. Der Brahmane gehört kaum ganz und gar seinem Stamm, seinem Volk an. Ohne Rücksicht auf die Volksgrenzen zieht er hin und her, übt seine geistliche Kunst hier und dort, wo eben Gewinn und Ehren ihm winken. So wird das höhere religiöse Wesen, das der Veda uns vor Augen stellt, zu einer Angelegenheit, die sich zwischen den Brahmanen auf der einen Seite, auf der anderen in erster Linie dem König, in zweiter den Vornehmen und Reichen überhaupt vollzieht. Dort die Wissenden, die Besitzer der mystischen Kraft, hier die mächtigen und zahlungsfähigen Auftraggeber, untereinander nicht in religiöser Gemeinschaft verbrüdert, vielmehr als rivalisierende Bewerber um die Göttergnade einander gegenüberstehend. Der Allgemeinheit, den Massen bleibt nur die Zuschauerrolle. Freilich dürfen wir nicht die Unvollständigkeit und Einseitigkeit unserer Überlieferung außer acht lassen. Daß Sacra etwa der Dörfer, der Gilden (*śreṇi*) nicht vollkommen gefehlt haben, ist in der Tat möglich. In die Schemata des Sakralwesens, die der Veda gibt, passen sie kaum hinein; es muß weiteren Nachsuchungen vorbehalten bleiben zu ermitteln, ob jüngere Überlieferungen hier auf Spuren führen, die auch für das Altertum Vermutungen über Derartiges aufzustellen erlauben¹).
Linked texts (1)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit