Pramāṇa · Search · About · API

Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s2.2

Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c6.s2.2

Language
German

c6.s2.2

Innere Gründe für die Annahme einer Beeinflussung in kosmographischer Beziehung. Der erste Teil dieser Doppelfrage lässt sich nun eigentlich schon durch folgende einfache Überlegung mit grosser Wahrscheinlichkeit in negativem Sinn beantworten. Zum Aufbau eines Weltsystems, mag dieses noch so phantastisch und unrichtig sein, gehört nämlich eine längere Beschäftigung mit Fragen, die diesen Gegenstand speziell betreffen. Mag die Spekulation in diesem System nun eine noch so grosse Rolle spielen, es wird und muss jedenfalls eine Reihe von Punkten enthalten, die auf Erfahrung beruhen. Je zahlreicher diese Punkte der Erfahrung sind, um so begrenzter ist das Feld, das der Spekulation für ihre Betätigung zur Verfügung steht und um so natürlicher und wahrer wird das ganze Bild sein. Sodann beruhen aber auch eine ganze Anzahl von Ideen, die auf den ersten Blick ein reines Produkt der Spekulation zu sein scheinen, wie z. B. jene von den sieben Himmelssphären letzten Endes ebenfalls auf der Erfahrung, nämlich auf der Kenntnis der sieben Planetenbahnen. Sie sind also weiter nichts, als unrichtige Schlussfolgerungen, die die Spekulation aus dieser Erfahrungstatsache gezogen hat. Würden sich die Inder nun ganz selbständig ihr kosmographisches System aufgebaut haben, so müssten sie hierzu eine Reihe von Erfahrungstatsachen gesammelt und sich deswegen längere Zeit hindurch rein theoretisch mit geographischen, astronomischen und ähnlichen Dingen beschäftigt haben, mochte diese Forschung auch mit den primitivsten Mitteln ausgeführt worden sein und auch nur halbrichtige Resultate geliefert haben. Eine derartige theoretische Beschäftigung hätte nun wenigstens einige literarische Niederschläge hinterlassen, mindestens aber in der uns erhaltenen Literatur einen gewissen empirischen Sinn ihrer Verfasser erkennen lassen müssen. Anstatt dessen bezeugen uns die älteren Literaturdenkmale aber nur ein Interesse für rein spekulative weltfremde Ideen und eine Abneigung für historische und reale Dinge. Was wir in ihnen über die Welt, ihre Teile oder ihr Aussehen erfahren, sind grösstenteils aber nur rätselhafte Andeutungen, Anspielungen und Vergleiche in rein spekulativem Zusammenhange, die gesammelt nur ein sehr mangelhaftes und lückenreiches Bild von den einstigen Vorstellungen über den Kosmos ergeben können. Die jüngere Literatur bietet uns dagegen teils ausführliche Traktate, die je nach ihrer Richtung übereinstimmend das Weltbild ausführlich behandeln, teils Andeutungen, die aber zu ihrem Verständnis die genaue Kenntnis des ganzen kosmographischen Systems voraussetzen; es finden sich jedoch nirgendwo Anhaltspunkte, die die Entstehung der einzelnen Ideen, die, wie in dem voraufgehenden Abschnitt ausführlich dargelegt worden ist, das erschlossene ursprünglich einfache Weltbild erweitert und entwickelt haben, irgendwie wirklich motivieren könnten. Wir finden nur Resultate, aber nicht die Lösung für dieselben. Infolgedessen ist schon aus inneren Gründen die Annahme berechtigt, dass die Hauptideen in Indien nicht selbständig entstanden, sondern von aussenher importiert und von den Indern in der ihnen charakteristischen Weise verarbeitet worden sind.