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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c6.15

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c6.15

Language
German

c6.15

Die letzten Ausführungen greifen bereits zu der Frage hinüber, welcher Werth den Lesarten des Sâmaveda für die Kritik des Riktextes zuzuerkennen ist. Man möchte meinen, dass diese Frage mit hinreichender Sicherheit a priori beantwortbar sei. Wenn, wie es den Anschein haben kann, die Trennung der beiden Veden sich in einer Zeit vollzogen hat, in welcher der Textbestand der Opferhymnen noch ein mehr oder weniger flüssiger war und es für gleichgültig angesehen wurde, ob man etwa den Agni sudhito garbhiṇishu oder subhṛito garbhiṇībhiḥ nannte: so liesse sich unstreitig die Folgerung ziehen, dass aus jenem unbestimmt von Mund zu Munde gehenden Vorrath verschiedenartiger Textformen unmöglich die Redaction des einen Veda wie durch ein seltsames Verhängniss immer nur das Gute und Ursprüngliche, die des andern aber immer nur das Verderbte herausgegriffen haben könnte. Licht und Schatten müsste auf beiden Seiten wenn vielleicht nicht gleichmässig, so doch nicht absolut ungleich vertheilt sein ¹). In der That führt aber die Untersuchung der Varianten zu einem Resultat, das von dem eben hypothetisch hingestellten doch erheblich abweicht. Es ergiebt sich nämlich, wie wir zu zeigen haben werden, ein überaus entschiedenes Uebergewicht der Zuverlässigkeit auf Seiten der Rigveda-Tradition ²). Wenn man auch nicht sagen kann, dass die Ueberlieferung des Sâmaveda sich neben jener als absolut werthlos erweist, so steht sie doch an Bedeutung so ausserordentlich weit hinter ihr zurück, dass wir uns darauf hingewiesen sehen, die vorangestellte Prämisse der obigen Schlussfolgerung in Frage zu ziehen: hinter zwei Massen der Ueberlieferung, von welchen die eine so durchaus vertrauenswürdig ist, die andre, sehr wenige Puncte abgerechnet, so weit von dem Echten sich entfernt, kann nicht, wie wir angenommen hatten, ein und dasselbe schwankende Chaos nur halb feststehender Texte gelegen haben. Aus einem solchen würde kaum die geschulte Technik moderner philologischer Forschung, nie und nimmer aber das Wissen und Können altindischer Liturgiker im Stande gewesen sein, das Alte und Werthvolle so wie es im Rigveda vorliegt herauszufinden. Es muss also in jenem oder neben jenem Chaos eine auch für das indische Bewusstsein sich hervorhebende Ueberlieferungslinie von festerer Consistenz gegeben haben. Doch die nach dieser Seite zu ziehenden Folgerungen gehören an einen späteren Ort.