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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.8

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.8

Language
German

c4.8.1

In welcher Richtung die Vorgeschichte verlaufen sein muss, die den im Allgemeinen soeben beschriebenen vedischen Zustand der Versmaasse mit ihrer eigenthümlichen Mischung von Bestimmtheit und Unbestimmtheit hervorgebracht hat, ist eine Frage, deren Beantwortung nicht vollkommen aussichtslos scheint. Man hat hier vor Allem die Spuren, auf welche die Betrachtung der Avesta-Literatur führt, zu verfolgen. Niemand kann die Poesie des Avesta mit der indischen nach ihrem Inhalt, ihrer Ausdrucksweise, ihrer ganzen Färbung vergleichen, ohne durch Uebereinstimmungen in Details, die sich auf Schritt und Tritt aufdrängen, zu der Ansicht geführt zu werden, dass die beiden Literaturen nicht allein auf die einstige Gemeinsamkeit beider Völker und Religionen, sondern auch auf die Gemeinsamkeit einer indoiranischen, in festen Formen entwickelten religiösen Poesie hinweisen. Mag man die Versuche¹), einen Gemeinbesitz metrischer Formen in die ferne Nebelwelt der indogermanischen Vorzeit zurückzuverfolgen, als Thaten berechtigter wissenschaftlicher Kühnheit oder aussichtsloser Verwegenheit beurtheilen: die Frage nach dem Aussehen der indoiranischen Poesie liegt unbedingt innerhalb der Grenzen, bis zu welchen die Untersuchung gehen darf und muss.

c4.8.2

Längst ist denn auch, insonderheit von Seiten der Avestaforschung²), der Zusammenhang von Versmaassen des Avesta mit den wichtigsten Grundformen der vedischen Metrik erkannt und hervorgehoben worden: die achtsylbige Reihe in drei-, vier- oder fünffacher Wiederholung zu Versen verbunden, vergleicht sich der Gâyatrî, Anushṭubh und Paṅkti des Veda; die viermal gesetzte elfsylbige Reihe mit der Cäsur nach der vierten Sylbe entspricht der Trishṭubh. So ist die fest bestimmte Sylbenzahl der Reihen, die Cäsur, die strophische Verbindung der Reihen zu Versen, worin die Uebereinstimmung von Veda und Avesta sich beweist. In Bezug auf den metrischen und rhythmischen Bau der einzelnen Reihen fehlt zu einer weiter durchgeführten Vergleichung der Boden: im Avesta werden bekanntlich die Sylben der Verszeile einfach gezählt, ohne dass der Wechsel von Längen und Kürzen gesetzmässig geregelt wäre, und damit entgeht uns zugleich jeder directe Anhalt, um den Rhythmus, welcher auch den avestischen Versen kaum schlechthin gefehlt haben kann, zu erkennen. Bleiben wir aber zunächst rein bei der Sylbenzahl und Quantität, so legen die angeführten Thatsachen, wie dem Scharfblick Westphal’s nicht entgangen ist, die Annahme ausserordentlich nahe, dass die metrische Kunst der indoiranischen Zeit eben den Standpunkt einnahm, welchen das Avesta bewahrt hat, den der einfachen Nebeneinanderstellung einer festgesetzten Zahl von Sylben mit indifferenter Quantität.

c4.8.3

In der That würde, wie mir scheint, auch ohne ihr iranisches Gegenbild die Metrik des Veda auf eben diesen Standpunkt als auf einen überwundenen, der Vergangenheit angehörigen zurückweisen. Wenn man beispielsweise die Metrik der Trishṭubh und Jagatî in ihrer geschichtlichen Entwicklung verfolgt, so sieht man, wie gleichsam vor den Augen des Forschers, der von der ältesten Zeit ausgehend immer jüngere Perioden betrachtet, die prosodische Bestimmtheit, zuerst auf ein begrenztes Gebiet der Verszeile eingeschränkt, immer weiter greift und immer intensivere Geltung gewinnt: so dass wir, wenn wir dieselbe Tendenz auch in der vorvedischen Zeit wirkend denken, als Ausgangspunkt der Entwicklung eben den im Avesta thatsächlich erhaltenen Zustand anzunehmen haben. Prüfen wir ferner die Metrik der Gâyatrî, so zeigt uns hier der Veda selbst zwei in verschiedenen Richtungen entwickelte Formen offenbar eines und desselben zu Grunde liegenden Verses: zwei Formen, welche erst an dem durch das Avesta bezeichneten Punkt der prosodischen Indifferenz zusammentreffen. Dem Rhythmus allerdings der indoiranischen Verskunst werden wir, wenn das hier Gesagte richtig ist, eine sehr ausgeprägte Geltung, einen sehr unwandelbaren Character nicht zuschreiben dürfen. Schwerlich würde, hätte er diese Eigenschaften besessen, im Verseingang des Veda die rhythmische Variabilität, die wir dort beobachten, sich entwickelt haben;

c4.8.4

schwerlich würde auch der Versausgang, wie wir es bei der Gâyatrî zu finden glauben, einer doppelten rhythmischen Entwicklung nach zwei entgegengesetzten Seiten hin fähig gewesen sein. Sylbenzahl und Cäsur waren, scheint es, die einzigen zu voller Festigkeit gelangten Bestimmungen in dem Bau dieser von rhythmischer Belebung wohl nur unvollkommen durchdrungenen Reihen. Aber die Lücken und die Unsicherheit der Kenntniss, über welche wir an dieser Stelle schwerlich je hinauskommen werden, stellt doch die Grundthatsachen des Zusammenhangs indischer und iranischer Verskunst nicht in Frage. Und so weist die vedische Metrik, wie sie die Grundlage aller jüngeren Metrik der Inder abgegeben hat, selbst wiederum in die weiten Zeiträume einer unserer directen Kenntniss entzogenen Vergangenheit zurück, während derer verschollene Generationen indischer, und dann weiter zurück indoiranischer Ṛishis in denselben uralten Maassen der achtsylbigen und der elfsylbigen Zeile die göttliche Herrlichkeit der Asuren und die Kelterungen des in den Bergen wachsenden Soma besungen haben.