Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c5.s5.12
Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c5.s5.12
- Language
- German
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Bergaigne hat gezeigt, dass die Ordnung der Bücher II—VII sich nach der zunehmenden Zahl der Lieder richtet; wenn die oben von uns vorgeschlagenen Zerlegungen und Ausstossungen einzelner Lieder auch etwas andre Zahlen ergeben, als er sie angenommen hat, so steht doch das erwähnte Ordnungsgesetz mit unsern Zahlen gleichfalls im Einklang. Dass das achte Buch seiner Liederzahl nach die Reihe von II—VII nicht fortführt, dass es weniger Lieder hat als VII, scheint unzweifelhaft. Die im achten Buch herrschende Ordnung der Hymnen in ihren principiellen Abweichungen von derjenigen, welche in den vorangehenden Büchern übereinstimmend beobachtet ist, möchte an sich vielleicht, als durch die speciellen Verfasserverhältnisse dieses Buches motivirbar, nicht hinreichend scheinen, um auf eine ursprüngliche Sonderstellung von VIII neben der Sammlung II—VII schliessen zu lassen. Indessen das Zusammentreffen jener Abweichungen mit dem Abbrechen der ansteigenden Reihenfolge der Maṇḍalas genügt doch wohl, um jenem Schluss eine ausreichende Wahrscheinlichkeit zu verleihen. Was ist nun aber die Einheit, welche diese von II—VII sich absondernden Hymnenmassen des achten Buches unter sich verbindet? Dass das achte »Buch der Pragâthas« zum grossen, wohl gar zum grössten Theil aus Liedern in andern Versmaassen als eben Pragâthas besteht, und dass umgekehrt zahlreiche Pragâthas ausserhalb dieses Buches¹ erscheinen, sieht Jeder.
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Ebenso wenig scheint in der Autorschaft der Kaṇvas das Band für die im achten Buch vereinigten Materialien liegen zu können. In grossen Gebieten dieses Maṇḍala werden die Kaṇvas nicht erwähnt; an einigen Stellen werden deutlich Sänger aus andern Familien genannt: ganz abzusehen von der Rolle, welche die Kaṇvas auch ausserhalb des achten, in umfänglichen Partien des ersten Buches spielen. Vielleicht führen uns aber eben die Stellen von VIII, an welchen Dichter aus den sonst in andern Maṇḍalas heimischen Geschlechtern auftreten, auf die richtige Spur. Verfasser von VIII, 35—38 ist ein Śyâvâśva, aus dem Hause der Atris. Könnten jene Lieder, ohne sich von ihrer Umgebung abzuheben, in dem Buche der Atris (V) stehen, in dem ja auch Śyâvâśva als Dichtername mehrfach auftritt? Schwerlich: der Ṭricabau von VIII, 35. 38, ausgeprägt in den theilweise durch die Lieder hindurchgehenden, theilweise nach den Ṭricas wechselnden Refrains würde diese Texte im fünften Maṇḍala als Singularitäten erscheinen lassen; im achten sind sie inmitten ähnlich gearteter Umgebungen durchaus an ihrem Platz. Was den Śyâvâśva dieses Buches von dem des fünften unterscheidet, ist also der Gebrauch einer Dichtform, welche auch die Kaṇvas und die meisten übrigen Dichter des achten Buches anzuwenden pflegen: des Strophenliedes, gleichviel ob dasselbe aus Pragâthastrophen oder aus Ṭricas besteht. Die beiden dem Atrigeschlecht gehörigen Hymnen VIII, 73. 74 sind gleichfalls unverkennbare Ṭricalieder.
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Also schon diese wenigen Hymnen der Atris in Buch VIII genügen, um eine Reihe sichrer Beispiele der Strophentheilung zu liefern, während die Atris von Buch V nicht oder doch nur in sporadischen Ausnahmefällen sich des strophischen Baus zu bedienen pflegen. Ebenso ist das einzige sicher characterisirte Gotamalied im achten Maṇḍala, 88, ein Pragâthalied, während sich in dem ganzen Gotamabuch IV kein einziger, in den Gotamapartien von I nur ein einziger Pragâtha findet. Das kann kein Zufall sein. Gewiss wird Niemand daran denken, im achten Buch eine Auslese der Strophenlieder aus der ganzen Saṃhitâ in ähnlicher Art erblicken zu wollen, wie Buch IX eine Auslese der Pavamânalieder ist: einer solchen Auffassung stände eine hinreichende Menge von Ausnahmen jener Art entgegen, welche die Regel keineswegs bestätigen. Aber eine ausgeprägte Vorliebe der Dichter für die Strophenform muss doch mit jenen Momenten, welche die Abgrenzung des achten Maṇḍala beherrscht haben, in irgend welchem Zusammenhang stehen. Kommen die Atris und Gotamas des achten Buches in dieser Hinsicht nicht mit den übrigen Atris und Gotamas, wohl aber mit den im achten Buch sonst hervortretenden Kaṇvas, mit den Vyaṣvas u. s. w. überein, so werden sie allem Anschein nach nicht zu jenen ihren Geschlechtsgenossen, sondern zu diesen dem Stamm nach ihnen fremden Sängern in Beziehungen gestanden haben, welche die gleichartige Handhabung der priesterlichen Poesie erklären.
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Also nicht direct das Geschlecht der Sänger, auch nicht direct die Liedform war das Entscheidende bei der Formirung des achten Maṇḍala, vielmehr die von den übrigen Dichterkreisen gesonderte Stellung einer gewissen Gruppe, oder richtiger mehrerer zusammenhängender Gruppen von Ṛishis, deren Liedern zwar nicht als ausschliessliches aber als vorherrschendes Merkmal die Form der strophischen Composition eigen war. In erster Linie gehörten Kaṇvas diesem Kreise zu und bildeten wohl dessen Mittelpunct. Aber auch einzelne Atris, Gotamas ¹ und Sänger verschiedener kleinerer Familien nahmen an der hier gepflegten eigenthümlichen Dichtweise theil. Und zwischen ihnen allen bestand offenbar eine Gemeinschaft, deren Festigkeit hinter der innerhalb jeder Sängerfamilie der Bücher II—VII herrschenden nicht weit zurückblieb: davon zeugen die zahlreichen durch das ganze Maṇḍala durchgehenden Wiederholungen ähnlicher Wendungen und Verstheile, welche hier genau so wie in den vorangehenden Büchern auftreten. Das Verhältniss jener weiteren, über den Gotrarahmen hinausgehenden Einheit dieses Kreises und der innerhalb desselben stehenden, von einander unterschiedenen, gentilisch begrenzten Gruppen spiegelt sich dann durchaus adäquat in der eigenthümlichen Anordnung des achten Maṇḍala wieder: jenen Gruppen entsprechen die Hymnengruppen, die hier unter Verzichtleistung auf eine durch das ganze Buch hindurchgehende Ordnung in ihrer Besonderheit stehen geblieben sind.
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Und es scheint, dass indirect mit diesen Verhältnissen auch die Abweichung des achten Buches von den übrigen in Bezug auf die Ordnung der Götterreihen innerhalb jeder Gruppe zusammenhängt: wo die einzelnen Götterreihen in ihrer Länge so wenig unterschieden waren, so oft nur aus einem einzigen Hymnus bestanden, wie dies innerhalb dieser vielen und kurzen Liedergruppen der Fall war, lag es nahe, nicht von der Liedzahl jeder Götterreihe ihre Ordnung abhängig zu machen, sondern die Verszahl, welche ohnehin für die zahlreichen Einzelhymnen allein in Betracht kommen konnte, auch für die mehrere Lieder enthaltenden Reihen in der Weise, wie es eben im achten Buch geschehen ist (oben S. 213), als maassgebend anzunehmen. —