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Astronomie, Astrologie und Mathematik c2.1

Astronomie, Astrologie und Mathematik c2.1

Language
German

c2.1

§ 1. Die Astronomie und Mathematik der Inder, besonders die erstere, haben verhältnismässig frühe die Aufmerksamkeit der europäischen Gelehrten auf sich gezogen. Schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts machte G. D. CASSINI die Regeln der siamesischen Astronomie, welche durchaus auf indischen Lehren beruhen, zum Gegenstand einer Untersuchung; und ein 1773 veröffentlichtes Mémoire LE GENTILS — welcher Gelegenheit gehabt hatte, sich in Pondicheri mit den astronomischen Methoden der Brahmanen bekannt zu machen — enthält schon eine ziemlich ausführliche Darstellung der Hauptpunkte des indischen Systems. Die Astronomie der Inder wurde auf diese Weise dem Westen früher bekannt als irgend ein anderer Zweig der indischen Litteratur und Wissenschaft. Eine auf bedeutend breiterer Grundlage beruhende Darstellung des indischen Systems wurde 1787 von J. S. BAILLY gegeben in seinem umfangreichen »Traité de l'Astronomie Indienne et Orientale«; und mit diesem bedeutenden Werke beginnen zugleich die Untersuchungen über den Ursprung und die Geschichte der indischen Astronomie. Die Thatsache, dass man im fernen Osten bei einem Volke, dessen Ideen, Kenntnisse und Institutionen in keiner Beziehung auf westlichen Einfluss hinzuweisen schienen, ein System der Astronomie antraf, welches zwar der entwickelten modernen europäischen Astronomie sehr bedeutend nachstand, aber immerhin es möglich machte, die wahren Örter von Sonne, Mond und Planeten vorauszubestimmen und Mond- und sogar Sonnenfinsternisse mit leidlicher Genauigkeit zu berechnen, konnte natürlich nicht verfehlen, das Interesse von Astronomen sowohl als Altertumsforschern in hohem Grade zu erwecken und zu Speculationen zu ihrer Erklärung anzuregen. BAILLY selbst gab für das indische System ein enormes Alter zu und bemühte sich nachzuweisen, dass die Abweichungen der indischen Bestimmungen von den modernen europäischen daraus zu erklären wären, dass die indischen Werte wirkliche Verhältnisse darstellten, die vor vielen Jahrtausenden stattgehabt hätten. Diese Theorie fand jedoch wenig Beifall und wurde, von 1799 an, mit besonderer Schärfe von J. BENTLEY bekämpft, dessen Ansichten in seinem 1825 veröffentlichten »Historical View of the Hindoo Astronomy« eine abschliessende Darstellung fanden. Während BENTLEY in seiner Opposition gegen BAILLYS phantastische Hypothese unzweifelhaft Recht hatte, ging er andrerseits viel zu weit in seinen Versuchen, das indische astronomische System als eine Fabrikation ganz später Zeit darzustellen. Im Vertrauen auf eine einseitig mathematisch-astronomische Methode das Alter astronomischer Werke aus ihren Angaben über die mittleren Bewegungen der Himmelskörper zu bestimmen, unterliess er es ganz, historisch-litterarischen Erwägungen ihr Recht zu geben; und in Folge davon entbehren die von ihm aufgestellten Perioden der indischen Astronomie in ihrer Weise ebenso sehr der Begründung als BAILLYS Constructionen.