Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c33.s3: § 24. Kurmethoden
Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c33.s3
- Language
- German
§ 24. Kurmethoden
c33.s3.1
Unter dem Namen *pañcakarman* »die fünf Verfahrensarten« werden die wichtigsten Kurmethoden zusammengefasst, nämlich Brechmittel, Purgirmittel, Klystiere, ölige Klystiere und Niesemittel. Das gewöhnlichste Brechmittel (*vamana*) ist *madana* (Randia dumetorum), eine kleine süssliche Frucht, wie ein kleiner Apfel¹. Zur Unterstützung der Brechwirkung steckt sich der Kranke einen Ricinusstengel in den Hals, während ein Diener ihm den Kopf und die Seiten hält. Das Gebrochene muss der Arzt untersuchen. Indicirt ist das Vomiren bei Schleimkrankheiten, Vergiftung, Fieber, Schwindsucht, Krankheiten der weiblichen Brust, Durchfall, Harnruhr, Flatulenz, Cholera, Verdauungsschwäche, Indigestion, Übelkeit, Rose, Lepra, Asthma, Husten, Elephantiasis, Herzleiden, Fettsucht, Tollheit, Epilepsie, Schnupfen, Ozäna, geschwollenen Mandeln und anderen Leiden. Unter den Purgirmitteln (*virecana*) sind *trivṛt* (Ipomea Turpethum), noch jetzt bei den Hindus das beliebteste Mittel dieser Art, und von den Ölen das Ricinusöl (*eraṇḍataila*) hervorzuheben⁷. Empfohlen wird das Purgiren bei Fieber, Vergiftung, Appetitlosigkeit, Hämorrhoiden, Leibes- und Milzanschwellung, Abscessen, Lepra, Mastdarmfistel, Frauenleiden, Rose, Cholera, Trommelsucht, Harnruhr, Strangurie, Verletzungen, Brandwunden, Ophthalmie, Star, Hitze im Kopf und anderen Körperteilen, Blutsturz, Gelbsucht, Kolik und anderen Leiden (C. 1, 15f.; Su. 4, 33f.; S. 1, 27; A. 1, 18; Vṛ. 73f.). Ein Klystier heisst *vasti*, *vastikarman*, der Klystierbeutel (*vasti*) soll aus Rinder-, Büffel-, Eber-, Ziegen- oder Schafblasen oder eventuell aus Leder oder dünnem aber festem Gewebe gemacht werden, die Röhre (*netra*) aus Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Messing, Elfenbein, Horn, Rohrschilf u. a., spitz zulaufend wie ein Kuhschweif, für über 25jährige Patienten 12 Fingerbreiten lang und am Anfang eine Daumenbreite stark. Klystiere sind indicirt bei Fieber, Durchfall, Star, Katarrh, Kopfweh, Ophthalmie, Convulsionen, Hemiplegie, Flatulenz, Harngries, Kolik, Hodenanschwellung, Verstopfung, Strangurie, Stein, Dystocie und vielen anderen Leiden, sie machen einen Impotenten potent, einen Mageren feist, einen Dicken mager, beseitigen Runzeln und graue Haare. Man unterscheidet zwischen reinigenden Klystieren (*nirūha*, *nairūhika*) und öligen Klystieren (*snaihika*, *anuvāsana*). Wenn durch *nirūha* die Wege im Körper gereinigt sind, lasse man darauf ein öliges Klystier folgen. Die Recepte für Klystiere sind mannigfaltig. Unfälle (*vyāpad*) bei Klystieren scheinen sehr häufig vorgekommen zu sein, da Su. deren 76 aufzählt, an erster Stelle nennt er Verletzungen und Schmerzen am After. Injectionen in die Harnröhre, bei Frauen auch in die Vagina, heissen *uttaravasti* (C. 8, 10—2; Su. 4, 35—8; S. 1, 28; 5, 4—6; A. 1, 19; 5, 4f.; Vr. 15f.). Nasen- oder Niesemittel (*nasya*) sind danach benannt, dass dabei eine Arznei oder ein mit Arznei vermischtes Öl in die Nase (*nāsikā*) gebracht wird (Su. 40, 17). Ähnlich wie die Klystiere werden die *nasya* in die zwei Classen der reinigenden, den Kopf purgirenden (*śirovirecana*) und öligen oder stärkenden (*snehana*, *bṛṁhaṇa*) eingeteilt. Weiter heisst *avapīḍa* das Einträufeln scharfer Säfte, *pradhamana* die Einführung von Pulvern mittelst einer Röhre in die Nasenlöcher, *pratimarṣa* das tropfenweise Aufziehen von Ölen in die Nase, doch ohne sie hinunterzuschlucken. Die Nasenmittel sind besonders für Kopf- und Halsleiden geeignet (Su. 4, 40; S. 1, 29; A. 1, 20; Vr. 78).
c33.s3.2
Der Anwendung des *pañcakarman* haben in der Regel Fett- und Schwitzmittel (*sneha*, *sveda*) vorauszugehen, die überhaupt eine grosse Rolle spielen. Unter den animalischen Fetten ist zerlassene Butter, unter den vegetabilischen Sesamöl am besten. Man kann die Fette oder Öle entweder unvermischt oder mit verschiedenen Zusätzen, wie Salz, Fleischbrühe, Fleisch, Milch, Molken, Brei und anderem geniessen oder sie zu Einreibungen, Pflastern, Klystieren, Augensalben, Einspritzungen in die Nase und Ohren u. dgl. verwenden. Bei innerlichem Gebrauch ist die volle Dosis (*uttamā mātrā*) anzuwenden bei starken Patienten mit kräftiger Verdauung, Leibesanschwellung, Schlangenbissen, Rose, Tollheit, Strangurie, Verstopfung, die mittlere Dosis bei Beulen, Bläschen, Krätze, Lepra und anderen Hautkrankheiten, und bei mässigen Essern, die nicht sehr stark und nicht verstopft sind, die kleine Dosis bei Greisen oder Kindern, schwächlichen oder schon purgirten oder mit schwacher Verdauung behafteten oder schon lange an Fieber, Durchfall oder Husten leidenden Personen. Von *sveda* unterscheidet C. 1, 14 13 Arten: 1. *saṁkarasveda*, in einem Tuch erhitzte, zusammengeballte Gegenstände, wie Kuhmist, Sand u. dgl. werden an den erkrankten Körperteil gebracht. 2. *prastarasveda*, »Schwitzen durch eine Streu«, die Gegenstände stecken lose in einem Tuch. 3. *nāḍīsveda*, ein Dampfbad durch Röhren, deren eines Ende dem Körper applicirt wird, während das andere in einem Kochtopf steckt. 4. *pariṣeka*, Begiessung mit erwärmten Arzneistoffen. 5. *avagāha*, Bad in einer Tonne mit warmem Wasser und Arzneien. 6. *jentākasveda*, Schwitzen in einer Schwitzstube, die durch einen Ofen mit vielen Löchern geheizt wird. 7. *aśmaghanasveda*, Schwitzen durch Liegen auf einer erhitzten Steinplatte. 8. *karṣūsveda*, Füllung einer unter dem Bett des Kranken gegrabenen Grube mit glühenden Kohlen. 9. *kuṭīsveda*, Schwitzen in einer dicht verwahrten Hütte, auf einem Bett liegend. 10. *bhūsveda*, Liegen auf ebenem Boden, sonst wie in 7. 11. *kumbhīsveda*, Eingraben eines mit Arzneien und glühend gemachten eisernen Kugeln oder Steinen gefüllten Kruges unter dem Bett des Patienten. 12. *kūpa-sveda*, Füllung einer geräumigen Grube mit Mist, der angezündet und über den, wenn das Feuer keinen Rauch mehr gibt, das Bett für den Kranken gestellt wird. 13. *holākasveda*, das Bett wird über einen Haufen von verbranntem Mist gestellt. *sveda* ist geeignet für Schnupfen, Husten, Schlucken, Asthma, Ohren-, Hals- und Kopfschmerzen, Heiserkeit, Halsweh, Schlagfluss, Hemiplegie, Verstopfung, Harnbeschwerden und viele andere Leiden (C. 1, 13f.; Su. 4, 31f.; S. 1, 25f.; A. 1, 16f.; Vṛ. 71f.).
c33.s3.3
Unter *dhūma* Rauch oder *dhūmapāna* Rauchtrinken sind Inhalationen in die Nase oder den Mund zu verstehen. Nach C. werden die zu verwendenden Arzneistoffe pulverisirt und zu einem Teig zusammengeknetet, der über einen Rohrhalm geklebt wird. Wenn der Teig trocken ist, zieht man den Halm heraus, steckt die so entstandene Teigröhre in ein Rohr von Metall, Holz oder Elfenbein, zündet sie an und steckt das andere Ende des Rohres in den Mund oder die Nase. Nach Su. gibt es 5 Arten von *dhūma*. Nach A. ist *dhūma* bei Kopf- und Halsleiden indicirt, auch um der Entstehung solcher Leiden vorzubeugen, nach C. Su. S. auch bei Schlafsucht, Mattigkeit, Bleichsucht, Vergiftungen, Blutungen, Tollheit u. a. (C. 1, 5, 10ff.; Su. 4, 40; S. 1, 30; A. 1, 21; Vṛ. 77). Locale Anwendung von Rauch durch Röhren bei Geschwüren, Hautkrankheiten u. dgl. heisst *dhūpana* Räucherung.
c33.s3.4
Flüssigkeiten zum Mundausspülen oder Gurgeln (*kavalagraha*, *gaṇḍūṣadhāraṇa*) werden besonders gegen Erkrankungen des Mundes und der Zähne empfohlen. Man soll die Flüssigkeit so lange im Mund behalten, bis die Augen zu thränen und die Nase zu tropfen beginnt, dann eine neue Portion nehmen (Su. 4, 40; S. 1, 31; A. 1, 22; Vṛ. 78).
c33.s3.5
Bei Augenleiden sind in erster Linie Einträufelungen (*āścyotana*) indicirt, da sie Rötung, Thränen, Schmerzen, Eiterung und andere Affectionen der Augen beseitigen. Häufig ist auch von den Augensalben (*añjana*), besonders aus Antimon bestehend, die Rede, die mit einer Sonde (*śalākā*) in das Auge eingeführt werden (S. 1, 32; A. 1, 23). Gesichtspflaster heissen *mukhapralepa*, Pflaster im Allgemeinen *pralepa*, erweichende Breiumschläge *pradeha*, Stuhlzäpfchen *varti*, *phalavarti*, Salben *lepa*, *abhyaṅga*, *anulepana*³. Eine wichtige Classe von innerlich zu nehmenden Arzneien bilden auch die Elixire (*rasāyana*), die als 7. Hauptteil der Medicin gelten, so heisst es in vielen Recepten, dass man sich durch ihren Gebrauch ein hundertjähriges Leben sichern könne. Über Brennen und Ätzen s. § 29.
c33.s3.6
¹ DUTT, Mat. Med. 177.
c33.s3.7
² l. c. 202. 231.
c33.s3.8
³ Vgl. l. c. 17 ff.
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