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Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c6.2

Die Hymnen des Rigveda, Bd. I: Metrische und textgeschichtliche Prolegomena c6.2

Language
German

c6.2

Die ältesten, für lange Zeiträume die einzigen Zeugen über die Gestalt und die Schicksale des Rigveda-Textes sind, neben der überlieferten Form dieses Textes selbst, die aus ihm in die andern Veden übernommenen Lieder, Verse oder Verstheile. Was für die Kritik der meisten literarischen Denkmäler die Mannichfaltigkeit besserer oder geringerer, verschiedenartig unter einander affliirter Handschriften ist, das ist — mutatis mutandis — die Vergleichung der übrigen Veden für den Rigveda, dessen Handschriften sämmtlich aus neuer und neuester Zeit stammen und im Wesentlichen dieselbe, seit lange feststehende Textrecension geben. Bald handelt es sich um Lieder des Rigveda, gedichtet für specielle rituelle Verwendungen, für welche dann schon in früher Zeit eigne secundäre Textbücher entstanden: so dass uns jene Lieder einerseits im Rigveda, dem Urcorpus der indischen Dichtung begegnen, andrerseits aber auch in der entsprechenden Specialsammlung. Bald wiederum treffen wir Rigveda-Verse an, deren sich die jüngere liturgische Praxis zu Verwendungen, welche ihrer ursprünglichen Bestimmung fern lagen, bemächtigt hat: auch solche sind vielfach, wiederum ohne darum ihre ursprüngliche Stelle im Ṛigveda zu verlieren, zugleich in andre Texte, in die Umgebung der verschiedensten fremdartig neben ihnen stehenden Hervorbringungen späterer Epochen hineinversetzt worden, wo sie, von deren Eigenthümlichkeiten berührt, uns ein nur mit der äussersten Vorsicht zu gebrauchendes Zeugniss für die alte Gestalt des Textes darbieten. Die Vergleichung der so in den andern Veden erhaltenen Textstücke, die uns nicht allein weit über unsre Ṛigveda-Handschriften, sondern auch weit über das Zeugniss von Werken wie dem Nirukta und dem Prâtiśâkhya hinaus in fernes Alterthum zurückführt, scheint auf den ersten Blick ein regelloses Schwanken der Textgestalt in jenen Zeiten zu beweisen, eine kaum beschränkte Freiheit, welche damals jeder Ueberlieferer des Vedatextes gegenüber den genaueren Details desselben für sich in Anspruch nahm. Bald aber ergeben sich unsrer Untersuchung Einschränkungen dieser Freiheit. Schon in den grossen Ritualtexten der Brâhmaṇa-Periode finden wir den Wortlaut der Texte, der früher ein flüssiger zu sein schien, wenigstens annähernd in festen Formen geronnen. Aber nicht nur dies; bei weiterem Eindringen entdeckt unsre Untersuchung auch die deutlichsten Anzeichen davon, dass schon in jenem der Brâhmaṇa-Literatur vorangehenden Zeitalter, für welches die grösste Freiheit in der Behandlung der Texte charakteristisch schien, thatsächlich doch zugleich eine entgegengesetzte Richtung vorhanden gewesen ist. Umgeben von jenem Treiben willkürlicherer Ueberlieferung hat sich als Kern der Vedatradition eine an Festigkeit und hoher, das Vorhandene achtender Treue unvergleichlich viel höher stehende Centralmasse der Ueberlieferung erhalten, deren Autorität durch die vergleichende Prüfung der von ihr abweichenden Traditionszweige nur um so schärfer hervortritt. Eine eingehende Untersuchung der hier berührten Verhältnisse wird, mag sie nun an positiven Ergebnissen für die Verbesserung des Vedatextes viel oder wenig herausstellen, in keinem Fall entbehrt werden können; erst vermöge einer solchen Untersuchung werden wir für unsre Schätzung der Texttradition einen festen, durch die Erkenntniss der vedischen Textgeschichte fundamentirten Ausdruck erlangen.