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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5.s2: § 7. Charakteristik

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c5.s2

Language
German

§ 7. Charakteristik

c5.s2.1

— In ihrer uns bis jetzt bekannten Gestalt ist die Kharoṣṭhī ein ephemeres, fast rein epigraphisches Alphabet des nordwestlichen Indien. Seine Heimat liegt ungefähr zwischen 69°—73° 30' ö. L. und 33°—35° n. Br. im alten Gandhāra, dem jetzigen östlichen Afghanistan und nördlichen Panjab. Einzelne Inschriften der späteren Zeit haben sich weiter südwestlich, in Bhawalpur bei Multan, südlich in Mathurā und südöstlich in Kangra gefunden, und einzelne Wörter oder Buchstaben in Bharahut, Ujjain und Maisur (Siddapur A. Ed.)¹. Münzen und Gemmen sind bedeutend weiter nördlich und nordöstlich verschleppt. Der Zeit nach fällt der Gebrauch der Kharoṣṭhī zwischen das 4. Jahrh. a. Chr. und etwa das 3. Jahrh. p. Chr., vor das Ende der Perserherrschaft (331 a. Chr.) und nach der Regierung des Kuṣanakönigs *Huviṣka*². Wie die Notiz des Fawanshulin von 668 p. Chr. zeigt, erhielt sich die Kenntnis des Alphabetes viel länger, s. o. § 1.

c5.s2.2

Bis jetzt hat die Kharoṣṭhī sich gefunden 1) in Steininschriften, 2) auf Metallplatten und Gefässen, 3) auf Münzen, 4) auf Gemmen und 5) auf einem winzigen Stücke Birkenrinde⁴. Ähnliche Blätter oder »twists« sind mehrfach in den Stūpa von Afghanistan zum Vorschein gekommen⁵. Aber die angeblich aus dieser Quelle stammenden Reste von zerriebener Birkenrinde im Brit. Mus. zeigen keine Spur von Schrift. Auf den Metallplatten und Gefässen sind die Buchstaben häufig durch dichte Reihen von Punkten angedeutet oder erst punzirt und hernach eingeritzt⁶. Auf Steingefässe sind die Schriftzüge zuweilen mit Tinte oder Tusche aufgetragen⁷.

c5.s2.3

⁶ B.IS III, 45 ff.; C.ASR 2, 82 ff., Pl. 59, 63; 5, 1 ff.; Pl. 16, 28, W.AA 55 ff.; C.CAI 31 ff. —

c5.s2.4

⁷ B.IS III, loc. cit., C.CAI 37; die Typen der Inschriften mit Saṁvat 200 und 276 oder 286 (Haṣṭnagar Image) sind älter als die der Zeit des Huviṣka. — W.AA Pl. 3, Nr. 11. — 5 W.AA 60, 84, 94, 106. — 6 IA 10, 325. — 7 W.AA 111. —

c5.s2.5

Trotz ihrer Verwendung für die Epigraphie ist die Kharoṣṭhī eine populäre Schreiber- und Geschäftsschrift, wie die durchweg stark cursiven Formen der Buchstaben, das Fehlen der, für den Gebrauch des täglichen Lebens unnützen, langen Vocale, die fast stetige Wiedergabe doppelter, sowie von Gruppen unaspirirter und aspirirter Consonanten durch einfache (*ka* für *kka*) oder den zweiten Teil der Gruppe (*kha* für *kkha*), und der Gebrauch des Anusvāra für alle vocallosen mittleren Nasale, deutlich beweisen⁸. Für die immerhin mögliche Annahme, dass die Kharoṣṭhī auch eine andere, für die Zwecke der Śāstra passende, Gestalt gehabt habe, liegt bis jetzt kein Anhaltspunkt vor.

c5.s2.6

⁸ WZKM 9, 49 f., vgl. Westergaard, Zwei Abhandl., 36 f.