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Indische Palaographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c7.s1: § 21. Definition und Abarten

Indische Paläographie von circa 350 a. Chr. – circa 1300 p. Chr. c7.s1

Language
German

Contents

§ 21. Definition und Abarten

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— Unter den nördlichen Alphabeten verstehe ich mit BURGESS, FLEET u. A.² diejenige grosse Gruppe von epigraphischen und litterarischen Schriftarten, welche etwa von 350 p. Chr. an in dem weiten Gebiete nördlich von der Narmadā (mit Ausschluss von Kathiawar und Nord-Gujarat) die Oberhand gewinnt und, im Laufe der Zeit immer mehr sich ausdehnend, schliesslich in verschiedenen Abarten für alle arischen Sprachen Indiens zur Geltung kommt. Dieselbe wurzelt in den cursiven Formen, welche zuerst in der Unterschrift des A. Ed. VI von Dh. und einer Anzahl von Zeichen besonders der Version von K. (vgl. S. 7 f.) erscheinen und später in einzelnen Votivinschriften von Mathurā während der Herrschaft der Kuṣana (§ 19 A) sporadisch oder consequent auftreten. Der Grundtypus ist der einer Cursivschrift mit oben durchweg auf dieselbe Höhe und thunlichst auf dieselbe Breite gebrachten Buchstaben, welche, wie die alten MSS. und zahlreiche Eigentümlichkeiten der Zeichen, z. B. die Verbindung der Serifs mit den Enden der Verticalstriche zu Keilen, beweisen, stets mit Feder oder Pinsel und mit Tinte geschrieben wurde. Ihre wesentlichsten Merkmale sind: 1) das Fehlen von Curven am unteren Ende der Verticalstriche von *A*—*Ā*, *ka*, *ra* u. s.

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w., 2) der Gebrauch von Begrenzungsstrichen (Serif) an dem unteren Ende der links herabgehenden Striche von *kha*, *ga* und *śa*, 3) die Teilung des ursprünglichen mittleren Verticalstriches von *ṇa*, sowie der oberen Barre, 4) der Gebrauch der Schleife bei *na* und das Fehlen derselben bei *ta*, 5) die Verwandlung des unteren Teiles von *ma* in einen links angesetzten Knauf oder eine ebenso gestellte kleine Schleife, 6) die Verkürzung des Verticalstriches von *la*, 7) die Drehung des mittleren *i* nach links, der bald die Drehung des mittleren *ī* nach rechts folgt, 8) die Entwicklung von links offenen Curven an dem ursprünglich horizontalen mittleren *u*, 9) der Gebrauch einer nach rechts offenen Curve für mittleres *r*. Während alle die in Tafel IV—VI gegebenen Alphabete diese gemeinsamen Züge oder Weiterbildungen aus denselben aufweisen, zerfallen dieselben nach anderen Eigentümlichkeiten in sieben grössere Gruppen, von denen jede meist mehrere Abarten einschliesst: 1) den epigraphischen nordindischen oder den sogen. Gupta-Typus des 4.—5. Jahrh., der nach HÖRNLE's Ausführungen³ eine östliche und eine westliche Abart hat, von denen die letztere wieder zwei Varietäten zeigt und an dessen westliche Form sich der litterarische Typus des Bower-MS. sowie einiger anderer Stücke aus Kashgar eng anschliesst, 2) den aus dem Gupta-Typus im 6. Jahrh.

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entwickelten spitzwinkligen oder Siddhamātṛkā-Typus mit Keilen (*nailheads*) an den Verticalstrichen der Buchstaben, dessen litterarische Form die Palmblätter von Horiuzi zuerst zeigen, während die epigraphische Form gegen das Ende des 6. Jahrh. in der Mahānāman-Inschrift von Gayā und der Praśasti von Lakhamanḍal auftritt, 3) den Nāgarī-Typus mit seinen lang gezogenen, geschwänzten Formen und langen Deckstrichen, dessen erste sichere Spuren sich in westlichen Inschriften des 7. Jahrh. finden, 4) den Śāradā-Typus, eine nördliche Abart des westlichen Gupta-Typus, die von ca. 800 p. Chr. nachweisbar ist, 5) den östlichen Typus des Proto-Bengālī mit stark gerundeten, cursiven Formen und sphärischen Dreiecken oder Haken an der Spitze der Verticalstriche, der vom 11. Jahrh. an auftritt, 6) den nepalesischen Haken-Typus, der mit den bengalischen nahe verwandt ist und in MSS. vom 11. Jahrh. an erscheint. Im 4.—5. Jahrh. ist die Herrschaft dieser Schriftarten im Norden der Narmadā keineswegs unbeschränkt. Im Westen finden sich bis nach Bijayagaḍh (Bhartpur) hinauf Inschriften, welche teils durchweg, teils sporadisch wesentliche Züge der sonst auf den Süden beschränkten Typen aufweisen (§ 27). Im 6.—7. Jahrh. dagegen hört diese Mischung auf. Nur der »Pfeilspitzentypus« (§ 26 C.), welcher erst spät in Bengalen und Nepal auftritt, bietet noch ein Beispiel der Übertragung eines südlichen Alphabets nach dem Norden.

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Dagegen erscheinen umgekehrt von da an Inschriften mit nördlichen Formen zunächst in den südlichen Küstenländern, westlich in Gujarat⁴ und östlich bis über Madras⁵ hinaus. Von der Mitte des 8. Jahrh. treten dieselben auch im centralen Dekhan auf und dringen im 12.—13. Jahrh. bis nach Vijayanagara in Kāṇara vor (§ 23), ohne jedoch über die nördliche Grenze der dravidischen Districte hinaus je ausschliesslich zur Herrschaft zu gelangen. In den bis jetzt gefundenen alten MSS. aus Kashgar, Japan, Nepal und dem Panjab, die etwa vom 5. Jahrh. an laufen, kommen nur nördliche Formen vor. Die Palmblatt-MSS. des westlichen Indien, die mit dem Ende des 10. Jahrh. beginnen, stimmen mit den Inschriften, indem sie zeigen, dass damals in Rajputana, Gujarat⁶ und dem nördlichen Dekhan bis Devagiri⁷ (Daulatabad) die nördliche Nāgarī-Schrift allgemein gebraucht wurde. Das allmählige Vordringen der nördlichen Formen nach dem Süden wird wahrscheinlich durch die Vorliebe mancher südindischen Fürsten für die Cultur des Nordens und durch Einwanderungen von Brahmanen, Schreiberkasten, buddhistischen und Jaina-Mönchen aus den Districten nördlich vom Ganges zu erklären sein, für welche die Angaben mancher Inschriften, wie auch der geschichtlichen Überlieferung zeugen⁸.

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¹ Herstellung d. Tafeln: — A. Taf. IV, Ausschn. aus Facs. C. I—III = CII, 3, Pl. 1; C. IV = op. cit. Pl. 5; C. V—VI = op. cit. Pl. 9A; C. VII = op. cit. Pl. 9B; C. VIII = Taf. EI, 1, 238; C. IX = CII, 3, Pl. 16; C. X = op. cit. Pl. 22; C. XI—XII = op. cit. Pl. 30 B., 31 AB; C. XIII—IV = op. cit. Pl. 41 A; C. XV—VI = Taf. EI, 1, 10; C. XVII = IA, 9, 172, Nr. 7—9; C. XVIII—XIX = CII, 3, Pl. 28; C. XX = Taf. IA, 18, 234; C. XXI = Taf. IA, 15, 112; C. XXII = Taf. IA, 11, 108; C. XXIII = Taf. IA, 15, 140. — B. Taf. V: C. I = Photolith. e. Abkl. zu EI, 1, 97; die übrigen Col. Ausschn. aus Facs. — C. II = Taf. EI, 1, 160; C. III = EI, 1, 242; C. IV = IA, 6, 65 u. 11, 158; C. V = unpubl. Taf. zu IA, 13, 134; C. VI = IA, 17, 310; C. VII = unpubl. Taf. zu EI, 1, 162; C. VIII = EI, 1, 77; C. IX = EI, 2, 120; C. X = IA, 6, 50; C. XI = IA, 6, 192; C. XII = IA, 18, 11; C. XIII = EI, 1, 234; C. XIV = IA, 16, 205; C. XV = EI, 2, 297; C. XVI = Bhaunagar, Sanskr. and Prakr. Inscr. Pl. 40—41; XVII = IA, 16, 22; C. XVIII = EI, 1, 308; C. XIX = EI, 2, 350; C. XX = IA, 18, 130; C. XXI = IA, 11, 71 u. 337; C. XXII = IA, 16, 254; C. XXIII = EI, 1, 34. — C. Taf. VI: Ausschn. aus Facs. — C. I—IV = Taf. zu HÖRNLE, The Bower MS., Pt. I—II; C. V—VII, IX = An. Ox., Ary. Ser., Pl. 6, C. 1—3; C. VIII = Taf. zu Verh. Wien. Int. Or. Congr., Ar. Sect. 127 ff.; C. X = BENDALL, Cat. Pl. 2, 4 u. Verh. Berlin. Inter. Or. Congr., Ind. Sect. Taf. 2, 1; C. XI = BENDALL, Cat. Pl. 3, 1; C. XII = Verh. Berl. Int. Or. Congr., Ind. Sect. Taf. 2, 2—3; C. XIII BENDALL, Cat. Pl. 1, 3; C. XIV = An. Ox., Ary. Ser. 1, 1, Pl. 4; C. XV—XVII = Photogr. (Leumann’s) von Deccan Coll., Coll. 1880/1, Nr. 57, (7, XV—XVI; 14 u. 16, XV; 18, XV—XVII; 19 u. 23, XV—XVI; 24, XV; 27, XV—XVI; 35, 37 u. 41, XVII erg. a. Leumann's Taf. 35, sowie 7, XVII; 8—10, XV; 12, 14 u. 16, XVI, aus Phot. des Gaṇaratnamahodadhi der R. As. Soc.) — C. XVIII—XIX = Taf. zu Verh. Wien. Int. Or. Congr. 111 ff. Verkleinerung = ¹/₃.

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² CII, 3, 3.

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³ J.ASB, 60, 80 ff. u. IA, 21, 29 ff.

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⁴ Fragmente von Inschr. mit nördl. Characteren dieser Z. aus Valabhī finden sich in den Museen von Bombay u. Rajkot, vgl. auch die königl. Unterschriften auf den Gurjara-Kupft., J.RAS, NS, 1, 247 ff.

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⁵ B.ESIP, 53, u. Pl. 22a; IA, 18, 161 u. 172.

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⁶ KIELHORN, Rep. S. MSS, 1880/1, 1 ff.; PETERSON, 2nd Rep. App. I; 3rd Rep. App. I.

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⁷ J.RAS, 1895, 247.

c7.s1.9

⁸ Vgl. B.ESIP, 20 u. 53 ff.; FLEET in EI, 3, 2.
10) Fleet, CII. 3, 258 ff.

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