Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s1.t3: B. Die Form des Weltalls
Die Kosmographie der Inder nach den Quellen dargestellt c7.s1.t3
- Language
- German
B. Die Form des Weltalls
c7.s1.t3.1
Die allgemeinsten Aussagen über Form und Gestalt des Weltalls in der vedischen Literatur findet man in Ausdrücken, die die beiden Welthälften Erde und Himmel „die beiden Grossen“ (mahī oder mākī) oder „die beiden Weiten“ (varā) oder „weit ausgedehnt“ (urvī oder urūcī), „schön gestaltet“ (sumeka) oder „rund“ (parimaṇḍala) nennen oder in Vergleichen wie z. B. Rgv. X. 89. 4, wo sie mit den Rädern an den beiden Enden einer Achse, oder Rgv. II. 12. 3 (Atharvav. XX. 34. 8), wo sie mit zwei Steinen verglichen werden, zwischen denen Indra das Feuer [d. i. das Licht] erzeugte (yó áśmanor antár agním jajána) oder endlich Śatapathabr. VIII. 7. 3, 19, wo es heisst: „Die natürlich durchbohrten [Ziegel] sind diese Welten, und diese Welten sind Ruheplatz [d. i. die Erde] und Bewegungsplatz [d. i. der Himmel] (ime vaí lokáḥ svayamātṛṇṇá imá’ u lokáḥ pratiṣṭhá carítram). Deutlicher über die Gestalt der Welt äussern sich Stellen wie Rgv. II. 27. 15, wo Erde und Himmel „die beiden Hälften“ (ubháv-árdhau) genannt oder wie Rgv. X. 44. 8 und Atharvav. XX. 94. 8, wo sie „mit zwei einander zugewandten Schalen“ (samīcīné dhiṣáṇe) oder Rgv. III. 55. 20, wo sie „mit zwei einander zugewandten Becken“ (camvā samīcī) verglichen werden. Noch deutlicher wird die Gestalt des Weltalls beschrieben Śatapathabr. VII. 5. 1, 1, 2. Hier wird die Erde mit dem sich über sie wölbenden Firmament mit einer Schildkröte verglichen, die ja in ihrer äusseren Form einer abgeplatteten Halbkugel ähnelt. Es heisst:
c7.s1.t3.2
„... Diese [Schildkröte] sind diese Welten. Diese untere [d. i. die flachere] Schale derselben ist diese [irdische] Welt, sie ist, sobald sie entstanden war, festgestellt worden; denn diese [Erd-]Welt ist, sobald sie entstanden war, festgestellt worden. Und diese obere [d. i. die gewölbte] Schale derselben ist jener Himmel, sie hat ihre Enden, sobald sie entstanden war, nach unten gebogen; denn jener Himmel hat seine Enden, sobald er entstanden war, nach unten gebogen; und was zwischen den [Schalen] ist, ist der Luftraum“ (. . . sá eṣá imá ’evá lokáḥ, tásya yad ádharam kapālam, ayám sá lokas, tat prátiṣṭhitam iva bhavati, prátiṣṭhita iva hy àyám lokó ’tha yad úttaram sā dyaus, tad vyávagṛhītāntam iva bhavati, vyávagṛhītānteva hi dyaur, átha yád antarā tád antárikṣam).
c7.s1.t3.3
In recht charakteristischer Weise äussert sich über die Welt die knappe aber klare Stelle der Aitareya-Up. 1. 1, 2, die uns die einfache und natürliche Weltanschauung des Verfassers bekundet. Als die vier Welten (loka) werden hier genannt: die Flut, die Lichträume, das Tote und die Wasser.
c7.s1.t3.4
„Jenes ist die Flut jenseits des Himmels. Der Himmel [d. i. das Firmament] ist ihr Boden, die Lichträume sind der Luftraum, das Tote ist die Erde, und was unter ihr ist, das sind die Wasser“ (sa imāml lokān asṛjata ambho marcir maram āpo, ’do ’mbhaḥ pareṇa divam dyauḥ pratiṣṭhā ’ntarikṣam maricayaḥ).
c7.s1.t3.5
Über die direkte Eiform der Welt handeln folgende Stellen:
c7.s1.t3.6
Chāndogya-Up. III. 19. 1: „Diese Welt war zu Anfang nichtseiend; dieses [Nichtseiende] war das Seiende. Dasselbe entstand. Da entwickelte sich ein Ei. Das lag da, so lange wie ein Jahr ist, darauf spaltete es sich; die beiden Eierschalen waren die eine von Silber, die andere von Gold. Die silberne ist die Erde, die goldene der Himmel dort“ (Deussen) (asad evedam agra āsīt, tat sad āsīt, tat samabhavat, tad aṇḍam niravartata, tat samvatsarasya mātrām aśayata, tan nirabhidyata, te aṇḍakapāle rajatam ca suvarṇam cābhavatām; tad yad rajatam seyam pṛthivī yat suvarṇam sā dyaur . . .). Weiterhin geht dann in der Stelle „die Vorstellung“ des Vogeleies in die des Fötus über.
c7.s1.t3.7
Auf die Idee von der Eiform der Welt bezieht sich auch Bṛhadāraṇyaka-Up. III. 3. 2: „. . . Nämlich diese Welt erstreckt sich so weit, wie 32 Tage des Götterwagens [der Sonne] reichen. Diese [Welt] umgibt ringsum die Erde zweimal so weit. Diese Erde umgibt ringsum der Ozean zweimal so weit. Daselbst ist, so breit wie die Schneide eines Schermessers oder wie der Flügel einer Fliege ein Raum zwischen [den beiden Schalen des Welteies] . . .“ (Deussen) (. . . dvātriṃśatam vai devarathānyāny ayaṃ lokas, taṃ samantaṃ pṛthivī dvis tāvat paryeti, tāṃ pṛthivīṃ dvis tāvat samudraḥ paryeti, tad yāvatī kṣurasya dhārā yāvad vā makṣikāyāḥ patraṃ tāvān antareṇākāśaḥ . . .).
c7.s1.t3.8
Schon im Ṛgveda findet sich eine Spur, die auf die Idee einer Weltachse, die Erde und Himmel fest zusammenhält, hinweist.
c7.s1.t3.9
X. 89. 4 heisst es: „Dem Indra will ich Lieder . . . entsenden, der wie mit einer Wagenachse durch seine Kräfte nach beiden Seiten gefestigt hat Himmel und Erde“ (indrāya gīro . . . prérayam . . . yó akṣeṇeva cakriyā śácībhir víṣvak tastámbha pṛthivím utá dyám).
c7.s1.t3.10
In ähnlichem Sinne darf man vielleicht Ṛgv. VIII. 41. 10 auffassen: „. . . Der hat die uranfängliche Gründung gemessen, der mit einer stützenden Säule beide Welthälften als wie der Ungeborene den Himmel hielt . . .“ (. . . sá dháma pūrvyám mame yá skambhéna ví ródasī ajó ná dyám ádhārayan . . .).
c7.s1.t3.11
Die Idee einer Weltachse scheint auch der Stelle Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa IV. 26. 12 zugrunde zu liegen. Dieselbe lautet:
c7.s1.t3.12
„Nur eine Spanne nördlich von dem Plakṣa Prāsravaṇa ist die Mitte der Erde, und wo die sieben Ṛṣi (die Sterne des grossen Bären) sind, dort ist die Mitte des Himmels“ (plakṣasya prāsravaṇasya pradeśamātrād udak tat pṛthivyai madhyam, atha yatraste saptarṣayas tad divo madhyam).
c7.s1.t3.13
Das Weltall ist nach den vier Himmelsrichtungen orientiert¹. Die vier Weltgegenden Welthüter werden von den vier Welthütern beschützt.
c7.s1.t3.14
¹ Über die Weltgegenden s. z. B. Ṛgv. I. 164. 42, V. 47. 4, VII. 35. 8, VIII. 89. 10, IX. 89. 5, X. 19. 3, 51. 9, 58. 4, 128, 1.
c7.s1.t3.15
Atharvav. I. 31. 1 (Taittirīyabr. II. 5. 3. 3, III. 7. 5. 8 und mehrmals in der Sūtraliteratur): „Hier wollen wir dienen mit Opferspende den Aufsehern der Welt, den vier unsterblichen Beschützern der Regionen des Himmels“ (āśānām āśāpālebhyaś catúrbhyo amṛtebhyaḥ idám bhūtásyādhyakṣebhyo vidhéma havīṣā vayám). Atharvav. I. 31. 2: „Die ihr die Beschützer der Himmelsgegenden seid, ihr vier Götter . . .“ (yá āśānām āśāpālāś catvára sthána devaḥ . . .). X. 8. 36: „Einige beschützen all die Himmelsgegenden“ (... viśvā āśāḥ práti rakṣanty éke).
c7.s1.t3.16
Die Namen der Welthüter sind nach Ṣaḍviṃśabr. IV. 4 Agni (Osten), Yama (Süden), Varuṇa (Westen) und Soma (Norden). Nach Śatapathabr. III. 1. 1. 6 werden die Weltgegenden verschiedenen Wesenklassen zugewiesen, und zwar der Osten den Göttern, der Süden den Vätern, der Westen den Schlangen und der Norden den Menschen. In demselben Sinne äussert sich Śatapathabr. III. 6. 4. 12.
c7.s1.t3.17
Dass in alter Zeit schon die Vorstellung von mehreren Weltaltern bestand hat, geht hervor aus Rgv. X. 97. 1 (Vājasaneyi-Saṃh. XII. 75; Kāṭhaka-Saṃh. XIII. 16; Śatapathabr. VII. 2. 4. 26):
c7.s1.t3.18
„Von den Kräutern, die zuerst von den Göttern hergekommen vor den drei Menschen[welt]altern, will ich unter den Babhrus gedenken der hundertundsieben Kräfte“ (yá óṣadhīḥ pūrvā jātā devébhyas triyuyám purá, mánai nú babhrūṇām ahám śatám dhāmāni saptá ca).
c7.s1.t3.19
Himmel und Erde enthalten das Universum. Sie bilden den Mutterleib, von dem was existiert und nicht existiert, beides wird in ihnen geboren.
c7.s1.t3.20
Śatapathabr. III. 1. 3. 26: „Von Himmel und Erde, mit diesen Worten ergreift er es von diesen beiden, Himmel und Erde, auf welchen dieses ganze Universum beruht“ (dyávāpṛthivībhyām íti tád ābhyāṃ dyávāpṛthivībhyām árabhate yáyor idám sárvam ádhi...). XIV. 2. 2. 23: „Verehrung dem Himmel und der Erde, mit diesen Worten leistet er Busse Himmel und Erde, auf welchen dieses ganze Universum beruht“ (námo dyávāpṛthivībhyām íti tád ābhyāṃ dyávāpṛthivībhyām níhnute yáyor idám sárvam ádhi) und endlich VII. 4. 1. 14: „Der Mutterleib von dem, was existiert und nicht existiert, sind diese Welten; von den Welten wird geboren, was existiert und nicht existiert“ (lokás satáś ca yónir ásataś ca, yác ca hy ásti yác ca na, tád ebhyá evá lokébhyo jāyate).
c7.s1.t3.21
Über den kosmologischen Prozess der Weltschöpfung handeln wiederholt die vedischen Schriften. Einige Stellen, die sich mit derselben beschäftigen, mögen hier angeführt werden, ohne aber den ganzen Gegenstand zu erschöpfen, da ihre vollständige Behandlung über den Rahmen unserer Darstellung hinausgehen würde. Sie zeigen aber schon die ersten und noch unsicheren Anfänge philosophischer Spekulation, das Bestreben, die Weltursache zu finden und zu dem letzten Grunde alles Seins vorzudringen.
c7.s1.t3.22
Rgv. X. 72. 3, 4: „In der Götter erstem Geschlechte ward geboren aus dem Nichtseienden das Seiende, dem nach [nach dem Seienden] entstanden die Weltgegenden, aus der Uttānapad [? Kuh] dies. Die Erde entstand aus der Uttānapad, aus der Erde entstanden die Weltgegenden, aus Aditi Dakṣa, andererseits aus Dakṣa Aditi“ (devānāṃ yugé prathamé 'sataḥ sád ajāyata, tád āśā ánu ajāyanta tád uttānápadas pári. bhúr jajña uttānápado bhuvá āśā ajāyanta, áditer dákṣo ajāyata dákṣād v áditiḥ pári). Rgv. X. 149. 1: „Wo fest hingestellt der Ozean überquoll, das weiss Savitṛ, o Kind der Wasser, von da aus erhob sich die Welt, von da entstand der Raum, Himmel und Erde haben von da sich ausgebreitet“ (yátrā samudrá skabhító vy aúnad ápāṃ napāt savitá tasya veda, áto bhúr áta ā útthitam rájó 'to dyávāpṛthiví aprathetām).
c7.s1.t3.23
Auf die Trennung von Erde und Himmel, die man sich jedenfalls vor der Schöpfung wie im Zeugungsakt verbunden und aufeinanderliegend vorstellte, bezieht sich Atharvav. IX. 5. 20:
c7.s1.t3.24
„Dieses Ungeborene trennte sich von einander im Anfang. Seine Brust war diese Erde,
c7.s1.t3.25
sein Rücken war der Himmel, seine Mitte war der Luftraum, seine Seiten die Weltgegenden, die Höhlen von seinem Körper bildeten die beiden Ozeane“ (ajó vā idám ágre vyàkramata tásyóra iyám abhavad dyaúḥ pṛṣṭhám antárikṣam mádhyaṃ díśaḥ pārśvé samudraú kukṣí).
c7.s1.t3.26
Von einer tätigen Beihülfe innerweltlicher Wesen bei diesem Prozess handelt Śatapathabr. VIII. 4. 3. 16:
c7.s1.t3.27
„Himmel und Erde gingen auseinander [bei der Schöpfung] — die Vasu, Rudra und Āditya trennten sie voneinander“ (dyāvāpṛthivī ’átra vyaltāṃ, vásavo rudrā ādityá anu-vyàyan).
Linked texts (11)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit
- Śatapathabrāhmaṇa — Yājñavalkya & Śāṇḍilya (Vedic teacher), Sanskrit
- Atharvavedasaṃhitā — Atharvan & Aṅgiras, Sanskrit
- Taittirīyabrāhmaṇa — Sanskrit
- Jaiminīyopaniṣadbrāhmaṇa — Sanskrit
- Kāṭhakasaṃhitā — Sanskrit
- Chāndogyopaniṣad — Sanskrit
- Aitareyopaniṣad — Mahidāsa Aitareya, Sanskrit
- Bṛhadāraṇyakopaniṣad — Sanskrit
- Vājasaneyisaṃhitā — Sanskrit
- Ṣaḍviṃśabrāhmaṇa — Sanskrit