Die Religion des Veda c8.s7.23
Die Religion des Veda c8.s7.23
- Language
- German
c8.s7.23
Diese in Indien anzutreffenden Erscheinungen sind deutlichermaßen Exemplare eines über die Erde verbreiteten Typus; gerade für die niedrigsten Formen religiösen Lebens ist die Kultivierung ekstatischer Geistergemeinschaft besonders charakteristisch. So wäre es denn auch ohne solche positive Äußerungen des Ṛgveda, wie wir sie beigebracht haben, selbstverständlich, daß hier nicht späte Neubildungen vorliegen, sondern daß der ganze Vorstellungskreis auch in der ältesten vedischen Zeit eine Rolle gespielt haben muß: eine bedeutendere, als begreiflicherweise im engbegrenzten Gesichtsfeld der eigentlichen Hymnenpoesie zur Erscheinung kommen kann. Ich weise hier noch auf ein Lied des Ṛgveda (X, 136) hin, welches zwar das Wort Tapas nicht nennt, aber sich doch ganz und gar in einem den Tapasideen eng verwandten Gedankenkreise bewegt: dasselbe Lied, dem oben (S. 403) die Äußerung vom Eingegangensein der Götter in die ekstatisch Erregten entnommen ist. Dies Lied schildert lebendig das orgiastische Treiben der alten vedischen Welt, noch unveredelt von dem Erlösungsdurst, der die Asketen buddhistischer Zeiten bewegte, noch ganz in die rohen Formen wilden Medizinmännertums gebannt. Das Lied spricht von den „langhaarigen Verzückten“ (*keśin*, *muni*), in braunen Schmutz gekleidet, die im Windeswehen einhergehen, wenn die Götter in sie gefahren sind, die mit Rudra Gift¹) aus dem Becher trinken. „In trunkener Verzückung haben wir der Winde Wagen bestiegen. Nur unseren Leib könnt ihr Sterblichen sehen ... Des Windes Roß, des Sturmgotts Freund, gottgetrieben ist der Verzückte. Die Meere beide bewohnt er, das im Osten ist und das westliche²). Auf der Apsaras, der Gandharven, der wilden Tiere Pfaden wandelt er.“ Der vedische Opferkultus hat dies Treiben besessener Wundermänner im ganzen von sich ferngehalten; die nüchterne Geschäftigkeit der rituellen Geheimniskrämerei und ihrer offiziellen Techniker war auf eine andere Tonart gestimmt. Aber in mancherlei Spuren und Resten ragt das Wesen des Tapas doch in den Kultus der vedischen Welt hinein, und wir werden nicht irren, wenn wir unter diesen Spuren dem Ritus der Dīkṣā eine hervorragende Stelle anweisen, wenn wir den Vollzieher dieser Weihe, der hungernd und wachend in das Antilopenfell gehüllt neben dem dämonenverscheuchenden Zauberfeuer sitzt, den der Ethnologie so wohlbekannten Typen der wilden Zauberpriester vergleichen, die durch Kasteiungen Besessenheit zu erreichen suchen.
Linked texts (1)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit