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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.3

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.3

Language
German

c4.3

Wir haben bis jetzt von der Beschaffenheit der einzelnen Sylben, von dem Geordnetsein oder dem Nicht-Geordnetsein der Reihe und ihrer Theile nur insofern gesprochen, als es sich dabei um die quantitative Bestimmtheit der Sylben handelt. Wenden wir uns aber von der Betrachtung der Längen und Kürzen zu derjenigen der Hebungen und Senkungen¹, so entfernen wir uns damit von dem Gegebenen um einen bedeutenden Schritt. So ausreichend uns die Tradition im Ganzen wenigstens in den Stand setzt zu sagen, wo im Veda eine Länge und wo eine Kürze steht, so vollständig lässt sie uns beim Suchen nach den Hebungen der vedischen Verse im Stich. Freilich so lange es sich allein um den Ausgang jener Verse handelt, wird diese Lücke der Ueberlieferung sich einfach genug ausfüllen lassen. Nicht leicht wird bezweifelt werden, dass der im Versausgang regelmässig auftretende Wechsel von Längen und Kürzen zugleich ein Wechsel gehobener und gesenkter Tacttheile ist. Schwieriger ist die Beurtheilung des Eingangs der Reihe resp. bei den elfsylbigen und zwölfsylbigen Reihen ihrer Mitte. Liegt auch hier ein ebenso gleichbleibender — etwa derselbe jambische oder trochäische — Rhythmus vor wie im Ausgang, nur mit dem Unterschied, dass derselbe hier gegen die sprachliche Materie sich gleichgültiger verhält, d. h. dass die Hebungen und Senkungen unterschiedslos, oder doch unterschiedsloser als im Ausgang, jede Sylbe zu ihrem Sitz wählen können? Oder verräth die im Anfang der Reihe herrschende grössere Freiheit und Mannichfaltigkeit in der Setzung der Längen und Kürzen auch eine entsprechende grössere Freiheit und Mannichfaltigkeit in der Vertheilung der rhythmischen Icten? Wir haben, um dies zu entscheiden, keinen andern Weg, als dass wir in den Neigungen und Abneigungen der Vedendichter in Bezug auf die verschiedenen möglichen Combinationen der Kürzen und Längen die Spuren des Rhythmus zu entdecken suchen, welcher, wie wir erwarten dürfen, bei der Wahl jener Combination als das entscheidende Agens sich bethätigt. Wir glauben dabei, wie die späteren Darlegungen es durchführen müssen, zu verständlichen Resultaten zu gelangen — verständlich wenigstens, wenn man die Verständlichkeit nicht nach unzulässigen Maassstäben wie denen der griechischen Rhythmik bemisst —, wenn wir in solchen Längen, statt deren nicht ebenso gut Kürzen zugelassen werden, Sitze des Ictus vermuthen, Kürzen dagegen oder Längen, welche mit Kürzen vertauschbar sind, für Senkungen ansehen. Künstlichkeiten, wie z. B. dactylische Anapästen mit der Messung ◡◡-, haben wir keinerlei Veranlassung in der vedischen Metrik anzunehmen; es fehlt hier an allen Erscheinungen, welche für dieselben eine homogene Umgebung bilden würden, und es fehlt an allen Spuren, die einem unbefangenen Denken ihre Existenz verriethen. Dass vor einer Pause auch die Kürze als zum Tragen des Ictus befähigt anzusehen ist, bedarf kaum einer Bemerkung; eingehender wird uns die Erscheinung beschäftigen müssen, dass hier und da die vedischen Dichter, nachlässig oder von einem nicht vollkommen scharfen Gefühl der Quantitätsunterschiede beherrscht, sich an einer Stelle, die den Ictus trägt, ausnahmsweise mit einer Kürze statt der gesetzmässigen Länge begnügt haben (z. B. so, dass dadhishe oder vasavaḥ am Ende der Jagatî-Reihe steht): Ausnahmen, von denen man zugeben wird, dass sie die allem Anschein nach vorhandene Regel, dass die Hebung eine Länge erfordert, nicht aufheben.

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