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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c6.s6: § 20. Die Vorläufer der südlichen Alphabete

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c6.s6

Language
German

§ 20. Die Vorläufer der südlichen Alphabete

c6.s6.1

Während im 1. und 2. Jahrh. in den Inschriften des nördlichen Indien deutliche Ansätze zur Ausbildung einer neuen localen Varietät der Brāhmī hervortreten, zeigen sich im Westen, in Centralindien und im Dekhan die ersten Anfänge der späteren südlichen Alphabete. Die westliche Schrift veranschaulichen die Inschriften und Münzlegenden der mit Caṣṭana-Tiastanes beginnenden Kṣatrapa-Dynastie von Mālva und Gujarat, von der C. VI nach der ältesten Sanskritinschrift, der Girnār-Praśasti aus der Regierungszeit des Mahākṣatrapa Rudradāman (ca. 160 p. Chr.)¹ eine Probe giebt. Sie stimmt mit den späteren südlichen Alphabeten (vgl. § 27) in folgenden characteristischen Punkten, 1) den Curven an den Enden der Verticalstriche von *A*—*Ā* (1—2), *ka* (7), *ña* (15), *ra* (32), mittleres *u* und *ū* (nicht in d. T.), 2) dem runden *ḍa* (18), 3) der Einkerbung des linken Striches von *ba* (28), 4) der Krümmung des Vertikalstriches von *la* (33) nach links und 5) an dem von *ra* schwer zu unterscheidenden mittleren *r* (*sr* 37). Im übrigen geht sie teils mit den Inschriften Soḍāsa's z. B. in *śa* (35) und dem dreiteiligen suffigirten *ya* in *lya* (42) und teils mit dem Typus der Kuṣanaperiode z. B. in *kha* (8), *na* mit der gebogenen Basis (25), dem links eingekerbten *pa* (26), *ya* mit der Curve links (31), dem oft rundlichen *va* (34). Eigentümlich ist ihr *ṭa* (16); ihr cursives *ū*, das nur in Verbindung mit *n* (25) und *r* (vgl. T. VII, 33, III) gebraucht wird, und das mittlere *au* in *yau* (31), neben dem auch noch die ältere Form von T. II, 28, XVIII vorkommt, erscheinen hier zum ersten Male. Die Legenden der etwas älteren, wahrscheinlich in Ujjain geprägten Münzen² Caṣṭana's und Jayadāman's, des Grossvaters und Vaters des Rudradāman, weisen keine wesentlichen Verschiedenheiten auf. Unter den späteren Kṣatrapa-Inschriften³ stimmt die Junāgaḍh-Inschrift Rudrasiṃha's, des Sohnes des Rudradāman, genau mit der Girnār-Praśasti. Die Gunda-Inschrift desselben Fürsten vom Jahre 103 oder (nach der üblichen Annahme) 180 p. Chr. und die Jasdan-Inschrift seines Sohnes Rudrasena vom Jahre 127 (?) oder 204 p. Chr. zeigen einige weiter entwickelte Zeichen. Beide haben das zweiteilige suffigirte *ya* und die letztere hat mehrmals das nördliche *ma* der Guptaperiode (T. IV, 31, I ff.), sowie das über der Linie stehende mittlere *e* (vgl. z. B. *ne* T. VII, 27, V). Dasselbe *ma* oder ein ähnliches Zeichen mit geradem Basisstriche statt des Dreiecks unter dem Winkel kommt auch häufig auf den Münzen der späteren Kṣatrapa vor⁴. Es deutet wahrscheinlich auf nördlichen Einfluss, vielleicht auf den gleichzeitigen Gebrauch eines nördlichen Alphabetes, vgl. § 28 A.

c6.s6.2

B. Die Schrift des westlichen Dekhan und des Konkan weist in den Inschriften der Höhlen von Nasik, Junnar, Karle, Kaṇheri, Kuda u. s. w. drei Abarten auf; einen archaistischen Typus, einen vorgeschritteneren mit meist schwachen Spuren der südlichen Eigentümlichkeiten und einen ornamentalen. In den ältesten mit Daten versehenen Documenten, den Inschriften des Saka Uṣavadāta oder Usabhadata⁵ (Ṛṣabhadatta), des Schwiegersohnes des Kṣaharāta-Königs und Kṣatrapa Nahapāna, welche Schenkungen aus den Jahren 41—45 (nach der gewöhnlichen Annahme) der Śaka-Ära⁶ oder 118—122 p. Chr. erwähnen, kommen die ersten beiden vor. In der Karle-Inschrift *Nr.* 19 (C. VII), findet sich der archaistische Typus, dessen *gha* (10), *ja* (13), *da* (23), *bha* (29), *ya* (31), *la* (33), *sa* (37) und *ha* (38) stark an die der älteren Alphabete in Taf. II, insbesondere das der ältesten Andhra-Inschriften in C. XXIII—IV erinnern. Derselbe erscheint noch in einigen anderen, z. T. älteren, meist in derselben Höhle befindlichen Inschriften⁷ und ist wohl als eine directe Entwicklung aus dem Typus von T. II, C. XXIII—IV, anzusehen. Von den oben aufgezählten Eigentümlichkeiten der späteren südlichen Schrift zeigt er nur schwache Spuren. Die Curven an den unteren Enden der Verticalstriche fehlen oft ganz oder sind nur schwach angedeutet. Der Verticalstrich von *la* wird nach rechts gebogen. Das dreieckige *dha* (24), welches in keinem der bis jetzt besprochenen Alphabete vorkommt, ist auch sonst häufiger bemerkbar, das abnorme *kha* (8) auf Karle Nr. 19 beschränkt. Im Gegensatze zu dieser Schrift zeigen die Nasik-Inschriften des Uṣavadāta in C. VIII—IX sehr zierliche Formen, deren Ductus dem der Inschriften des Soḍāsa und der Girnār-Praśasti (C. I, VI) vielfach ähnlich sind und die Archaismen der Karle-Inschr. nicht bewahrt haben. Die Spuren der späteren südlichen Characteristica sind gleichfalls schwach oder fehlen. Nur das südliche *ḍa* (18) ist deutlich und constant. Beachtenswert ist *śa* (35, 42), das mit dem von C. VI auf einer Stufe steht und das finale *m* in *ddham* (41, VIII), sowie das altertümliche suffigirte *ya* in *bhyaḥ* (41, IX).

c6.s6.3

Dieser Schrift sehr ähnlich ist die der C. X—XI aus den Nasik-Inschriften des Andhrakönigs Gotamīputa Sātakaṇi (Nr 11 a—b), der die Kṣaharāta-Dynastie, vielleicht Nahapāna und Uṣavadāta selbst, vernichtete, und seines Sohnes Siri-Puḷumāyi oder Pulumāi oder Puḷimāvi (Nr. 14), der von Ptolemaeus unter dem Namen Siri-Polemaios oder -Polemios erwähnt wird⁸. Der einzige wesentliche Unterschied tritt in dem dreieckigen *dha* (24, XII; vgl. C. VII) hervor, das übrigens keineswegs constant ist. Ungefähr denselben Typus zeigen C. XII aus der Nasik-Inschrift des etwas späteren Andhrakönigs Gotamīputa Siriyaña-Sātakaṇi, C. XIII, aus der undatirten Inschrift Nasik, Nr. 20, und C. XIV aus Nasik Nr. 12, welche unter der Regierung eines Ābhīrakönigs Īśvarasena verfasst wurde⁹. In C. XII findet sich jedoch abweichend ein aus einer verschleiften Form entstandenes *ta* (21), ein verschleiftes *na* (25), dessen Ductus von der nördlichen Form in C. IV abweicht, ein *ra* mit stärkerer Curve (32) und ein nach links gebogenes *la* (33), ferner in C. XIII ein verschleiftes *ta*, und in C. XIV aus verschleiften Formen entstandenes *ta* und *na*, *ya* mit Curve links, nach links gebogenes *la*, cursives suffigirtes *ña* in *jñaḥ* (40) und ein dem nördlichen *ṛ* ähnliches *u* in *du* (23), das in etwas anderer Form in späteren Inschriften vorkommt, vgl. z. B. *bhuï* in T. VII, 30, XII, und das *ū* in *tū*, T. III, 21, XVII, XIX. Von der dritten Varietät, der verschnörkelten, geben C. XV—XVI aus den undatirten Inschriften von Kuda (Nr. 1—6, 11, 20) und von Junnar (Nr. 3) zwei etwas verschiedene Proben. Beide stimmen in der ornamentalen Behandlung von mittlerem *i* und *ī*. Die Kuda-Inschriften dehnen dieselbe aber auch auf die Enden aller langen Verticalstriche aus und zeigen Einkerbungen in den linken Verticalstrichen von *pa* (26) und *ba* (28, vgl. C. VI). In C. XVI ist auch das zweiteilige suffigirte *ya* in *yya* (40) und das *śa* mit der horizontalen Barre in *śrī* für *ṣrī* (41; vgl. 35, III—V und 41, V) beachtenswert. Ornamentale Formen, die denen der C. XV—XVI gleichen oder nahe kommen, finden sich auch in den annähernd datirbaren Inschriften des Andhrakönigs Puḷumāyi, Karle, Nr. 20, 22, und des Ministers der Gemahlin seines Nachfolgers Vāsiṭhīputa Sātakaṇi, Kaṇheri, Nr. 11, von denen die beiden ersten auch das verschleifte *ta* und ein *ṇa*, wie das von C. XVII zeigen, die letztere aber die zierliche Schrift der Kṣatrapa-Inschriften. Es ist somit zweifellos, dass alle drei Varietäten während des 2. Jahrh. p. Chr. im westlichen Dekhan und im Konkan zugleich gebraucht wurden¹⁰, und die Inschriften des Amarāvatī-Stūpa¹¹ beweisen, dass sich ihr Gebrauch auch auf die Ostküste von Indien erstreckte. Der Gebrauch jüngerer Schrifttypen neben einem älteren mit sporadischen weiter entwickelten Zeichen wird, wie in anderen Fällen, durch das Streben nach archaischen Formen für epigraphische Zwecke zu erklären sein.

c6.s6.4

⁸ S. die Citate in Note 6, und C.CAI, 106 f. —

c6.s6.5

⁹ Nach Bhagvanlal's Schätzung, J.RAS, 1894, 657, »etwas später als Nahapāna«. —

c6.s6.6

¹⁰ Vgl. noch die Facs. in B.ASRWI, 4, Pl. 45, Kuda, Nr. 12—18; Pl. 46, Kuda, Nr. 22—28; Mahad, Nr. 1—4, Kol, Nr. 3, 5; Pl. 47, Bedsa, Nr. 1—3; Pl. 48, Karle, Nr. 15—18, Sailarvadi, Nr. 19; Junnar, Nr. 1—2; Pl. 49—51, Junnar, Nr. 4—34; Pl. 52, Nasik, Nr. 6a; Pl. 54, Junnar, Nr. 32, Karle. Nr. 20; Pl. 55, Nasik, Nr. 17—19, 21—24; 5, Pl. 51, Kaṇheri, Nr. 2—5, 10, 12—14. — 11 B.ASRSI, 1, Pl. 56—57; Pl. 58, Nr. 28—34, 37; Pl. 59, Nr. 39, 43, Pl. 60, Nr. 44—45, 47—50; Pl. 61, Nr. 51—53, 55—56; und die Facs. der Andhra-Münzen, C.CAI, Pl. 12; J.BBRAS, 13, Pl. 3. — 12 B.ASRSI, 1, Pl. 58, Nr. 35—36; Pl. 59, Nr. 38, 40—42; Pl. 60, Nr. 46; Pl. 61, Nr. 54; Pl. 62. — 13 Vgl. die Facs. zu IA, 9, 100; EI, 1, 1 ff.

c6.s6.7

C. Auf der Ostküste, in den Kistna-Districten, entwickelte sich, vielleicht etwas später, etwa im 3. Jahrh. p. Chr., aus dem zuletzt besprochenen Typus eine noch ornamentalere Schrift, die in den Jagayyapetta-Inschriften aus der Zeit des Ikṣvākukönigs Siri-Vīra-Purisadatta (C. XVII---VIII) sowie in einigen Amarāvatī-Inschriften¹² zum Ausdruck kommt. Characteristisch für dieselbe ist die bedeutende Verlängerung der Verticalstriche von *A*—*Ā*, *ka*, *ña*, *ra* und *la*, sowie des mittleren *i*, *ī* und *ū*. Für die etwas spätere Zeit sprechen die Cursivformen von *tha* und *ha*, welches letztere mit der Guptaform (T. IV, 39, I, VI) stimmt und das nach unten gekrümmte m. *e* in *me* (30), das dem der späteren südlichen Inschriften gleicht (vgl. 30, XIX---XX; T. VII, 35, XII) und das m. *ū* in *tū* (21), C. XIX; vgl. T. VII, 30, XX. Abnorm ist das m. *ū* in *tū* (40), wo das Zeichen der Länge oben an den Consonanten gehängt ist.

c6.s6.8

D. Eine gewisse Verwandtschaft im Ductus mit dem Alphabet von Jagayyapetta zeigt die sonst stark cursive Schrift der Prakrit-Landschenkungen der Pallavakönige Vijayabuddhavarman und Śivaskandavarman (C. XIX---XX) von Kāñcī (Conjeveram) aus den Tamil-Districten¹². Es ist aber nicht zweifelhaft, dass diese Dokumente bedeutend später sind als die Jagayyapetta-Inschriften. Eine genaue Bestimmung ihrer Zeit ist bis jetzt unmöglich. Indess lässt der Gebrauch des Prakrit als der offiziellen Kanzleisprache vermuten, dass sie der ersten Hälfte des 4. Jahrh. angehören. Auf die späte Zeit deuten besonders das breite *E* mit dem Verticalstrich rechts (5, XX; vgl. T. VII, 6, XI ff.), das geschwänzte *ḍa* in *ṇḍaṃ* (40, vgl. VII, 19, IV f.), das rechts offene suffigirte *tha* in *ttha* (41, XIX; vgl. VII, 45, XX) und das verschleifte *o* in *lo* (33, XX; vgl. T. VII, 34, III f., XIII, XVII).

c6.s6.9

¹ Bhandarkar, Early Hist. of the Dekhan², 26 f.; C.CMI, 3—5; Bhagvanlal, J.RAS, 1890, 642; Die ind. Inschr. und d. Alter d. ind. Kunstpoesie, 46 ff. —

c6.s6.10

² C.CMI, Pl. 1; J.RAS, 1890, Pl. zu p. 638; B.ASRWI, 3, Pl. 7. —

c6.s6.11

³ Vgl. Facs. B.ASRWI, 3, Pl. 20; J.BBRAS, 8, 234; Sanskr. and Prakr. Inscr. Bhavnagar, Pl. 17—19 (unzuverlässig). —

c6.s6.12

⁴ Siehe die in Note 2 cit. Taf. —

c6.s6.13

⁵ Usabhadāta nur in Karle Nr. 19, B.ASRWI, 4, Pl. 51. —

c6.s6.14

⁶ Vgl. Bhandarkar, Early History of the Dekhan², 26; J.RAS, 1890, 642; Die ind. Inschr. und d. Alter d. ind. Kunstpoesie, 57 f. Anders Cunningham, CMI, 3 f., der die Daten auf die Mālava-Ära bezieht, und Oldenberg, IA, 10, 227, der Nahapāna von 55—100 p. Chr. regieren lässt. —

c6.s6.15

⁷ Karle, Nr. 1—14, B.ASRWI, 4, Pl. 47—48; Nasik, Nr. 4, op. cit., Pl. 51. —

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