Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4: Erstes Capitel. Die Metrik des Rigveda
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4
- Language
- German
Contents
- c4.8 — 4 parts
- c4.s1 I. Der achtsylbige Pâda und die aus ihm gebildeten Metra Gâyatrî, Anushṭubh und Paṅkti — 88 parts
- c4.s2 II. Der elfsylbige und zwölfsylbige Pàda. Die Metra Triṣṭubh und Jagatî — 24 parts
- c4.s3 III. Der fünfsylbige Pâda und das Metrum Dvipadâ Virâj — 19 parts
- c4.s4 IV. Combinationen verschiedenartiger Pâdas innerhalb desselben Verses — 3 parts
- c4.s5 V. Strophenbildung und Mischhymnen — 85 parts
- c4.s6 VI. Lieder in verschiedenen Versmaassen — 53 parts
- c4.s7 VII. Lieder aus unregelmässig gebauten Versen — 33 parts
- c4.s8 Anhang. Vocale mit zweisylbiger Geltung — 161 parts
Erstes Capitel. Die Metrik des Rigveda
c4.2
Die vedischen Verse sind aus Reihen von acht, elf oder zwölf Sylben gebildet, neben welchen in seltenerer Verwendung eine fünfsylbige Reihe steht. Diese Reihen (Pâdas) sind die Einheiten, mit denen es die altindische Metrik zu thun hat; innerhalb derselben zeigt die Bemessung und Vertheilung der zu gestaltenden metrischen Materie, der langen und kurzen Sylben, nicht oder doch nicht durchweg jene scharfe und feste Ausprägung, die ein Zurückgehen auf kleinere Einheiten, auf Füsse wie in der griechischen Metrik, möglich machen würde. Nur der Schluss des Pâda weist eine feste oder doch vergleichsweise feste Regelung des Wechsels von Längen und Kürzen auf. Es sind die letzten vier oder fünf Sylben der Reihe, die in dieser Weise an eine Regel gebunden sind, und zwar so, dass Längen und Kürzen abwechseln. Der fünfsylbigen Reihe allein mangelt, wie dies bei ihrem geringen Umfang natürlich ist, der Gegensatz eines nicht geordneten Eingangs und eines geordneten Ausgangs; sie ist in ihrer ganzen Ausdehnung als verhältnissmässig fest bestimmt anzusehen. Die Scheidung des geordneten und des nicht geordneten Theils, sodann bei den elf- und zwölfsylbigen Reihen die Cäsur, ergeben die einzigen Eintheilungen der Reihe, mit welchen unsere Untersuchung operiren kann, da, wie wir erwähnten und später zu begründen haben werden, der Begriff des Fusses im Sinne der antiken Metrik hier nicht anwendbar ist.
c4.3
Wir haben bis jetzt von der Beschaffenheit der einzelnen Sylben, von dem Geordnetsein oder dem Nicht-Geordnetsein der Reihe und ihrer Theile nur insofern gesprochen, als es sich dabei um die quantitative Bestimmtheit der Sylben handelt. Wenden wir uns aber von der Betrachtung der Längen und Kürzen zu derjenigen der Hebungen und Senkungen¹, so entfernen wir uns damit von dem Gegebenen um einen bedeutenden Schritt. So ausreichend uns die Tradition im Ganzen wenigstens in den Stand setzt zu sagen, wo im Veda eine Länge und wo eine Kürze steht, so vollständig lässt sie uns beim Suchen nach den Hebungen der vedischen Verse im Stich. Freilich so lange es sich allein um den Ausgang jener Verse handelt, wird diese Lücke der Ueberlieferung sich einfach genug ausfüllen lassen. Nicht leicht wird bezweifelt werden, dass der im Versausgang regelmässig auftretende Wechsel von Längen und Kürzen zugleich ein Wechsel gehobener und gesenkter Tacttheile ist. Schwieriger ist die Beurtheilung des Eingangs der Reihe resp. bei den elfsylbigen und zwölfsylbigen Reihen ihrer Mitte. Liegt auch hier ein ebenso gleichbleibender — etwa derselbe jambische oder trochäische — Rhythmus vor wie im Ausgang, nur mit dem Unterschied, dass derselbe hier gegen die sprachliche Materie sich gleichgültiger verhält, d. h. dass die Hebungen und Senkungen unterschiedslos, oder doch unterschiedsloser als im Ausgang, jede Sylbe zu ihrem Sitz wählen können? Oder verräth die im Anfang der Reihe herrschende grössere Freiheit und Mannichfaltigkeit in der Setzung der Längen und Kürzen auch eine entsprechende grössere Freiheit und Mannichfaltigkeit in der Vertheilung der rhythmischen Icten? Wir haben, um dies zu entscheiden, keinen andern Weg, als dass wir in den Neigungen und Abneigungen der Vedendichter in Bezug auf die verschiedenen möglichen Combinationen der Kürzen und Längen die Spuren des Rhythmus zu entdecken suchen, welcher, wie wir erwarten dürfen, bei der Wahl jener Combination als das entscheidende Agens sich bethätigt. Wir glauben dabei, wie die späteren Darlegungen es durchführen müssen, zu verständlichen Resultaten zu gelangen — verständlich wenigstens, wenn man die Verständlichkeit nicht nach unzulässigen Maassstäben wie denen der griechischen Rhythmik bemisst —, wenn wir in solchen Längen, statt deren nicht ebenso gut Kürzen zugelassen werden, Sitze des Ictus vermuthen, Kürzen dagegen oder Längen, welche mit Kürzen vertauschbar sind, für Senkungen ansehen. Künstlichkeiten, wie z. B. dactylische Anapästen mit der Messung ◡◡-, haben wir keinerlei Veranlassung in der vedischen Metrik anzunehmen; es fehlt hier an allen Erscheinungen, welche für dieselben eine homogene Umgebung bilden würden, und es fehlt an allen Spuren, die einem unbefangenen Denken ihre Existenz verriethen. Dass vor einer Pause auch die Kürze als zum Tragen des Ictus befähigt anzusehen ist, bedarf kaum einer Bemerkung; eingehender wird uns die Erscheinung beschäftigen müssen, dass hier und da die vedischen Dichter, nachlässig oder von einem nicht vollkommen scharfen Gefühl der Quantitätsunterschiede beherrscht, sich an einer Stelle, die den Ictus trägt, ausnahmsweise mit einer Kürze statt der gesetzmässigen Länge begnügt haben (z. B. so, dass dadhishe oder vasavaḥ am Ende der Jagatî-Reihe steht): Ausnahmen, von denen man zugeben wird, dass sie die allem Anschein nach vorhandene Regel, dass die Hebung eine Länge erfordert, nicht aufheben.
c4.4
¹ R. Kühnau (die Trishtubh-Jagati-Familie, Göttingen 1886) hat das Verdienst, die bezüglichen Fragen mit besonderer Energie angeregt zu haben, wenn man auch seinen Versuch, sie zu lösen, schwerlich für gelungen halten kann.
c4.5
Suchen wir von diesen durch die Betrachtung der verschiedenen Metra im Einzelnen zu begründenden Auffassungen aus die oben hingestellte Alternative zur Entscheidung zu bringen, so wird sich finden, dass der ersten Seite derselben eine gewisse Wahrheit in der That zukommt: die Intensität, mit welcher ein bestimmter Rhythmus auch eine durchaus bestimmte Gestalt der metrischen Materie verlangt, ist allerdings in gewisser Beziehung im Eingang der Reihe geringer als im Ausgang. Aber daneben und sogar weitaus den Vorrang behauptend nimmt auch die andere Alternative ihren Geltungsbereich in Anspruch; eine Reihe wichtiger Erscheinungen im prosodischen Bau der Vedaverse weisen deutlich auf eine weitgehende Wandelbarkeit der rhythmischen Beschaffenheit hin, welche dem Reiheneingang und der Mitte im Gegensatz zum Ausgang zugeschrieben werden muss¹).
c4.6
¹ Trifft diese später zu begründende Auffassung von der Flüssigkeit, welche der rhythmischen Natur des Pâda-Eingangs und seiner Mitte zukommt, das Richtige, so ist es klar, welchen Bedenken und Einschränkungen die Benutzung der nachvedischen Gestalt der Versmaasse für die rhythmische Erklärung ihrer vedischen Form unterliegt. Wo man unter zahlreichen neben einander stehenden Möglichkeiten der vedischen Periode eine — vielleicht eine im Veda noch zurücktretende — in späterer Zeit zur Alleinherrschaft gelangen sieht, darf man sich darum noch nicht für berechtigt halten, das rhythmische Wesen dieses Typus in die übrigen parallelen Typen des Veda hineinzuinterpretiren.
c4.7
Das bisher Gesagte bezieht sich allein auf den Bau des einzelnen Pâda. Die Pâdas aber schliessen sich stets — in der Regel zu drei oder vier unter einander meist gleichen Pâdas — zusammen und bilden Verse (ṛicas); die Verse vereinigen sich bisweilen zu grösseren Einheiten. In der älteren Zeit erfolgt die Versbildung durchaus so, dass derselbe Pâda, wenn er innerhalb des Verses wiederkehrt, stets dieselbe Form, oder genauer ausgedrückt ununterschieden jede beliebige seiner als gleichwerthig betrachteten Formen zeigt; erst am Ende der Rigveda-Periode entwickelt sich eine Differenzirung von Formen, welche je nach ihrer Verschiedenheit demselben Pâda an verschiedenen Stellen des Verses zukommen.
c4.8.1
In welcher Richtung die Vorgeschichte verlaufen sein muss, die den im Allgemeinen soeben beschriebenen vedischen Zustand der Versmaasse mit ihrer eigenthümlichen Mischung von Bestimmtheit und Unbestimmtheit hervorgebracht hat, ist eine Frage, deren Beantwortung nicht vollkommen aussichtslos scheint. Man hat hier vor Allem die Spuren, auf welche die Betrachtung der Avesta-Literatur führt, zu verfolgen. Niemand kann die Poesie des Avesta mit der indischen nach ihrem Inhalt, ihrer Ausdrucksweise, ihrer ganzen Färbung vergleichen, ohne durch Uebereinstimmungen in Details, die sich auf Schritt und Tritt aufdrängen, zu der Ansicht geführt zu werden, dass die beiden Literaturen nicht allein auf die einstige Gemeinsamkeit beider Völker und Religionen, sondern auch auf die Gemeinsamkeit einer indoiranischen, in festen Formen entwickelten religiösen Poesie hinweisen. Mag man die Versuche¹), einen Gemeinbesitz metrischer Formen in die ferne Nebelwelt der indogermanischen Vorzeit zurückzuverfolgen, als Thaten berechtigter wissenschaftlicher Kühnheit oder aussichtsloser Verwegenheit beurtheilen: die Frage nach dem Aussehen der indoiranischen Poesie liegt unbedingt innerhalb der Grenzen, bis zu welchen die Untersuchung gehen darf und muss.
c4.8.2
Längst ist denn auch, insonderheit von Seiten der Avestaforschung²), der Zusammenhang von Versmaassen des Avesta mit den wichtigsten Grundformen der vedischen Metrik erkannt und hervorgehoben worden: die achtsylbige Reihe in drei-, vier- oder fünffacher Wiederholung zu Versen verbunden, vergleicht sich der Gâyatrî, Anushṭubh und Paṅkti des Veda; die viermal gesetzte elfsylbige Reihe mit der Cäsur nach der vierten Sylbe entspricht der Trishṭubh. So ist die fest bestimmte Sylbenzahl der Reihen, die Cäsur, die strophische Verbindung der Reihen zu Versen, worin die Uebereinstimmung von Veda und Avesta sich beweist. In Bezug auf den metrischen und rhythmischen Bau der einzelnen Reihen fehlt zu einer weiter durchgeführten Vergleichung der Boden: im Avesta werden bekanntlich die Sylben der Verszeile einfach gezählt, ohne dass der Wechsel von Längen und Kürzen gesetzmässig geregelt wäre, und damit entgeht uns zugleich jeder directe Anhalt, um den Rhythmus, welcher auch den avestischen Versen kaum schlechthin gefehlt haben kann, zu erkennen. Bleiben wir aber zunächst rein bei der Sylbenzahl und Quantität, so legen die angeführten Thatsachen, wie dem Scharfblick Westphal’s nicht entgangen ist, die Annahme ausserordentlich nahe, dass die metrische Kunst der indoiranischen Zeit eben den Standpunkt einnahm, welchen das Avesta bewahrt hat, den der einfachen Nebeneinanderstellung einer festgesetzten Zahl von Sylben mit indifferenter Quantität.
c4.8.3
In der That würde, wie mir scheint, auch ohne ihr iranisches Gegenbild die Metrik des Veda auf eben diesen Standpunkt als auf einen überwundenen, der Vergangenheit angehörigen zurückweisen. Wenn man beispielsweise die Metrik der Trishṭubh und Jagatî in ihrer geschichtlichen Entwicklung verfolgt, so sieht man, wie gleichsam vor den Augen des Forschers, der von der ältesten Zeit ausgehend immer jüngere Perioden betrachtet, die prosodische Bestimmtheit, zuerst auf ein begrenztes Gebiet der Verszeile eingeschränkt, immer weiter greift und immer intensivere Geltung gewinnt: so dass wir, wenn wir dieselbe Tendenz auch in der vorvedischen Zeit wirkend denken, als Ausgangspunkt der Entwicklung eben den im Avesta thatsächlich erhaltenen Zustand anzunehmen haben. Prüfen wir ferner die Metrik der Gâyatrî, so zeigt uns hier der Veda selbst zwei in verschiedenen Richtungen entwickelte Formen offenbar eines und desselben zu Grunde liegenden Verses: zwei Formen, welche erst an dem durch das Avesta bezeichneten Punkt der prosodischen Indifferenz zusammentreffen. Dem Rhythmus allerdings der indoiranischen Verskunst werden wir, wenn das hier Gesagte richtig ist, eine sehr ausgeprägte Geltung, einen sehr unwandelbaren Character nicht zuschreiben dürfen. Schwerlich würde, hätte er diese Eigenschaften besessen, im Verseingang des Veda die rhythmische Variabilität, die wir dort beobachten, sich entwickelt haben;
c4.8.4
schwerlich würde auch der Versausgang, wie wir es bei der Gâyatrî zu finden glauben, einer doppelten rhythmischen Entwicklung nach zwei entgegengesetzten Seiten hin fähig gewesen sein. Sylbenzahl und Cäsur waren, scheint es, die einzigen zu voller Festigkeit gelangten Bestimmungen in dem Bau dieser von rhythmischer Belebung wohl nur unvollkommen durchdrungenen Reihen. Aber die Lücken und die Unsicherheit der Kenntniss, über welche wir an dieser Stelle schwerlich je hinauskommen werden, stellt doch die Grundthatsachen des Zusammenhangs indischer und iranischer Verskunst nicht in Frage. Und so weist die vedische Metrik, wie sie die Grundlage aller jüngeren Metrik der Inder abgegeben hat, selbst wiederum in die weiten Zeiträume einer unserer directen Kenntniss entzogenen Vergangenheit zurück, während derer verschollene Generationen indischer, und dann weiter zurück indoiranischer Ṛishis in denselben uralten Maassen der achtsylbigen und der elfsylbigen Zeile die göttliche Herrlichkeit der Asuren und die Kelterungen des in den Bergen wachsenden Soma besungen haben.
c4.9
¹ Es sei vor Allem an den von Usener feinsinnig unternommenen erinnert.
c4.10
² Siehe z. B. Geldner, Metrik des jüngeren Avesta, S. VII, XIV.
I. Der achtsylbige Pâda und die aus ihm gebildeten Metra Gâyatrî, Anushṭubh und Paṅkti
c4.s1.2
Der einfachste unter den häufiger verwandten Pâdas ist der achtsylbige; bei ihm wird nicht, wie beim elf- und zwölfsylbigen, durch eine Cäsur mannichfaltigere innere Gliederung und eine Mehrheit neben einander stehender äquivalenter Formen herbeigeführt. Für unsere Untersuchung zerlegt sich der achtsylbige Pâda naturgemäss in zwei viersylbige Hälften, die erste in geringerem, die zweite in höherem Maasse metrisch bestimmt.
c4.s1.3
Wir beginnen mit der zweiten Hälfte. Für diese gilt jambische Messung als Regel; die beiden Kürzen werden wir als Senkungen, die Längen als Hebungen anzusehen berechtigt sein (◡ ◡ ◡́; die letzte Sylbe des Pâda ist hier und überall in der vedischen Metrik anceps); z. B.
c4.s1.4
¯ ◡ ¯ ◡ ◡ ¯
agnim îḷe purohitam
¯ ¯ ◡ ¯ ◡ ◡ ¯
yajñasya devam ṛtvijam
¯ ¯ ◡ ¯ ◡ ◡ ¯
hotâram ratnadhâtamam.
c4.s1.5
Wie gross die Häufigkeit ist, durch welche die bezeichnete Regel der jambischen Messung sich als solche bewährt, stellen wir am besten in Verbindung mit der Beschreibung und Statistik der Ausnahmen fest. Wir verzeichnen für einige grössere Reihen von Gâyatrî-Hymnen die Zahl derselben je nach den verschiedenen metrischen Gestalten, welche die vier letzten Sylben statt der jambischen annehmen; es empfiehlt sich dabei zu berücksichtigen, in welchem Pâda des Gâyatrî-Verses die betreffende Abweichung auftritt. Verse, deren Bau in tiefer greifender Weise von dem gewöhnlichen Typus abweicht, sind ausgeschlossen worden, da es sich vorläufig nur darum handelt, von den Varietäten, die als innerhalb des Kreises der regulären Gâyatrî liegend angesehen werden können, Anschauung zu gewinnen. Die Abschnitte, auf welche sich unsere Zusammenstellung bezieht, sind die folgenden:
c4.s1.6
I, 1-9 (270 Pâdas). 12-23 (ausser 22, 11; 23, 19-24); (408 Pâdas). 37; 38 (ausser 2. 7-9); 41 (ausser 7-9); 42; 43, 1-6 (147 Pâdas).
c4.s1.7
VI, 16, 1-24. 28-45; 45; 53 (ausser Vers 8); 54-57 (338 Pâdas).
c4.s1.8
VII, 15; 31, 1-9; 66, 1-9; 89, 1-4; 94, 1-11 (144 Pâdas).
c4.s1.9
VIII, 5, 1-35; 6; 7 (ausser 30 und 32-35); 11, 1-9; 14; 17, 1-13; 32; 38; 43-45; 64-65; 67; 72-73; 75-76; 82-85; 93-94 (ausser 94, 2); 102 (1521 Pâdas).
c4.s1.10
IX, 1-67 (ausser 5; 62, 4-6; 66, 16-18; 67, 30-32); (1767 Pâdas).
c4.s1.11
Es fanden sich nun folgende Ergebnisse¹ (siehe umstehende Tabelle):
c4.s1.12
¹ Hier und da ist ein zweifelhafter oder defecter Pâda fortgelassen worden; lange Vocale zweisylbiger Messung (s. u.), wie das â des Gen. plur., sind gleich zwei Kürzen gerechnet worden.
c4.s1.13
Einige Fälle, in denen eine andere Wortgestalt, als die Ueberlieferung sie bietet, angenommen und dadurch die reguläre metrische Form hergestellt werden muss (wie mṛiḷ
c4.s1.14
| Metrum | Erster Pāda | | | | | Zweiter Pāda | | | | | Dritter Pāda | | | |
| | I, 1 fg. | 37 fg. | VI. | VII. | VIII. | IX. | I, 1 fg. | 12 fg. | 37 fg. | VI. | VII. | VIII. | IX. | I, 1 fg. | 12 fg. | 37 fg. | VI. | VII. | VIII. | IX. |
| ◡◡◡ | 4 | 9 | 6 | 2 | 6 | 15 | 9¹) | 2 | — | 1 | 2 | 2 | 8¹) | 4 | — | 1 | 1 | 4 | 2 | 7 | 3¹) |
| ◡◡— | 6 | 1 | — | — | 1 | 3 | — | — | 1 | — | — | 1 | 1 | — | — | — | — | — | — | 2 | — |
| —◡◡ | — | — | — | — | — | 4 | 3 | 1 | — | — | — | — | 1 | — | — | — | — | — | — | 1 | 2 |
| —◡— | — | — | 1 | — | — | 1 | 1 | — | — | — | — | — | — | — | 1 | — | — | — | — | — | — |
| ◡—◡ | 2 | — | — | — | 2 | 6 | 2 | 1 | — | — | — | — | 1 | — | 2 | — | — | 1 | — | 2 | 1 |
| ◡—— | — | — | — | — | — | 3 | 1 | — | — | — | — | — | 1 | — | 2 | — | — | — | — | — | — |
| ——— | — | — | 3 | 1 | — | 2 | 4 | — | — | 2 | 2 | — | 3 | 1 | — | 1 | 1 | — | — | 2 | 3²) |
c4.s1.15
¹ Ein Fall ist zweimal wiederholt.
c4.s1.16
² Ein Fall ist fünfmal wiederholt.
c4.s1.17
statt mṛl), sind von vorn herein ausser Betracht gelassen worden. In andern Fällen wird man über die anzunehmende Wortform zweifelhaft sein; wir werden uns mit diesen Fragen weiter unten beschäftigen. Im Ganzen wird jede besonnene Forschung sehr zurückhaltend damit sein, die vedische Sprache zur Beseitigung der irregulären Quantitäten in den Versen mit entsprechend veränderten Wortformen auszustatten. Wollte man für jedes Wort, das gelegentlich einmal das metrische Schema verletzt, der Sprache eine Nebenform aufdrängen, so wäre kein Ende zu finden. Freilich wird es hier nicht überflüssig sein, zwischen der vedischen Sprache und der vedischen Recitation einen Unterschied zu machen. Denn so gut es heutzutage etwas anderes ist, ob wir bewilligetest, entsetzlichere in der Weise der natürlichen Sprache, oder ob wir diese Worte am Schluss von minder gelungenen Pentametern Platen’s aussprechen, so gut, und in noch höherem Grade, sind wir berechtigt, den vedischen Poeten ein Pressen und Ausweiten des sprachlichen Materials zuzutrauen. Die obige Tabelle zeigt, dass etwa die Hälfte sämtlicher Abweichungen den Typus ◡◡◡¯ zeigen, dass also die drittletzte Sylbe eine Kürze statt der Länge ist, z. B. babhave nu svatavase kratvâ dakshasya rathiam martasya devi avasaḥ asuryâya pramahasâ yad adya sûra’ udite.
c4.s1.18
Es ist nicht schwer, eine Weise der Recitation zu denken, bei welcher der Ictus in solchen Reihen seine gewohnte Stelle behielt; leicht konnten, sei es durch Dehnung des Vocals oder durch Dehnung des auf ihn folgenden Consonanten, die drittletzten Sylben dieser Pâdas der Geltung von Längen so weit angenähert werden, dass der Versausgang vom Ohre als ein jambischer wohl hinzunehmen war¹).
c4.s1.19
¹ Wie bereits angedeutet wurde, sind die Grenzen zwischen den Worten, die man sporadisch oder häufiger als das Metrum ausfüllend gelten liess, und denen, welche demselben nur scheinbar widerstreiten und es vielmehr — in einer andern als der überlieferten Wortgestalt — thatsächlich ausfüllen, keineswegs überall mit Sicherheit zu ziehen. Wir verweisen auf die unten bei der Textgeschichte zu gebende Erörterung des zweiten Falls, die sich mit der uns hier beschäftigenden des ersten natürlich vielfach berührt. Innerhalb der ersten Kategorie betrifft ein besonders häufiger, vielleicht der häufigste Fall die Form avase (resp. avasas und Aehnl.); ich zähle nicht weniger als 28 Stellen, an welchen avase am Schluss einer Gâyatrî- oder Jagatîreihe, also die erste Sylbe eine Länge vertretend, erscheint (im Uebrigen steht avase 70 mal unmittelbar hinter der Cäsur der Jagatî- bezw. Trishṭubhreihe, 10 mal in sonstiger prosodisch indifferenter Stellung): ein eclatantes Beispiel dafür, wie die Duldung einer dem Metrum nicht vollauf genug thuenden Form bis zu entschiedener Vorliebe
c4.s1.20
Dass man dergleichen doch als einen Nothbehelf empfand, welcher mit der strengen Beobachtung der Norm keineswegs ganz auf einer Linie stand, scheint sich mir in dem Factum zu verrathen, dass nach Ausweis der oben gegebenen Zahlenzusammenstellungen das Metrum ◡◡◡◡ — ganz ebenso wie im Durchschnitt auch die übrigen von der Norm sich entfernenden Messungen — im ersten Pâda der Gâyatrî etwa ebenso häufig erscheint, wie im zweiten und dritten Pâda zusammengenommen. Wir können uns dies kaum anders deuten, als dass eine durch den Vortrag nicht vollkommen verdeckte Abweichung von dem rein jambischen Metrum doch gefühlt wurde, welche im Eingang des Verses erträglicher schien, als in seinem Fortgang und Abschluss. Mehrere übrigens der andern statt der Jamben erscheinenden
c4.s1.21
gehen konnte. Dass doch etwaige Versuche, der Form avase auf irgend einem Wege geradezu die Messung ◡◡ — zu vindiciren, übel angebracht wären, zeigt sich sehr deutlich an dem Gebrauch des zugehörigen Nom. Acc. avas, welcher, abgesehen von prosodisch indifferenten Stellen, 6 mal am Ende der Gâyatrî, 3 mal am Ende der Jagatî, 4 mal als vorletztes Wort von Gây. und Jag. vor zweisylbigem Schlusswort, 1 mal ebenso in Trishtubh vor einsylbigem Schlusswort erscheint: also an allen 14 Stellen mit kurzer Messung der ersten Sylbe. Dass mithin der Verwendung von avase am Ende der Gâyatrî keineswegs ein ähnlicher Gebrauch von avas am Ende der Trishtubh entspricht, lässt über die Natur jener Anomalie keinen Zweifel übrig. — Es ist kaum zu viel gesagt, dass es in häufigeren Worten keine Kürze giebt — sofern natürlich ihre Umgebung zu den umgebenden Stellen des metrischen Schemas passt —, die nicht gelegentlich an drittletzter Stelle des achtsylbigen Pâda statt der Länge gebraucht würde. Besonders ist dies natürlich der Fall bei den ersten Sylben solcher dreisylbigen Worte, deren Mittelsylbe kurz ist; der auf den Vocal folgende Consonant scheint gleichgiltig zu sein. Ausser dem eben besprochenen avase erwähnen wir als häufig noch şavasaḥ, varuṇaḥ, marutâm, manasâ, atithim, adite, ajaram, apâm (mit zweisylbiger Messung des â); ferner cikituḥ, akṛitam, atasam, atirat, udaram, udabhiḥ, sṛijataḥ, tapushim, sakhiam, amithitaḥ, pathibhiḥ, vidhataḥ, sanitâ, namuceḥ, harivaḥ, tarutâ, arushî, kṛiṇavate, gavishe, ishâm (mit zweisylbiger Messung der Endung), svayaṣasaḥ, guhâ, bṛihataḥ, pramahasaḥ, vimahasaḥ, vahata. Weniger häufig in der bezeichneten Stellung sind kurze Sylben als ultima oder penultima eines Wortes: sparase nu, madhu piba, ratham ava, suaṣvayur upa, na’ ushaḥ etc.
c4.s1.22
Messungen — man wird bemerken, dass in unserer Zusammenstellung sämmtliche mögliche Combinationen thatsächlich vertreten sind — entfernen sich doch von der jambischen so fühlbar, dass sie offenbar als einfache, nicht weg zu deutende Abweichungen von der metrischen Norm aufzufassen sein werden. Man betrachte Reihen wie die folgenden:
c4.s1.23
ukshânnâya vaṣânnâya
agne rathîr adhvarâṇâm
nû no rayim mahâm indo
tuam soma pavamânaḥ.
c4.s1.24
Bedenkt man, wie die Verwendung solcher Reihen in der späteren Zeit des Ṛigveda und in der folgenden Periode an bestimmten Stellen des Verses eine immer weitere Ausdehnung und schliesslich eine eigne gesetzmässige Regelung gewinnt — wo doch Niemand Jamben, die nur mit den Quantitäten der Sylben etwas frei umspringen, wird annehmen wollen —, so wird man auch hier die vorliegende Anomalie nicht so ausdrücken, dass der Dichter Jamben gemacht habe, die ihm nur annähernd gerathen sind, sondern dass er an einer Stelle, die sonst Jamben verlangt, Versmaasse gebraucht hat, die keine Jamben sind.
c4.s1.25
Wir gehen zur Betrachtung der vier ersten Sylben der achtsylbigen Reihe über. Die prosodische Beschaffenheit derselben möge durch folgende, etwa 1300 Pâdas umfassende Zählungen in umstehender Tabelle veranschaulicht werden.
c4.s1.26
Bei der Betrachtung dieser Zahlen drängt sich vor Allem das Hervortreten der vier ersten Fälle auf. Sie stehen sich unter einander nahe, aber zwischen ihnen und den nächstfolgenden ist ein weiter Zwischenraum; alle vier zusammen erreichen fast die doppelte Summe der übrigen zwölf. Jene vier Fälle nun treffen auf eben die vier Combinationen, bei
c4.s1.27
| Nr. | Metrum | I, 1–11 | VIII, 5–7 | IX, 1–24 | Summe |
| 1 | ◡ ◡ ◡ | 50 | 65 | 101 | 216 |
| 2 | ◡ ◡ ◡ | 57 | 51 | 85 | 193 |
| 3 | ◡ ◡ ◡ | 55 | 57 | 101 | 213 |
| 4 | ◡ ◡ ◡ | 71 | 58 | 106 | 235 |
| 5 | ◡ ◡ ◡ | 10 | 25 | 24 | 59 |
| 6 | ◡ ◡ ◡ | 15 | 16 | 21 | 52 |
| 7 | ◡ ◡ ◡ | 7 | 14 | 10 | 31 |
| 8 | ◡ ◡ ◡ | 10 | 6 | 8 | 24 |
| 9 | ◡ ◡ ◡ | 14 | 28 | 51 | 93 |
| 10 | ◡ ◡ ◡ | 37 | 29 | 32 | 98 |
| 11 | ◡ ◡ ◡ | 5 | 7 | 27 | 39 |
| 12 | ◡ ◡ ◡ | 10 | 10 | 16 | 36 |
| 13 | ◡ ◡ ◡ | 4 | 1 | 1 | 6 |
| 14 | ◡ ◡ ◡ | 5 | 4 | 16 | 25 |
| 15 | ◡ ◡ ◡ | — | — | — | — |
| 16 | ◡ ◡ ◡ | — | 1 | — | 1 |
c4.s1.28
welchen die zweite und die vierte Sylbe zugleich Längen sind (◡ ◡ ◡). Wir werden mit grosser Wahrscheinlichkeit schliessen können, dass diese Sylben als Hebungen aufzufassen sind. So stehen also, wie dies auch offenbar eben als das Natürliche angesehen werden darf, den beiden Hebungen des aus vier Sylben bestehenden Reihenausgangs in den vier Sylben des Eingangs gleichfalls zwei Hebungen gegenüber (◡ ◡ ◡ ◡ ◡), und es regiert hier wie dort der jambische Rhythmus: nur ist derselbe im Reihenausgang insofern ein intensiverer Beherrscher des sprachlichen ῥυθμιζόμενον, als dort nicht nur die Hebung eine Länge, sondern auch die Senkung eine Kürze zu ihrem Sitz verlangt, während hier die Quantität der Senkungssylben als gleichgültig behandelt wird.
c4.s1.29
Die Combinationen ◡ ◡ ◡ geben uns also Veranlassung, die wesentlichen Längen, welche Hebungen sind, von den unwesentlichen, die auf Senkungen fallen und darum auch Kürzen sein können, zu unterscheiden. Setzen wir für eine Länge der letzteren Art eine Kürze, so lässt sich, da auf diese Weise das Metrum seinem Wesen nach kein anderes wird, für diese prosodische Combination dieselbe Vorliebe der Dichter, also auch etwa dieselbe Häufigkeitsziffer erwarten, wie für die parallele Form mit der Länge¹). Vertauschen wir dagegen eine wesentliche Länge mit einer Kürze, so lässt sich von einer solchen Aenderung erwarten, dass sie durch einen Unterschied in der ziffermässig zur Erscheinung kommenden Geneigtheit der Liedverfasser den betreffenden Combinationen gegenüber characterisirt sein wird. Dass also z. B. in dem Metrum — — — — die zweite und die vierte, nicht aber etwa die erste und die vierte Länge die wesentlichen sind, giebt sich darin zu erkennen, dass in unserer Tabelle den 235 Fällen von — — — — nahezu ebenso viele, nämlich 216 von ◡ ◡ ◡, aber nur 25 von — ◡ ◡ ◡ gegenüberstehen.
c4.s1.30
¹ Man kann sich leicht davon überzeugen, dass die Beschaffenheit des Sprachstoffs eine irgend wesentliche Bevorzugung der Kürzen oder der Längen nicht mit sich bringt.
c4.s1.31
Wir glauben nun in dieser statistischen Betrachtungsweise auch das Mittel in der Hand zu haben, um bei den weniger häufigen Sylbencombinationen die wesentlichen Längen, d. h. diejenigen Längen, welche Träger des Ictus sind, herauszufinden. Die zwölf Fälle (Nr. 5 — 16 der Tabelle) ordnen sich in ihrer oben gegebenen Reihenfolge zu zweimal sechsen, so dass jedesmal die erste Sylbe beliebig eine Kürze oder eine Länge sein kann; die stehend sich wiederholende ungefähre Gleichheit der Häufigkeitszahlen²) eines jeden Paares weist darauf hin, dass die beiden Fälle einander coordinirt sind, dass also, wie wir aus dieser Coordinirtheit glauben schliessen zu dürfen, eine lange erste Sylbe, da für sie ebenso gut eine Kürze stehen kann, nie als Trägerin des Ictus aufzufassen ist.
c4.s1.32
² Nur bei einem der Paare, den beiden Fällen ◡ ◡ ◡, versagt diese Gleichheit; eben bei diesen kleinen Ziffern ist natürlich auf das richtige Er-
c4.s1.33
Da nun, wie wir sahen, das waltende Verhältniss dies ist, dass sowohl an zweiter wie an vierter Stelle eine Länge steht, so haben wir jetzt successiv die Bedingungen dieses Normalfalls zu verändern und die so sich ergebenden Combinationen in der eben bezeichneten Weise zu prüfen. Wir beschäftigen uns also zunächst mit den Fällen, in welchen die zweite Sylbe eine Kürze statt der Länge hat (Nr. 9—16). Dieselben zerlegen sich auf den ersten Blick in zwei Gruppen. Die Quantität der dritten Sylbe ist hier nicht mehr wie in den vier Hauptfällen gleichgültig, sondern entscheidend: sämmtliche Fälle mit langer dritter (Nr. 9—12) gehen sämmtlichen mit kurzer dritter (Nr. 13—16) an Häufigkeit voran, zum Theil sehr erheblich; auf der einen Seite haben wir die Totalsumme 266, auf der andern 32¹. Wir stellen also das Resultat hin: die zweite, meist lange Sylbe erscheint auch als Kürze, aber dann wird an dritter Stelle der Länge der entschiedenste Vorzug gegeben. Von den so sich ergebenden vier Fällen ◡ ◡ ◡ ◡ behaupten wiederum, wie nicht anders zu erwarten ist, die beiden Combinationen ◡ ◡ ◡ ◡ den entschiedenen
c4.s1.34
¹ Der Hauptposten der letzteren Summe scheint noch dazu ein nur zufälligerweise verhältnissmässig erheblicher zu sein; vergl. die vorige Anmerkung.
c4.s1.35
scheinen der Durchschnittsziffer in der Statistik am wenigsten sicherer Verlass. Bei den später mitzutheilenden Zahlen über die ersten vier Sylben der Triṣṭubh-Reihe ist das Verhältniss gerade nach der umgekehrten Richtung wie hier verschoben. Uebrigens beruht die vergleichsweise grosse Summe der Fälle von ◡ ◡ ◡ ◡ nur auf einem der drei Posten, den Fällen aus Buch IX, wo besonders das 3. und das 15. Sûkta mit dem stehend wiederholten Anfangswort esha auf die Statistik von Einfluss gewesen sind.
c4.s1.36
Vorrang; die unter allen Umständen normale Länge an der vierten Stelle überwiegt eben auch hier die Kürze. Ob dagegen ◡◡-- oder --◡-, ebenso andererseits ob ◡◡◡◡ oder --◡◡ steht, wird durch die Häufigkeitsziffern unserer Tabelle als irrelevant erwiesen. Was lehren uns nun die hier gefundenen Resultate in Bezug auf die Vertheilung der Hebungen und Senkungen? Aller Wahrscheinlichkeit nach doch dies, dass die Hebung, deren normale Stelle die lange zweite Sylbe ist, bei kurzer zweiter ihren Sitz auf der dritten erhält¹), so dass neben der regelmässigen Form ◡-◡- sich als hauptsächlichste Nebenform ◡◡◡- ergiebt²). Es wäre in der That bei der bloss quantitativen Betrachtung der Sylben schwer abzusehen, warum die Form mit kurzer dritter neben der kurzen zweiten --◡◡ nicht ebenso gut das nöthige Gewicht haben soll, wie andere Formen, die sogar drei Kürzen enthalten (◡-◡◡, ◡◡-◡). Wohl aber wird es als eine Forderung des rhythmischen Gefühls verständlich, dass, gewissermassen um das Gleichgewicht des Verseingangs zu wahren, eine der mittleren unter den vier Sylben den Ictus haben muss: und hierin wird die Erklärung des bekannten, in der Śloka-Metrik noch schärfer ausgeprägten
c4.s1.37
¹) Wer Zählungen über die Quantität jeder Sylbe für sich anstellt, wird bemerken, dass auch in der dritten die Länge überwiegt, obgleich nicht so entschieden, wie in der zweiten und vierten. Man wird sich durch dies Factum nicht an der Annahme jambischen Tonfalls als des regelmässigen für die ersten vier Sylben irre machen lassen, wenn man die in dem hier Gesagten implicite enthaltene Erklärung des betreffenden Verhältnisses sich vergegenwärtigt: im Normalfall (◡-◡-) ist die dritte etwa gleich häufig lang wie kurz; in den wichtigsten der Nebenfälle aber, bei kurzer zweiter, ist sie regelmässig lang.
c4.s1.38
²) Nach dem Gesagten bedarf es keiner besonderen Begründung mehr, dass wir ◡-◡◡ als --◡◡, aber nicht z. B. als ◡◡◡- aufzufassen haben; die Häufigkeitsziffern der beiden respectiven Parallelformen, ◡◡-- und --◡◡, lehren das.
c4.s1.39
Gesetzes liegen, dass die zweite und dritte Sylbe nicht leicht beide¹) als Kürzen erscheinen²).
c4.s1.40
¹ Dass dies schon im Veda vermieden wurde, zeigt sich besonders deutlich auch in der durch das Metrum beherrschten Wahl gewisser Formen mit langem Schlussvocal statt der gewöhnlicheren Kürze; vergl. unten unsern Abschnitt über diese »Verlängerungen«.
c4.s1.41
² Vergl. über die Abneigung gegen die Metra ◡◡◡◡ meine Bemerkungen ZDMG. XXXV, 187 A. 2; XXXVII, 63 A. 1; Jacobi, Ind. Studien XVII, 447 fg. Jacobi begründet jene Abneigung damit, dass der achtsylbige Pāda auf diese Weise »den Rhythmus der Jagatī erhalten hätte [◡--◡] ◡◡-◡-«. Ich finde dies nicht überzeugend. Einmal wird dadurch nicht erklärt, dass die gleiche Abneigung auch im Eingang des elf- und zwölfsylbigen Pāda herrscht. Sodann kann doch, wenn Jacobi die Jagatī vergleicht, dieselbe offenbar nur in ihrer Gestalt mit achtsylbigem Versausgang, d. h. mit der Cäsur nach der vierten Sylbe, herangezogen werden; die letzten acht Sylben einer Jagatī, welche die Cäsur nach der fünften Sylbe hat, liegen von der Vergleichbarkeit mit dem Gayatrī-Pāda weit ab. Warum wird dann aber in diesem Pāda eben der Rhythmus ◡◡-◡, warum nicht vielmehr ◡◡--, welches eine viel häufigere Gestalt der Sylben 5-8 in jener Form der vedischen Jagatī ist (ZDMG. XXXVII, 61), perhorrescirt?
c4.s1.42
Neben den Messungen ◡◡-- sind uns als secundäre Möglichkeit für den Fall der kurzen zweiten die Metra ◡◡-◡ (Nr. 11. 12 der Tabelle) begegnet; sie führen uns zur Erwägung des Falles, dass die vierte eine Kürze ist (Nr. 5-8, 11. 12. 15. 16). Hier stehen, wie sich erwarten lässt, diejenigen Fälle voran, in welchen die zweite ihre normale Gestalt hat; nicht minder aber zeigt sich eine entschiedene Bevorzugung einer langen dritten: man wird daher vermuthen dürfen, dass bei kurzer vierter die Neigung bestand, den wegfallenden Ictus derselben auf die dritte übergehen zu lassen³). Neben der so sich ergebenden häufigsten Form -◡-◡ stehen dann diejenigen, bei welchen an zweiter oder an dritter Stelle eine Kürze zu derjenigen der vierten hinzutritt: ◡◡-◡ und -◡◡◡; d. h. doch wohl ◡◡-◡ und -◡◡◡.
c4.s1.43
³ Unsere Zahlen lehren übrigens, dass die Abneigung gegen zwei Kürzen in III und IV geringer war, als gegen Kürzen in II und III. Vergl. auch den Abschnitt über die metrischen Verlängerungen.
c4.s1.44
Man wird sich der Wahrscheinlichkeit nicht verschliessen können, dass hier Formen mit nur einem Ictus statt der gewöhnlichen zwei vorliegen. Dass im Einzelnen die Recitation gelegentlich auch eine Kürze der rhythmischen Geltung angenähert habe, welche der Regel nach offenbar nur einer Länge zukam, muss, wie schon bemerkt wurde, wohl als möglich gelten (vergl. oben Seite 11)¹. Darum wird man aber doch anzunehmen haben, dass im Ganzen Typen wie ◡—◡◡ und ◡◡—◡, die offenbar als solche gefühlt und anerkannt waren, bedeuten, was sie zu bedeuten scheinen und was in ihnen zu sehen wir uns nicht durch rein aprioristische Erwägungen hindern lassen dürfen. Was berechtigt uns, der Wandelbarkeit des Rhythmus, welche an dieser Stelle wegzuleugnen nicht angeht, nach eignem Ermessen Grenzen zu ziehen, die aus den vorliegenden Materialien sich schlechterdings nicht erweisen lassen? Warum kann eine Messung mit nur einem Ictus in der ersten Reihenhälfte, wie ◡◡◡—◡◡—◡ (z. B. pavamâna rucâ-rucâ) dem indischen Ohr nicht erträglich gewesen sein, wie sie es dem unsrigen ohne Zweifel ist?
c4.s1.45
¹ Dass diese Möglichkeit sich im Reiheneingang in wesentlich grösserer Ausdehnung verwirklicht habe, als wir oben für den Reihenausgang vermutheten, werden wir nicht leicht glauben: sonst würden Formen wie ◡◡◡◡, —◡◡◡ in unsrer Tabelle eine andre Rolle spielen.
c4.s1.46
Es muss noch darauf hingewiesen werden, dass, während im Allgemeinen die Länge an zweiter Stelle eine viel festere Heimath hat, als an dritter, doch bei kurzer vierter die Formen ◡—◡◡ nicht nur gleichberechtigt, sondern bevorzugt neben ◡◡—◡ stehen: offenbar schien sich, um das sonst auf der zweiten und vierten ruhende Gewicht allein zu tragen, die dritte in ihrer Mittelstellung besser zu eignen als die zweite².
c4.s1.47
² Wir können als Regel hinstellen: um als alleinige Länge das Gewicht des ganzen Reiheneingangs zu tragen, ist am besten die dritte qualificirt, dem-
c4.s1.48
Dass die letzte noch übrige Möglichkeit für den Fall der kurzen vierten, ◡◡◡◡, nahezu ganz ausgeschlossen ist, versteht sich nach den Bemerkungen, welche oben über die Combinationen mit kurzer zweiter und dritter gemacht worden sind, von selbst.
c4.s1.49
Ueberblickt man die Gesammtheit der an unsre Tabelle hier angeknüpften Erörterungen, so sieht man zuvörderst, wie der Begriff des Fusses hier durchaus unanwendbar ist. Was sich gleich bleibt, ist zunächst nur die Sylbenzahl; es können vier Längen, es kann auch eine Länge mit drei Kürzen sein. Und einer ausgedehnten Mannichfaltigkeit fähig ist auch die Vertheilung der Icten. Denn man wird in unsern Ausführungen eine, wie ich hoffe, hinreichende Begründung finden für die Auffassung, dass im Reiheneingang nicht ein feststehender Rhythmus sich einem beliebigen Substrat von langen oder kurzen Sylben aufzwingt, sondern dass die wechselnden prosodischen Gestaltungen das Gewand wechselnder Rhythmen sind ¹). Lässt es sich auch überhaupt denken, dass, während sich doch im Reihenausgang ein strenges Gefühl in Bezug auf die vom Rhythmus erforderte metrische Materie kund giebt, im Eingang ein Hineinpressen jedes beliebigen Inhalts in eine und dieselbe Form erträglich schien? Und welchen Sinn haben die von uns entwickelten Thatsachen in Bezug auf die Geltung der verschiedenen Sylbencombi-
c4.s1.50
nächst die zweite, also die beiden Mittelsylben. Wenig dazu geeignet ist die vierte, ungeeignet die erste. Reiheneingänge ganz ohne Länge mag es wohl geben, aber gewiss nur in verschwindender Seltenheit.
c4.s1.51
¹) Man vergleiche die verschiedenen Typen der eddischen Kurzzeile (Sievers, Proben einer metr. Herstellung der Eddalieder, S. 8): ◡◡◡◡, ◡◡◡◡, ◡◡◡◡ u. s. w. An die vedische Abneigung gegen den Typus ◡◡◡ erinnert es, wenn man findet, dass in der Edda wie in der angelsächsischen Poesie (Sievers a. a. O. 2) der Viersylbler die Form ◡◡◡◡ nur so zulässt, dass auf eine der beiden Senkungssylben ein Nebenton fällt.
c4.s1.52
nationen, wenn der Rhythmus hier gegen die Quantitäten des Textes gleichgültig war? Welchen Sinn hat insbesondere das Erforderniss einer langen dritten bei kurzer zweiter, wenn auch eine kurze zweite für den Ictus dasselbe leistete wie eine Länge? Wir verweisen hier noch auf die später zu gebende Erörterung des Reiheneingangs derjenigen Trishṭubh- und Jagatî-Reihen, welche die Cäsur nach der fünften haben: die stehend auftretende Länge an fünfter Stelle bei kurzer vierter Sylbe (während an sich die fünfte ihrem Wesen nach prosodisch durchaus indifferent ist) wird einen weiteren Beleg für unsere Auffassung ergeben, dass statt einer regelmässig vorhandenen Länge in gewissen Fällen derart eine Kürze eintritt, dass die Function jener Länge auf eine benachbarte Sylbe, die jetzt als Länge zu erscheinen hat, übergeht — und diese Function, worin anders kann sie bestanden haben, als in dem Tragen des Ictus?
c4.s1.53
Kurz zusammengefasst also scheint mir der Standpunkt, den die vedische Gâyatrî in Bezug auf den jambischen Rhythmus einnimmt, der folgende zu sein. Dieser Rhythmus liegt in der zweiten Hälfte der Reihe offen zu Tage. In der ersten Hälfte kann er ebenfalls offen, er kann aber auch so zu sagen latent vorhanden sein: latent, d. h. in der Weise, dass die jambische Vertheilung der Icten in freierer Handhabung durch gewisse andre Vertheilungen vertreten wird, die sich, indem vom Reihenende her Licht auf sie fällt, eben als Vertretungen des jambischen Rhythmus oder als auf ihn hinarbeitend erweisen. Die Forderung gleicher Entfernung der Icten von einander wird dabei nicht erhoben; in dieser Hinsicht macht sich eine Freiheit bemerklich, die sich in der späteren vedischen und nachvedischen Zeit zur bewussten Ausschliessung allzu gleichmässiger Wiederkehr der Hebungen entwickelt. Aber innerhalb der gestatteten Ungleichheit der Bewegung erinnert doch auch im Reiheneingang die unwandelbar festgehaltene Zahl der vier Sylben, die wenigstens überwiegend festgehaltene Zahl der zwei Hebungen und endlich das ausgeprägte Vorherrschen der Formen ◡—◡— den Hörer beständig daran, dass sich der Vers im Fahrwasser des jambischen Rhythmus befindet, zu welchem dann der Reihenausgang immer von Neuem zurücklenkt.
c4.s1.54
Liegt es auch hier im Allgemeinen ausserhalb unsrer Aufgabe, die Entwicklung der metrischen Formen des Ṛigveda in die spätere Literatur hinein zu verfolgen, so möge doch ein kurzer Hinweis darauf gestattet sein, welche Wandlungen in Bezug auf den Eingang der achtsylbigen Reihe z. B. in den Zählungen Fausböll’s zum Dhammapada¹ zur Erscheinung kommen. Durchaus ist hier die Coordinirung der vier Formen mit langer zweiter und vierter Sylbe und ihr Vorrang als der eigentlich normalen Metra umgestossen. Andre Combinationen treten in den Vordergrund: das Metrum —◡◡— geht dreien jener vier Formen zum Theil recht erheblich, das Metrum —◡◡◡ zweien derselben, ——— und ◡◡—— wenigstens einer derselben an Häufigkeit voran. Wir fragen nicht, welches die positiven Tendenzen waren, die diese weitgehende Umwälzung gegenüber den in unsrer Tabelle dargestellten Verhältnissen bewirkt haben: es genügt uns hier, das Zurückweichen der ursprünglich herrschenden jambischen Messungen (◡—◡—) gegenüber andern Formen zu constatiren. Dürfen wir vermuthungsweise den Process, den wir hier zwischen Ṛigveda und Dhammapada wirken sehen, auch in die Zeit der dem Rigveda voranliegenden Vorgeschichte zurückverlegen? Dann würde die im Rigveda erscheinende Herrschaft der Jamben sich nur als der Rest einer älteren, noch weitergehenden Alleinherrschaft derselben — zu verstehen allerdings unter Maassgabe dessen, was oben (S. 7) über den unausgeprägten Character der alten Rhythmen gesagt ist — herausstellen ¹). Doch wir haben hier die Grenzen, welche unsre Vermuthungen inne zu halten gut thun, erreicht oder vielleicht überschritten.
c4.s1.55
¹ S. 439 seiner Ausgabe. Man muss natürlich die Zahlen der ersten, nicht der dritten Sylbentetras der Anu-ṣṭubh-Zeile zur Vergleichung wählen wegen der speciellen Beschränkungen, welchen die letztere in buddhistischer Zeit unterworfen war, damit der Zeilenausgang nicht mehr als zwei Jamben erhielt (vergl. ZDMG. XXXVII, 64).
c4.s1.56
¹ Wenn wir im Eingang der vedischen Gâyatrî neben ◡ ◡ ◡ ◡ z. B. ◡ ◡ — ◡ und andererseits etwa ◡ ◡ ◡ ◡ antreffen, so wird man vermuthen dürfen, dass d Abweichungen der beiden letzteren Messungen von der ersten insofern verschiedene historische Geltung besitzen, als das Schema ◡ ◡ ◡ ◡ mit seinen Längen an erster und dritter Stelle den strengen jambischen Standpunkt nicht erreicht, das Schema ◡ ◡ ◡ ◡ mit seiner Deplacirung der ersten Hebung ihn aber — so weit er im Reiheneingang überhaupt erreicht worden ist — bereits wieder verlassen hat.
c4.s1.57
Die vorherrschende Form des Verses Gâyatrî ist aus drei ²) achtsylbigen Pâdas der von uns entwickelten Gestalt gebildet ³). Verhältnissmässig selten, aber doch durch die Uebereinstimmung einer Reihe von Liedern und Strophen als eine in der vedischen Poesie feststehende metrische Form gesichert, ist eine Gâyatrî von durchaus abweichendem Ba wie sie z. B. in folgendem Verse (VIII, 71, 1) vorliegt: ◡ ◡ — ◡ — ◡ tuam no’ agne mahobhiḥ ◡ ◡ — ◡ ◡ — ◡ pâhi viṣvasyâ’ arâteḥ ◡ ◡ — ◡ ◡ — ◡ uta dviṣo martiasya.
c4.s1.58
² Verse aus zwei Gâyatrî-Pâdas finden sich nur in dem einen Trica IX, 67, 16-18. Ueber Gâyatrî-Pentaden und Hexaden wird unten gesprochen.
c4.s1.59
³ Die überlieferte Zerlegung der Gâyatrî durch den hinter dem zweiten Pâda stehenden Hauptabschnitt sehe ich als dem ursprünglichen Wesen des Verses fremd an und halte den Abschnitt zwischen den beiden ersten Pâdas für nicht grösser und nicht kleiner als denjenigen zwischen den beiden letzten. Offenbar ist das überlieferte Avasâna der Gâyatrî eben nur dem von Anushtubh, Trishtubh etc. nachgebildet.
c4.s1.60
Das in die Augen fallende Characteristicum dieser Pâdas ist die lange vorletzte Sylbe; ihr pflegt, mit etwas geringerer Regelmässigkeit, eine Kürze voranzugehen, so dass der Versausgang ein dem trochäischen Rhythmus sich annäherndes Gepräge empfängt. Ich gebe die Zahlen aus VIII, 2, 1-39 (mit Nichtberücksichtigung der Fälle, wo ein zweisylbig zu messender Vocal erscheint; 117 Pâdas), und aus VIII, 16 (mit Weglassung des sehr unregelmässigen neunten Verses; 33 Pâdas).
c4.s1.61
| | Erster Pâda | Zweiter Pâda | Dritter Pâda | Summe |
| | VIII, 2 | VIII, 16 | VIII, 2 | VIII, 16 | VIII, 2 | VIII, 16 | |
| Vorletzte kurz | 2 | 7 | 2 | 6 | 1 | 6 | 24 |
| Vorletzte lang | 9 | 30 | 9 | 30 | 10 | 32 | 120 |
| Drittletzte kurz | 9 | 18 | 9 | 24 | 7 | 29 | 96 |
| Drittletzte lang | 2 | 21 | 2 | 13 | 4 | 9 | 51 |
c4.s1.62
Man sieht, dass hier auch nicht annähernd dieselbe Regelmässigkeit erreicht wird, wie in den Gâyatrîversen mit jambischem Ausgang. Die viertletzte Sylbe lässt sich überhaupt nicht mehr zu dem metrisch einigermaassen bestimmten Theil der Reihe rechnen; die ersten vier Sylben scheinen dieselbe Gestalt zu haben, wie sie bei der jambisch ausgehenden Form der Reihe beschrieben worden ist. Häufig dringen übrigens Pâdas oder ganze Verse jener gebräuchlicheren Form in Lieder ein, welche im Allgemeinen den trochäischen Ausgang zeigen, und überhaupt pflegen Anomalien aller Art dem Metrum eben jener Lieder ein besonders buntes Aussehen zu verleihen.
c4.s1.63
Dass diese Gestalt der Gâyatrî sich aus der so viel schärfer ausgeprägten, in ihrem Rhythmus ihr direct entgesetzten jambischen Form als eine Abart entwickelt habe, möchte ich bezweifeln. Wenn man die metrischen Reihen des Veda ansieht als im letzten Grunde hervorgegangen aus Reihen, die nur nach ihrer Sylbenzahl, nicht aber nach der Quantität der Sylben bestimmt waren, und deren Rhythmus auch nicht stark genug war, um Weiterentwicklungen nach verschiedenen Richtungen auszuschliessen, so wird man geneigt sein, die trochäische achtsylbige Reihe, wenn diese Bezeichnung der Kürze wegen gestattet ist, als eine neben der jambischen Form stehende, von dieser unabhängige Entwicklung der ursprünglichen prosodisch-indifferenten achtsylbigen Reihe anzuerkennen. Die geringe Ausdehnung des zu metrischer Bestimmtheit gelangten Theiles der Reihe und der sehr wenig intensive Character dieser Bestimmtheit scheinen mir Zeichen der Alterthümlichkeit zu sein, durch welche dies nicht sehr beliebte, in seiner Entwicklung, wie ich meine, auf einem frühen Stadium stehen gebliebene Metrum sich von den übrigen Versmaassen des Veda merklich unterscheidet: aber so weit ruht doch dieses mit jenen auf gemeinsamem Boden, dass seine Unbestimmtheit den vedischen Forscher warnen wird, die wenn auch immerhin grössere Bestimmtheit jener nicht mit Maassstäben zu messen, deren Anwendbarkeit auf die vedische Poesie wir läugnen müssen.
c4.s1.64
Die Stellen, an welchen die trochäische Gâyatrî im Ṛigveda erscheint, sind die folgenden: I, 3, 4; 22, 11; 27, 1-6. 10-12; 30, 13-15; 38, 7-9; 41, 7-9; 43, 7-9; 90, 1-5; II, 6 (in mehreren Versen dieses Liedes); III, 40, 3; 41, 3. 8; IV, 55, 8 (?); V, 19, 1. 2; 68, 2-5; 70; 82, 7-9; VI, 16, 25-27; 61, 10-12; VIII, 2, 1-39 (der einzige längere Abschnitt dieser Art); 3, 21¹); 7, 30 (?). 32-35 (metrisch sehr bunt); 16; 71, 1-9; 79; 81; 94, 2; 95, 7¹); IX, 62, 4-6; 66, 16-18; X, 20, 2-8; 185.
c4.s1.65
¹ Eine Anushṭubh, die doch ihrem Wesen nach in diesen Zusammenhang zu gehören scheint.
c4.s1.66
Die aus zwei mal zwei achtsylbigen Pâdas gebildete Strophe ist die Anushṭubh¹). Sie steht in der älteren Periode der vedischen Poesie an Beliebtheit weit hinter der Gâyatrî zurück. Später schlägt dies Verhältniss in das Gegentheil um, und während die Gâyatrî mehr und mehr verschwindet, schickt die Anushṭubh sich an, Schritt für Schritt sich weiter entwickelnd, zur vornehmsten Form der indischen Verskunst zu werden²).
c4.s1.67
¹ Der Name bedeutet doch wohl einen Vers, dessen Gang von stubhas oder stobhâs begleitet (»anu«) ist, d. h. von solchen Jauchzern oder Interjectionen (auho, hâu etc.), wie die Liedgestalt der Sâman sie häufig zeigt. Man vergleiche z. B. den Anushṭubh-Vers, dessen Gesangform im Sâmaveda, ed. Bibl. Ind. I, p. 239, mitgetheilt ist. Auf jeden Pâda desselben folgen Interjectionen wie iyaîyâhâi u. dgl. Aehnliches findet sich sehr häufig. — Anders Yâska VII, 12.
c4.s1.68
² Zum Folgenden vgl. meine Bemerkungen ZDMG XXXVII, 62 fgg., Jacobi, Ind. Studien XVII, 447 fg.
c4.s1.69
Der Pâda der älteren vedischen Anushṭubh ist eben jener achtsylbige Pâda mit jambischem Ausgang, den wir oben beschrieben haben:
c4.s1.70
â yas te sarpirâsute
agne ṣam asti dhâyase
aishu dyumnam uta śravaḥ
â cittaṃ martieshu dhâḥ.
c4.s1.71
Mit der Zeit beginnt sich hier nun in immer fühlbarerer Weise ein Gegensatz zu entwickeln, wie wir ihn in kaum merklichem Keime auch auf dem Boden der Gâyatrî aufgewiesen haben: der erste und dritte Pâda des Anushṭubh-Verses, oder kürzer der erste Pâda jeder Anushṭubh-Vershälfte — denn die durch die Natur der Sache gegebene engere Zusammengehörigkeit von je zwei Pâdas zu einem Hemistich übt jetzt auch auf die metrische Gestalt der einzelnen Pâdas ihre Wirkung aus — fängt an sich von der strengen Behandlung des jambischen Ausgangs bald in ver-einzelten Fällen, bald häufiger zu entfernen, während im schliessenden Pâda jedes Hemistichs die alte Regel nicht nur aufrecht erhalten, sondern sogar mit verstärkter Strenge durchgeführt wird. So entsteht eine grössere Mannichfaltigkeit des Tonfalls: neben Hemistichen, welche in ihrer ersten so gut wie in ihrer zweiten Hälfte jambisch schliessen, treten solche auf, die ein Widerspiel zwischen nicht jambischem oder doch nicht rein jambischem Ausgang der ersten Hälfte und jambischem Ausgang des Ganzen offenbar nicht ohne Absichtlichkeit herbeiführen ¹). Als Lieder, welche uns diese Entwicklung in einem ihrer frühesten Stadien zu beobachten erlauben, werden wir IX, 112 und X, 60, 7-12 ²) betrachten dürfen. Von den 16 Pâdas des ersten, den 24 des zweiten gehen 14 resp. 20 jambisch aus; die Ausnahmen sind
c4.s1.72
¹ Man vergleiche den characteristischen Schluss des fünften und Anfang des sechsten Verses in X, 135: anudeyi yathâbhavat, yathâbhavad anudeyî.
c4.s1.73
² Das Metrum von IX, 112 wird als Paṅkti angegeben, aber denken wir den Refrain indrâyendo pari srava fort, so erhalten wir Anushtubh. Aehnlich X, 60, 8. 9.
c4.s1.74
IX, 112, 2 jaratîbhir oshadhibhiḥ 4 ṣepo romaṇvantau bhedau X, 60, 7 Subandhav ehi nir ihi 10 yamâd ahaṃ vaivasvatât 11 niag vâto' ava vâti 12 ayam me hasto bhagavân.
c4.s1.75
Diese Pâdas stehen sämmtlich, mit alleiniger Ausnahme von X, 60, 7 (der in der Recitation sehr wohl der jambischen Messung angenähert worden sein kann), an der ersten Stelle eines Halbverses; sie zeigen uns somit die Neigung der vedischen Dichter, dem ersten Pâda eine eigene Rolle zuzuweisen, in ihrem Entstehen, noch weit überwogen von dem Festhalten an der alten Gewohnheit, welche den ersten Pâda dem zweiten gleich macht¹).
c4.s1.76
¹ Es sei etwa noch auf VIII, 8 hingewiesen, welches Lied in 92 Pâdas nur 6 mal vom jambischen Ausgang abweicht: unter diesen 6 Fällen sind 2 erste und 4 zweite Pâdas. Ein Analogon auf dem Gebiet der Gâyatrî scheint mir IX, 5 zu enthalten. Dieser der Verszahl nach sich aus der Reihenfolge seiner Umgebung entfernende und auch in seinem Inhalt (der rein spielerischen Uebertragung der Âprî-Anrufungen auf Soma) für sich allein stehende Hymnus ist in auffallender Weise reich an Abweichungen von dem jambischen Schema; dieselben betreffen 5 mal den ersten, 2 mal den dritten Pâda; ausserdem haben in dem Anushtubh-Verse 10 die Pâdas 1 und 3 nicht jambischen Ausgang.
c4.s1.77
Ein folgendes Stadium dieser Entwicklung zeigt uns das Ende des ersten Pâda in einer Gestalt, in welcher das Uebergewicht der Jamben verschwunden ist und neben ihnen alle andern Messungen ohne Ausnahme zugelassen werden. Man braucht in Liedern dieser Gattung in der Regel nicht allzu weit zu lesen, um alle nur denkbaren Gestalten der Sylben 5-8 eines jeden Hemistichs vertreten zu finden. Die folgenden Zahlen werden die Beschaffenheit dieser Sylben veranschaulichen:
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