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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c6.s2: § 14. Gemeinsame Eigentümlichkeiten der alten Inschriften

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c6.s2

Language
German

§ 14. Gemeinsame Eigentümlichkeiten der alten Inschriften

c6.s2.1

Prakritinschriften fast durchweg, in denen mit gemischter Sprache weniger constant, der practisch bequemen, noch jetzt volkstümlichen Orthographie, welche die Bezeichnung langer Vocale, besonders von *ī* und *ū*, und mitunter des Anusvāra vernachlässigt, ausser bei Nasalen einfache Consonanten für doppelte setzt, Nonaspiraten vor Aspiraten auslässt und den Anusvāra für alle mittleren Nasale und finales *m* setzt⁴. Diese Orthographie erhält sich in den Prakritinschriften mit grosser Hartnäckigkeit bis in das 2. Jahrh. p. Chr. Die durchgängige Verdopplung der Consonanten tritt zuerst in einer Pāli-Inschrift eines Königs von Banavāsi, *Hāritīputta Sātakaṇṇi*, auf, welche Mr. Rice kürzlich gefunden hat⁵. Die schon länger bekannte Inschrift (IA, 14, 331) aus der Zeit desselben Fürsten zeigt sie nicht. Ausserdem zeigen einige andere zum Teil ältere Dokumente in Prakrit schwache Spuren der phonetisch-grammatischen Schreibweise der Pandit, z. B. die A. Ed. von Shahbazgarhi, das schon erwähnte *mma* (§ 9, B. 4), die Nasik-Inschrift Nr. 14, 15 und Kuda Nr. 5 das Wort *siddha* und Kaṇheri Nr. 14 *āyyakeṇa*⁶. Solche Abweichungen von der Regel deuten an, dass die Schreiber einige Brocken Sanskrit gelernt hatten, was auch für den Schreiber der Kālsi-Ed. durch die für das Pāli absurde Form, *baṃbhmane* statt *baṃbhane* (K. Ed. XIII, 1, 39) klar bewiesen wird.

c6.s2.2

Die Inschriften in gemischter Sprache (Gāthā-Dialect) bieten mit Ausnahme der von Ghasundi aus dem 3. Jahrh. a. Chr., in welcher zufällig kein Wort mit einem Doppelconsonanten vorkommt, sämtlich Beispiele selbst grammatisch unnötiger Verdoppelungen. Pabhosa Nr. 1 hat *Bahasatimittrasa* und *Kassāpiyānaṃ*, Nr. 2 *Tevaṇīputtrasya*, Nasik Nr. 5 *siddham* und Karle Nr. 21 *Setapharaṇaputtasya*⁷. Auch die Mathurā-Inschriften der Kuṣana-Periode liefern zahlreiche ähnliche Formen⁸. Die einzigen bekannten Sanskrit-Inschriften dieser Periode, die Girnār-Praśasti aus der Zeit des Rudradāman und Kaṇheri Nr. 11 zeigen die phonetisch-grammatische Orthographie der Pandit mit einigen durch die volkstümliche Schreibweise veranlassten Unregelmässigkeiten im Gebrauche des Anusvāra, z. B. in der Gi. Pr. (Z. 2 *pratānaṃ* ā, Z. 12 *saṃbaṃdhā*°) wie sie auch in den besten, von Gelehrten geschriebenen MSS. vorkommen. Die erwähnten orthographischen Eigentümlichkeiten haben demnach nichts mit der Entwicklung des Alphabets zu thun, sondern zeigen nur, dass im alten wie im modernen Indien die Praxis der Schreiber von der der Pandit abwich und dass die beiden Methoden der Orthographie damals, wie jetzt, einander beeinflussten und Unregelmässigkeiten verursachten.

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Eine andere Eigentümlichkeit¹⁰, welche sich in vielen Inschriften in Prakrit und gemischter Sprache findet, besteht in der häufigen Verwechslung der Zeichen für die Zischlaute. In den A. Ed. von K., Si., Bai. II.¹¹, in Bhaṭṭiprolu, in den Höhleninschriften von Nāgārjunī und Rāmnāth¹² und in den Mathurā-Inschriften der Kuṣana-Periode, ja sogar in den beiden ältesten ceilonesischen Inschriften treten *ṣa* oder *śa* für *sa*, *śa* für *ṣa* und *sa* für *śa* oder *ṣa* sehr unregelmässig ein. Der Grund dieser Verwechslung liegt teils darin, dass das Schulalphabet, welches die ungebildeten oder halbgebildeten Schreiber erlernten, ursprünglich für das Sanskrit bestimmt war und Zeichen für mehr Zischlaute enthielt als die Prakritsprachen besassen, teils aber in der nachlässigen Aussprache der nicht grammatisch gebildeten Classen. Wahrscheinlich enthielten wenigstens die westlichen und südlichen alten Prakritdialecte früher, wie jetzt, sowohl den palatalen als auch den dentalen Zischlaut, und wurden diese beiden Laute damals, wie jetzt, oft vertauscht. Die natürliche Folge war, dass das Gefühl für die eigentliche Bedeutung der drei Zeichen verschwand. Die Sanskritinschriften aller Jahrhunderte, besonders die von Kanzlisten geschriebenen Landschenkungen, sowie die MSS. der in modernen Prakritsprachen verfassten Werke, und die Schriftstücke aus den heutigen Kanzleien bieten durch ihre zahllosen Fehler im Gebrauche der Zischlaute ebenso viele Belege für die Richtigkeit dieser Erklärung der Unregelmässigkeiten in den alten Dokumenten. Für diese Annahme bietet das je einmalige Vorkommen von *ṇa*¹³ in den S. Ed. von Dh. und J., für deren Sprache *na* allein erlaubt ist, eine weitere Bestätigung, da auch in diesem Falle das Schulalphabet mit seinem *ṇa* und *na* den Irrtum veranlasst haben wird. Die abweichende Ansicht¹⁴, der zufolge die Verwechslung der Zischlaute in den A. Ed. auf eine unvollständige Fixirung der Brāhmī im 3. Jahrh. deutet, beruht auf der jetzt unhaltbaren Voraussetzung, dass die Brāhmī nicht für das Sanskrit, sondern für Prakritdialecte ausgebildet ist.

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¹ J.BBRAS, 10, XXIII.

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² C. Bhilsa Topes, Pl. 30, Nr. 6.

c6.s2.6

³ B.IS III, 38—41.

c6.s2.7

⁴ Vgl. oben § 7.

c6.s2.8

⁵ Nach einer von Mr. RICE gütigst mir gesendeten Photographie.

c6.s2.9

⁶ B.ASRWI, 4, Pl. 45, 52 s. Pl. 51.

c6.s2.10

⁷ EI, 2, 242; B.ASRWI, 4, Pl. 52 u. 54.

c6.s2.11

⁸ EI, 1, 371 ff.; 2, 195 ff.

c6.s2.12

⁹ B.ASRWI, 3, Pl. 14, 5, Pl. 51.

c6.s2.13

¹⁰ B.IS III, 41, Note 3; EI, 1, 376 f., 3, 136.

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¹¹ C.CII, 1, Pl. 14.

c6.s2.15

¹² C.CII, 1, Pl. 15.

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¹³ B.ASRSI, 1, 128, Note 45; 129, Note 33.

c6.s2.17

¹⁴ S. Pl. 1, 33 ff.; B.ESIP, 2, Note 1.

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