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Die Religion des Veda c9.s2.4

Die Religion des Veda c9.s2.4

Language
German

c9.s2.4

Zuvörderst gehört hierher, wenn ich mich nicht täusche, die — im Ṛgveda nicht unter dieser Bezeichnung auftretende — Vorstellung der „Väterwelt“ (*pitṛloka*). Die Väterwelt wird in den jüngeren Vedatexten der Götterwelt, oder der Götter- und der Menschenwelt, als etwas Gleichberechtigtes an die Seite gestellt. Sie wird mit Yamas Reich (*yamarājya*) identifiziert; sie ist weit von uns entfernt, „die dritte Welt von hier“²). Wenn sie gelegentlich in die Himmelshöhe verlegt wird³), so ist das schwerlich das Ursprüngliche. Der Gegensatz zur Götterwelt zeigt in andere Richtung als in die eines mit den Göttern gemeinsamen Himmelsdaseins. Die Götterwelt liegt im Norden, die Väterwelt im Süden; diese hat ihr Tor im Südosten⁴). Allem Anschein nach ist an ein weder als Himmel noch als Hölle benennbares allgemeines Totenreich gedacht¹). Und die Hindeutungen darauf überwiegen, daß dies· Reich vielmehr in der Tiefe als in der Höhe zu suchen ist. Dafür scheinen mir zunächst Äußerungen zu sprechen, die den Weg des Hingeschiedenen in sein künftiges Dasein betreffen. An manchen Stellen wird dieser Weg freilich als aufwärts gehend aufgefaßt, wie es für den Himmelsglauben das Natürliche ist. So läßt der Atharvaveda (XVIII, 2, 22) die luftdurchstürmenden Maruts die Seele hinaufführen. Aber derartigen Stellen stehen andere entgegen, in denen der Weg der Seele — es handelt sich nicht etwa um Seelen von Missetätern — mehr oder weniger deutlich als ein in die Tiefe führender gedacht ist. Ich glaube, daß es hierher gerechnet werden darf, wenn von diesem Weg gern der Ausdruck *pravat* gebraucht wird. Dies Wort, eigentlich „vorwärts führende (Bahn)“ bedeutend, scheint doch speziell mit der Vorstellung abschüssiger Bewegung assoziiert, da ja abwärts gehende Bahnen besonders leicht vorwärts führen und insonderheit die Vorwärtsbewegung des Wassers an die Richtung abwärts gebunden ist²). Von Yama nun, der als erster in jene Welt hinübergegangen, heißt es, daß er „hingegangen ist die weiten *pravat* entlang, vielen einen Pfad erspäht hat“ (Ṛv. X, 14, 1), daß er, „als der erste sich auf die *pravat* begeben hat“ (Av. VI, 28, 3). „Auf Furten¹) kommen sie hinüber über die weiten *pravat*, wo die Opferer, die Frommen gehen“ (Av. XVIII, 4, 7). Läßt der stehend wiederholte, vermutlich in diesem Zusammenhang altererbte Ausdruck nicht auf Vorstellungen schließen, nach denen Yamas Reich keine Himmelswelt, sondern wie der homerische Hades eine Unterwelt war²)? Weiter nun sagt Aśvalāyana (Gṛhya IV, 4) in seiner Darstellung des Verbrennungsrituals: „Wird der Tode von einem, der dies weiß, verbrannt, so geht er zusammen mit dem Rauch (des Scheiterhaufens) zur Himmelswelt: das ist bekannt. Nordöstlich vom Āhavanīya-Opferfeuer grabe man eine knietiefe Grube und lasse eine Avakā, d. h. eine Śīpālapflanze³) hineinlegen. Von dort geht (die Seele) aus und geht zusammen mit dem Rauch zur Himmelswelt: das ist bekannt.“ Also in die Aufwärtsbewegung der Seele wird ein auf die Erdtiefe, die Unterwelt deutender Zug eingeschoben⁴): wohl ein Rest weiterreichenden Unterweltsglaubens. Gehört es nicht in denselben Zusammenhang, wenn von den „tiefen Pfaden, auf denen die Väter wandeln“ (Av. XVIII, 4, 62), gesprochen wird? Und fühlt man nicht, daß das Bild des furchtbaren, dunkeln Weges, auf dem Yamas Hunde den Seelen auflauern (z. B. Av. VIII, 1, 9. 10), in eine andere Szenerie hineingehört als in die des Aufsteigens zum leuchtenden Firmament?

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