Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s8.117
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c4.s8.117
- Language
- German
c4.s8.117
In welcher Weise haben wir uns nun jene Gleichsetzung langer Vocale mit zweisylbigen Complexen vorstellbar zu machen? Wir wiesen schon oben (S. 168) darauf hin, dass die in Rede stehende Erscheinung, an gewisse Worte und Formen, aber nicht an gewisse Stellen der Metra gebunden, mit einem Begriff wie dem der Katalexis nicht wohl etwas zu thun haben kann. Entweder spielt hier ein Gegensatz überlanger und langer Vocale mit, und müssten die ersteren die Fähigkeit besessen haben, an welcher Stelle der Versmaasse es auch immer sei, zwei Kürzen resp. bei hinzukommender Position einen Jambus zu vertreten: oder jene Vocale wurden in der That geradezu als zweisylbige Complexe oder denselben sehr ähnlich ausgesprochen. So ungern man sich nun auch, wenn man die Frage allein von der sprachgeschichtlichen Seite aus betrachtet, zur Annahme von bhaasâ, devânaam und ähnlichen mit dem Hiatus behafteten Gebilden entschliessen mag, so scheint mir doch nach der ganzen Lage der Sache die überwiegende Wahrscheinlichkeit für das Factum solcher im Veda zu statuirender Formen zu sprechen, gleichviel ob die sprachliche Erklärung derselben uns gegenwärtig leicht oder schwer wird. Vor Allem scheint mir hier nahezu entscheidend, dass, wie die Metrik des Avesta beweist, eine Reihe der hervortretendsten und sichersten Fälle der vedischen zweisylbigen Messungen auf die indisch-iranische Periode zurückgeht und sich dann bei beiden Völkern gleichmässig erhalten hat: so weist das Avesta, unabhängig von der Stelle des Metrums, an welcher die betreffende Form steht, die zweisylbige Messung auf bei dem Gen. plur. auf -ām, bei Formen der Wurzeln auf â wie dât, pât, gât, im Gen. sing. geus (altind. gos) und den Accusativen gãm, pantãm, mãm ¹); vedischen Verszeilen wie barhir na yat || Sudâse vṛithâ vark, oder nakiḥ Sudâso ratham, stellen sich eine Reihe von Gâthâ-Versen an die Seite, welche mehrere Casus des Stammes hudâh stets mit zweisylbiger Messung des â (áo) aufweisen (Bartholomae, Gâthâs, 7. 96. 166): die Uebereinstimmung erstreckt sich also auf eine Reihe von Fällen, aus welchen die Identität der in Rede stehenden Erscheinung auf indischem und auf iranischem Boden ohne Weiteres mit Sicherheit hervorgeht. Nun scheint es auf der Hand zu liegen, dass, selbst wenn man der Dichtung der indisch-iranischen Zeit eine so subtile Unterscheidung wie die des langen â und des überlangen â zuschreiben wollte, derartige Nuancen doch viel zu fein sind, als dass mit irgend welcher Wahrscheinlichkeit ihr gleichmässiges Ueberdauern in Indien wie in Iran über alle die Einflüsse, welche solche Unterschiede zu nivelliren streben, erwartet werden könnte. Die blosse Thatsache des hohen Alters und der übereinstimmenden Verbreitung jener Erscheinung über die beiden Literaturen scheint mir zu beweisen, dass es sich hier um etwas Greifbareres, Unzweideutigeres und darum auf die Dauer Widerstandsfähigeres gehandelt haben muss, als um den Unterschied zweier langer â von verschiedener Quantität: mit andern Worten, mir scheint hervorzugehen, dass zwei Sylben vertretende *-âm* in der That als zwei Sylben, als *-aam* zu lesen ist.
Cites (1)
- Ṛgvedasaṃhitā — Sanskrit