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Die Religion des Veda c9.s3.1

Die Religion des Veda c9.s3.1

Language
German

c9.s3.1

Daß man den Seelen, auch nachdem sie ihr endgültiges Ziel im Jenseits erreicht hatten, doch — anders als die homerischen Griechen den Hadesbewohnern — die Fähigkeit beilegte mit den Lebenden in Verbindung zu treten und auf deren Geschicke einzuwirken, zeigt schon die Existenz des Totenkults, der aufs tiefste mit allen Familienordnungen verwoben Neumond für Neumond, oder monatlich in der Hälfte des abnehmenden Lichts, auch die Zeit des abnehmenden Tageslichts, den Nachmittag bevorzugend, durch das Jahr hindurchgeht⁴), außerdem aber gewisse Zeitpunkte — das Fest der Sākamedhās (S. 441), die Aṣṭakās im Winter gegen das Jahresende (S. 445) und auch an einem Termin in der Regenzeit — als den Manen besonders heilig hervortreten läßt: ein zwar bis jetzt erst in jüngeren Texten nachgewiesener, aber genau zu den Vorstellungen der verwandten Völker stimmender Glaube läßt die Seelen zu bestimmten Zeiten Yamas Wohnung verlassen und Speise verlangend ihre Nachkommen auf Erden besuchen: wohl dem, der sie dann sättigt¹). — Und wie die epischen Gedichte voll sind von Erscheinungen der Toten, so zeigt sich auch im gesamten Lieder- und Spruchmaterial²) des Veda die Vorstellung von lebendiger Beziehung zwischen den Hingegangenen und den irdischen Geschicken in mannigfaltigsten Formen. Meist werden die „Väter“ im allgemeinen angerufen, aber gelegentlich richtet der brahmanische Opferer sein Gebet auch an die einzelnen Vorfahren der Priestergeschlechter mit Namen, an Kaṇva, Kakṣīvant und die ganze Reihe jener Patriarchen, oder der Dichter aus dem Hause der Vasiṣṭhas ruft die hingegangenen Vasiṣṭhiden an³). Man bittet, ganz wie bei den Göttern, bald im allgemeinen um Segen, um Erhörung, bald um einzelne Gnadenerweisungen, z. B. um Regen oder um die Gabe erfolgreicher Rede in der Gerichtsversammlung, oder daß der Verstorbene für die ihm geweihte Opferspeise dem bedürftigen Volk auf Erden Nahrung gebe, oder daß das von den Vätern angesammelte Verdienst der Opfer und Gaben dem Betenden zur Vernichtung seines Feindes zugute komme¹). Vor der Schlacht betet man zu den lanzenbewehrten, pfeilgewaltigen Vätern, den Bezwingern feindlicher Scharen²). Beim Opfer des Pravargya geben außer den Göttern auch die Väter dem Opferer ihre Zustimmung³). Insonderheit aber ist es die Fortpflanzung des Geschlechts, die in der Hut der Vorfahren steht. „Starke Söhne gebt mir, ihr Urgroßväter! Starke Söhne gebt mir, ihr Großväter! Starke Söhne gebt mir, ihr Väter!“ wird beim Totenopfer gebetet⁴). Einen der für die Manen bereiteten Klöße gibt der Opferer seiner Gattin, wenn sie sich einen Sohn wünscht, mit dem Spruch: „Gebt eine Leibesfrucht, ihr Väter, einen Knaben lotusbekränzt, daß ein Mann hier sei“⁵). Mit den Überbleibseln des den Vätern ausgegossenen Wassers benetzt sich der Opferer, der sich einen Sohn wünscht, das Antlitz⁶). Vor der Hochzeit wird den Vätern ein Kloßopfer gebracht⁷), offenbar um der Ehe Nachkommenschaft zu erwirken, und man glaubt, daß wenn der Brautzug gehalten wird, sie kommen die junge Braut zu sehen⁸).